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Schichtunterricht im 19. Jahrhundert / Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg jeder zweite Schüler ein Flüchtling

Raumnot in der Dorfschule

Seit Jahrhunderten hat Baarsen bei Bad Pyrmont eine Dorfschule. Sie machte die Umbrüche der Zeit mit, erlebte bei den Schülerzahlen Höhen und Tiefen. Wie in vielen ländlichen Gebieten bereitet jetzt auch in Baarsen der Rückgang der Kinderzahl Sorgen um den langfristigen Bestand der Schule.

veröffentlicht am 13.04.2019 um 13:30 Uhr

Abriss der 1848 errichteten Baarsener Schule gut ein Jahrhundert später. Foto: pr

Autor:

Arno Zier
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Im Häuserkataster von 1755 wird Baarsens Schule als strohgedecktes Fachwerkhaus mit 22 Fuß Länge und 27 Fuß Breite (6,60 mal 8,10 Meter) beschrieben. Aus dem zweiten Saalbuch von 1759 geht der Standort hervor: „Das Leibzuchthaus gegenüber dem vahlbruchischen Fahrweg vor dem Schulhause.“ In der ersten bekannten Baarsener Schulchronik berichtete Lehrer August Wolfram 1881: „Das neue Schulhaus der Gemeinde Baarsen wurde im Jahre 1848 an der Kreisstraße nach Vahlbruch gebaut. Es umfasste die Schulstube (…), die Räume der Lehrerwohnung (…) sowie vier abgabefreie Gärten.“

Die Schule wurde 1881 von 84 Kindern besucht. Es gab eine „Oberklasse“ mit zwei und eine „Unterklasse“ mit drei Abteilungen. 41 Schüler gingen in die „Frühschule“, 43 in die „Nachmittagsschule“. Ab jenem Jahr wurde zudem eine regelmäßige „Fortbildungsschule“ angeboten: montags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr. Teilnehmer waren vorwiegend Bauernsöhne, die bereits die Volksschule absolviert hatten. Außerdem wurde mittwochs und sonnabends eine zweistündige „Näh- und Strickschule“ eingerichtet.

Das Einkommen des Lehrers, der auch das Amt eines Dorfschiedsmannes innehatte, betrug 1000 Mark jährlich. Davon musste die Gemeinde 775 Mark aufbringen, der Staat den Rest. Zusätzlich bekam der Lehrer freie Wohnung, freien „Brand“ (fünf Malter Holz) und freie Nutzung der Schulgärten. Außerdem mussten ihn die Einwohner mit „Betglockenbroten“ und „Groschen“ als Schulgeld unterstützen. Über die Baarsener schrieb der Chronist: „Nach der letzten Volkszählung am 1. Dezember 1880 zählte Baarsen 426 Seelen. Confession: evangelisch. (…) Der größte Teil der Bewohner treibt die Landwirtschaft. Strümpfewirken als Ernährungszweig fast eingegangen.“

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Die Schule in Baarsen nach dem Umbau im Jahre 2002. Foto: uk

Am 1. April 1922 ging das Gebiet Waldeck-Pyrmont an Preußen. Die Schule in Baarsen war fortan der preußischen Regierung unterstellt. Im Winter 1922 wurde über den Anschluss des Dorfes an das Netz des Elektrizitätswerkes Wesertal verhandelt. Die Bevölkerung war aus Kostengründen mehrheitlich dagegen, der Gemeinderat stimmte jedoch dafür. Im Frühjahr 1923 bekam die Schule Strom.

1924 wurde die Knaben-Fortbildungsschule für 14- bis 17-Jährige erneut eingerichtet und 1927 durch Hauswirtschaftskunde und Gesundheitslehre ergänzt. 1931 beschlossen die Gemeinden Neersen, Eichenborn und Baarsen den Bau einer Wasserleitung, von der auch die Baarsener Schule profitierte. Die Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 begrüßte Lehrer Karl Möhlenbein als Ausdruck für den „Willen zur Volksgemeinschaft“. Reden Hitlers hörte die Schülerschaft per Radiogerät. Zwei Fahnenmasten wurden aufgestellt und die Hakenkreuzflagge gehisst. Am 29. August 1933 wurden die Lehrer und Gemeindebeamten durch den Landrat auf den Reichskanzler vereidigt. Der „Staatsjugendtag“ wurde eingeführt. Die Schüler, die den nationalsozialistischen Jugendverbänden wie HJ und BDM angehörten, waren sonnabends vom Unterricht befreit, damit sie an NS-Schulungen teilnehmen konnten. Die „NS-Schulgemeinde“ als Verzahnung von Schule, Elternhaus und Staat wurde 1934 geschaffen. Der Lehrer als Führer der Schulgemeinschaft berief dazu „Jugendwalter“ aus dem Kreise der Elternschaft, die Hitlerjugend entsandte einen Vertreter.

Die Mehrheit im Dorf war 1922 gegen den Anschluss ans Stromnetz

1937 wurde die Lehrerstelle durch Hermann Evers besetzt. Er beschwerte sich mehrfach über den baulichen Zustand der Schule und setzte sich für einen Neubau ein. Der Schulbeirat war davon jedoch nicht zu überzeugen. Die Weihnachtsferien 1940/41 mussten wegen Brennstoffmangels bis zum 6. Februar verlängert werden. Der Verkehr war durch Schneemassen bis Ende jenes Monats lahmgelegt.

Nach der Besetzung Bad Pyrmonts zunächst durch die US-Truppen unterstand der Bezirk der Militärregierung. Die Schule blieb erst einmal geschlossen, alle Lehrbücher mit NS-Gedankengut wurden verbrannt. Am 7. Oktober 1945 erteilte das Schulamt die Genehmigung zur Wiedereröffnung. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Hermann Ehrlich als Lehrer nicht bestätigt; 1946 erhielt Julius Kozig die Stelle. Mangels Schulbüchern und Heften gestaltete sich der Unterricht schwierig. Im Juni 1946 wurde eine große Anzahl von Flüchtlingen im Dorf einquartiert – die Schülerzahl stieg von 42 auf 81. Davon waren 47 Flüchtlingskinder. Wegen der problematischen Verpflegungssituation gab es von Februar bis April 1948 eine Schulspeisung. Jedes Flüchtlingskind erhielt täglich eine Portion warmes Essen. Die Währungsreform am 20. Juni 1948 verbesserte auch die Versorgung mit Lehr- und Lernmitteln.

Angesichts von nun 92 zu unterrichtenden Kindern beschloss der Gemeinderat 1950 auf Drängen der Eltern, eine zweite Lehrerstelle einzurichten. Gerhard Agather trat diesen Posten an. Weil die Kinder mangels Platz am Vor- und am Nachmittag unterrichtet werden mussten, beschwerte sich die Elternschaft. Sie wurde auf den Schulneubau, den der Gemeinderat 1950 beschloss, vertröstet. Kozig schildert: „Das Klassenzimmer mit einer Grundfläche von 6 mal 6 Meter reichte kaum für 40 Kinder aus und ist für 90 Kinder völlig unzulänglich. Die Kinder mussten dicht gedrängt, zum Teil auf Notsitzen, am Unterricht teilnehmen, und daraus ergeben sich große Nachteile für einen erfolgreichen Unterricht.“ 1956 wurde die neue Schule eingeweiht. Siegfried Kikillus übernahm 1962 die Leitung. Er richtete das 9. Schuljahr ein. Ab 1966 war Karl-Heinz Gerstenberger Leiter der Baarsener Schule. 1969 wurden die 7. und 8. Schuljahre nach Bad Pyrmont in die Herderschule verlegt; die 9. Klasse in Baarsen lief aus. Nachdem die Volksschule Eichenborn aufgelöst worden war, kamen die dortigen 1. bis 4. Klassen nach Baarsen. Ein Fahrdienst wurde für sie eingerichtet. Ab 1972 war die Schule Baarsen die alleinige Grundschule für alle Pyrmonter Bergdörfer.

Erst 1989 erhielt die Schule eine Außensportanlage. 1986 wurde erstmals eine vierte Lehrkraft eingestellt. Aufgrund der Enge und der steigenden Schülerzahlen beschloss die Gesamtkonferenz 1998, den Bau eines weiteren Klassenraumes zu beantragen. Neubau, Renovierung des Altbaus und Umgestaltung des Schulhofes wurden 2001 abgeschlossen. Im selben Jahr übernahm Arno Zier die Schulleitung. Die „Offene Ganztagsschule“ wurde 2010 begonnen und trotz anfänglicher Finanzierungsschwierigkeiten ausgebaut. Erika Könner wurde 2017 zur kommissarischen Schulleiterin berufen.




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