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Einige Geschichten haben Happy-End

Rattenfänger weltweit: Wo der Pfeifer sonst noch flötet

Wussten Sie, dass es einen „Rattenfänger von Korneuburg“ gibt? Die in Österreich verbreitete Sage ähnelt der Hamelner Sage sehr. Das Phänomen, dass Geschichten mit ähnlichen Motiven tatsächlich in verschiedenen Ländern auftauchen, sei sehr bekannt, sagt Wibke Reimer vom Hamelner Museum. Auch der Rattenfänger ist ein weltweit bekanntes Motiv.

veröffentlicht am 02.03.2019 um 06:30 Uhr

Seit 1898 thront ein Rattenfänger auf einem Brunnen vor dem Rathaus in Korneuburg. Foto: Stadler/Stadtmarketing Neukornburg
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Beim Aufräumen eines Kellers können so manche Erinnerungen wach werden – aber auch Fragen aufkommen. Wie bei Annelie Rumpfkeil, die beim Anblick eines gefundenen Bierkruges stutzig wurde. Auf dem Humpen war der Rattenfänger aufgedruckt, allerdings auch der Schriftzug „Rattenfänger von Korneuburg“. Die Hamelnerin war zunächst irritiert, brachte sie den Pfeifer bislang nur mit ihrer Heimatstadt in Verbindung. Aber ein Rattenfänger in Österreich? „Ich denke, das ist doch geklaut“, vermutete die Rentnerin.

Schmückt sich die unweit von Wien gelegene Stadt in Niederösterreich etwa mit fremden Federn? Die Korneuburger haben ihre eigene Rattenfänger-Sage, die der Hamelner bis ins Detail ähnelt. Allerdings führte der Pfeifer die Ratten dort in die Donau und Kinder schipperten mit ihm auf einem Kahn davon. Zurück blieben zwei Mädchen. Ein Taubes und eines, das am Ufer umgekehrt war, um sein Röcklein zu holen.

Nach Angaben des Hamelner Heimatforschers Ernst Spanuth heißt es in einer alten Stadtchronik von Korneuburg, dass nach dem Abzug der Schweden, die im Jahre 1646 die Stadt eingenommen hatten, eine große Rattenplage ausgebrochen war. Ein fremder unscheinbarer Wundermann aus Wien, der sich Hans Mäusloch nannte, soll auf einer Pfeife spielend die Ratten in die Donau geführt haben, „wo sie von den Wogen des Flusses fortgeschwemmt wurden“. Danach habe die Geschichte ursprünglich aufgehört. Erst viel später sei der Kinderauszug hinzugekommen.

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Die „internationalen Beziehungen“ des Hamelner Rattenfängers werden auf einer Landkarte der Stadt Hameln erkennbar. Foto: Stadt hameln

1998 brachte die Österreichische Post eine Sonderbriefmarke mit dem Pfeifer heraus. Schaut man sich in der 13 000 Einwohner zählenden Stadt Korneuburg um, stößt man unweigerlich direkt vor dem 1895 fertiggestellten Rathaus auf einen „Bunting“ mit goldener Flöte, der auf einem Brunnen thront. Den Rattenfänger-Brunnen hatten die Korneuburger 1898 aus Anlass ihres 600-jährigen Stadtjubiläums errichtet. Eine 2003 gebaute Sporteinrichtung hieß zunächst Rattenfänger-Stadion, büßte Jahre später aber ihren Namen ein.

Dass die Hamelner Sage abgekupfert wurde, sei sehr unwahrscheinlich, meint Wibke Reimer vom Hamelner Museum. „Ich würde es in den Bereich des Wandersagen-Phänomens verordnen“, sagt sie. Generell sei das Phänomen, dass Geschichten mit ähnlichen Motiven tatsächlich in verschiedenen Ländern auftauchen, sehr bekannt, so Reimer.

Das Spannende an der Sage aus Österreich sei, dass diese zunächst ohne Kinderauszug erzählt wurde, findet Hamelns Museumsleiter Stefan Daberkow. „In der Hamelner Sage ist der immer dabei, aber erst seit dem 16. Jahrhundert finden sich nach und nach Quellen, in denen der Teil mit den Ratten miterzählt wird. Irgendwann kam es zur Standardversion mit Ratten und Kindern“, meint Daberkow.

Gerade den Bestandteil mit den Ratten bezeichnet Wibke Reimer als Wandersagen-Element. Das gäbe es oft, etwa in Ungarn und in Mecklenburg-Vorpommern auf der Ostseeinsel Ummanz oder in Eberswalde, sagt Reimer, „immer dort, wo Ratten ausgetrieben wurden“. „Eine interessante Version, in der der Rattenfänger mit einer Kindesentführung droht, aber doch noch seinen Lohn bekommt, gibt es im mecklenburg-vorpommerschen Gadebusch.

Ähnlichkeiten zur Rattenfänger-Sage sind auch aus Belfast in Irland und aus dem kleinen Ort Drancy-les-Noues bei Paris bekannt. Spanuth sind sogar zwei Rattenfängergeschichten mit Happy-End bekannt. „In Spanien wird der Bürgermeister, der dem Rattenfänger den Lohn verweigern will, von der Bevölkerung gezwungen, den Flötenmann auszuzahlen. Der legt daraufhin sein Amt nieder, die Ratten verschwinden und die Kinder kehren heim“, schrieb Ernst Spanuth schon 1989 in der Dewezet.

In einer Sage aus Paraguay sollen Kinder dem Pfeifer in einen Berg gefolgt sein. Ein lahmes Kind sei vorher umgekehrt, heißt es. Auf dem Heimweg sei es auf eine Zauberflöte getreten. Als das Kind auf dem Instrument musizierte, tat sich der Berg auf und die entführten Kinder konnten zurückkommen. Im Gegensatz zu den Hamelner Kindern.

Information

Hamelns Museum bereitet Rattenfänger-Ausstellung vor

Im Museum Hameln startet ein Ausstellungsprojekt mit dem Ziel, die internationale Verbreitung der Rattenfänger-Sage zu beleuchten. Zur Umsetzung des Projektes sucht das Museum interessierte Menschen aus Hameln und der Region.

Die Erzählung um den Rattenfänger von Hameln ist in mehr als 30 Ländern verbreitet und gilt damit als eine der bekanntesten deutschen Sagen überhaupt. An ihrem Ursprungsort Hameln ist sie Teil der kollektiven Erinnerung und Identität. Das Museum Hameln besitzt die wohl größte Sammlung zum Thema weltweit, darunter auch internationale Rattenfänger-Literatur in 36 Sprachen. Die Aktualität und internationale Verbreitung der Sage ist bisher jedoch nur ansatzweise erarbeitet und im Museum dargestellt.

Dies soll sich nun durch das angestrebte Ausstellungsprojekt „Pied Piper International“ ändern. Welche Rolle spielt die Sage im Hameln der Gegenwart? Warum ist sie über Länder- und Kulturgrenzen hinweg beliebt? Und welche kulturübergreifenden Botschaften stecken in ihr? Diese und weitere Fragen versucht das Museum durch das Projekt zu beantworten. Ziel ist die Erarbeitung einer Sonderausstellung, die im Juni 2020 eröffnen soll. „Im Unterschied zu unseren anderen großen Ausstellungen wird diese in Zusammenarbeit mit einer Projektgruppe entstehen“, sagt Museumsleiter Stefan Daberkow. „Dafür suchen wir Menschen aus Hameln und der Region, die Lust haben, sich auf kreative Weise mit der Rattenfänger-Sage auseinanderzusetzen. Da wir vorhaben, die internationale Dimension der Sage in den Fokus zu rücken, richtet sich das Projekt in erster Linie an Menschen, die eine internationale Perspektive einbringen können, zum Beispiel durch einen Migrationshintergrund oder einen längeren Auslandsaufenthalt“, heißt es aus dem Museum. Helfen soll eine Kooperation mit Partner wie dem British German Club, der Türkisch-Islamischen Gemeinde, dem Netzwerk Nordstadt und der Deutsch-Französischen Gesellschaft. Ermöglicht wird das Vorhaben durch die Kulturstiftung des Bundes, die das Projekt mit 150 000 Euro aus dem Fonds Stadtgefährten fördert. Für die Koordination und die Umsetzung des Projekts konnte das Museum die Europäische Ethnologin Wibke Reimer gewinnen.

Interessierte Hamelner, die am Projekt teilnehmen möchten, können sich direkt per Email (reimer@hameln.de) oder unter der Telefonnummer 05151/2023956 an die Museumsmitarbeiterin wenden.




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