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Teil 2: Kindesmissbrauch – wie die Fahnder arbeiten

Pädophilen auf der Spur – ein heftiger Job

Gerade erst ist der Fall des massenweisen sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz im Lügder Ortsteil Elbrinxen bekannt geworden. Auch dort wurden die Opfer missbraucht, fotografiert und gefilmt. Die Sonderkommission „Eichwald“ ermittelt in mehr als 1000 Fällen an bislang 31 identifizierten Mädchen und Jungen. 51 Ermittler sind beteiligt. Wie Polizeibeamte arbeiten, um Tätern auf die Spur zu kommen, dokumentieren wir exemplarisch anhand der Arbeit der Kriminalpolizeiinspektion Rostock. Im zweiten Teil gehen wir thematisch weiteren Fragen nach.

veröffentlicht am 23.02.2019 um 07:54 Uhr

Jungs sind genauso von sexuellem Missbrauch betroffen wie Mädchen. Im Lügder Ortsteil Elbrinxen sind auf einem Campingplatz massenhaft Mädchen und Jungen missbraucht worden. Ermittelt wird in mehr als 1000 Fällen. Foto: dpa

Autor:

Joachim Mangler
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Sexting – es geht nicht nur um Missbrauch und Kinderpornografie

Ein Trend macht den Ermittlern große Sorgen: das Sexting – das unbekümmerte Versenden von Nacktbildern durch Jugendliche in Chats selbst. „Man muss wissen, die Zahl der 14-jährigen Mädchen im Netz ist begrenzt. Die Zahl der Männer, die sich als Mädchen ausgeben, ist aber unbegrenzt“, sagt Kriminalhauptkommissar Matthias Ritter von der Kriminalpolizeiinspektion Rostock. Er vermutet, dass sich hinter der Mehrzahl der angeblichen Mädchen im Netz ein Erwachsener verbirgt. Die Kinder würden früh sexualisiert. In der neugierigen Suche geraten sie auf Seiten, wo die Täter auf Opfer lauern. Der Kontakt wird enger, schaukelt sich hoch und führt manchmal zu Nacktbildern oder gar Filmen beim Masturbieren. „Oft ist Einsamkeit der Grund bei den Kindern, denn auf der anderen Seite ist jemand, der zuhört. Der Täter ist glücklich, er hat neues Material, an dem er sich ergötzen kann“, erläutert Ritter. Und neues Material sei oft der Eintritt in internationale Tauschbörsen, es sei die sogenannte Keuschheitsprobe.


Die mitunter hilflose Strafverfolgung

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Assistenzärztin Verena Blaas zeigt im Untersuchungsraum der Opferambulanz am Institut für Rechtsmedizin einen Fotoapparat und ein Winkellineal, mit denen Verletzungen dokumentiert werden. Foto: dpa

Die Vorratsdatenspeicherung zieht sich wie ein roter Faden durch die Argumentation der Rostocker Polizei. „Jeder akzeptiert, dass am Auto ein Nummernschild ist“, sagt Ritter. Wer zu schnell fährt, wird geblitzt, kann gefunden werden und zahlt Strafe. „Nur im Internet, mit Verbrechen in tausendmal schlimmeren Dimensionen, erlauben wir uns das nicht“, kritisiert er.

Die genaue Zahl der Polizisten, die bundesweit diese Form der Kriminalität bekämpfen, ist nicht bekannt. In Rostock ist ein Quartett aktiv. „Wir brauchen Experten in diesem Bereich, um überhaupt einen Fuß in die Tür zu kriegen“, sagt Kripochef Rogan Liebmann. Seinen Leuten sind dabei enge Grenzen gesetzt: Die Weitergabe von Kinderpornografie ist strafbar, auch für Ermittler. Deshalb versuche man, mit künstlichen, aber real wirkenden Bildern die Keuschheitsprobe zu bestehen und Zugang in Tauschbörsen zu bekommen.


Ist der Strafrahmen ausreichend? Derzeit gilt für den Besitz von Kinderpornografie eine Strafandrohung von maximal drei Jahren. Ein Ladendieb kann fünf Jahre bekommen. Die Mindeststrafe für sexuelle Gewalt gegen ein Kind beträgt aktuell sechs Monate – und sei somit nur ein Vergehen, erläutert Rainer Becker, Chef der Deutschen Kinderhilfe. Wohnungseinbruch sei dagegen mit mindestens einem Jahr Strafe zum Verbrechen gemacht worden. „Eigentum einen höheren Stellenwert einzuräumen als der körperlichen Unversehrtheit und der ungehinderten Entwicklung einer eigenen Sexualität unserer Kinder, ist einfach nur peinlich und absurd“, schimpft er.


Das Darknet – eine Sammelstelle für „clevere Täter

Das geheimnisumwitterte Darknet spielt für die Rostocker Fahnder keine tragende Rolle. Schon im „Hellnetz“ sei die Zahl der Straftäter so groß, dass die Zeit für die dunkle Variante nicht ausreiche. Möglicherweise sei die Qualität der Bilder im Darknet größer, vielleicht seien sie auch neuer. Aber letztlich landeten die meisten Bilder doch im offenen Internet. Allerdings gehe es im Darknet härter zu: Hinter Bezahlschranken sei Missbrauch sogar live zu verfolgen.


Das Bundeskriminalamt koordiniert die Fahndung

Als Zentralstelle der Polizei ist das Bundeskriminalamt für das Auswerten und Weiterleiten der Erkenntnisse an die Behörden zur Strafverfolgung zuständig. „Primäres Ziel ist es immer, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu verhindern beziehungsweise zu beenden“, sagt Matthias Wenz vom BKA-Referat zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs. Er sagt auch: „Der Konsum von Kinderpornografie steigert nachweislich das Risiko für die Begehung eigener Missbrauchshandlungen.“ 2017 wurde gegen 5669 Tatverdächtige wegen Kinderpornografie ermittelt, 800 mehr als im Jahr davor.


Die Täter – manche glauben, sie seien unschuldig

Der Rostocker Ermittler Ritter kennt die Ausreden, wenn die Fahnder fündig werden: „Zufällig findet man Kinderpornografie nicht“, sagt er. Wer solche Bilder auf seinem PC habe, sei Täter. Ritter berichtet von Vernehmungen, die mit Tränen endeten. Einmal fanden sie auf einem Rechner, prall gefüllt mit Fotos und Filmen, auch Einträge in Foren, in denen der Täter „Todesstrafe für Kinderschänder“ forderte. Denn manche seien der Meinung, sie begingen beim bloßen Anschauen keinen Missbrauch, da sie selbst das Kind nicht anfassten.


Therapie für Pädophile – „kein Täter werden“

„Die Pädophilie wird von der Weltgesundheitsorganisation als krankheitswertige Störung eingestuft, wenn der Betroffene darunter leidet oder von ihm eine Gefährdung ausgeht“, sagt Maximilian von Heyden, Mitarbeiter des Präventionsnetzwerks „Kein Täter werden“ an der Berliner Charité. Eine Schätzung gehe von einem Prozent der männlichen Bevölkerung mit einer sexuellen Ansprechbarkeit für den kindlichen Körper aus. Das setze sie nicht zwangsläufig unter Leidensdruck, viele wollten ihre Neigung nicht ausleben. Und: Der Großteil der Pädophilen begehe nie einen Übergriff. „Pädophilie hat nur dann einen Krankheitswert, wenn ein Leidensdruck da ist“, erläutert er. Schätzungsweise 60 Prozent der sexuellen Missbrauchstaten gegen Kinder würden zudem von Nicht-Pädophilen begangen. „Sexuelle Präferenz kann man nicht heilen – im Sinne von wegmachen“, bekräftigt von Heyden. „Behandeln kann man sie aber sehr gut, zum Aufbau einer Verhaltenskontrolle.“


Der „klassische“ Sexualstraftäter – auch er braucht Therapie

Auch bei den anderen 60 Prozent der Täter lägen massive Differenzen zu einem „normalen Sexualverhalten“ vor, sagt die Rostocker Strafverteidigerin Beate Falkenberg (50). Es gehe ihnen in erster Linie um Macht, aber auch um Gewaltfantasien und Praktiken, die sie in einer Partnerschaft nicht ausleben können. Der Blick auf die Sexualität mit wehrlosen Kindern, also die Umsetzung ihrer Neigung, gepaart mit der Anonymität des Internets, könne den verbrecherischen Reiz verstärken.

Sind diese Täter einmal geschnappt, bräuchten auch sie eine Therapie, sagt Falkenberg. Allerdings gebe es in den Gefängnisabteilungen oft viel zu wenig Therapeuten.

Das sehen auch die Ermittler der Kriminalpolizei Rostock so. Sie stoßen immer wieder auf Wiederholungstäter – auch das ist ein Faktor, der für zusätzlichen Frust in ihrem heftigen Job sorgen kann.




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