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Eine Attraktion, die eigentlich niemand wollte

Reportage: Ein Nachmittag an der Weihnachtsmarkt-Baustelle

HAMELN. Zwischen Crêpe-Stand und Almhütte klafft ein Loch im Altstadtpflaster: Die Baustelle im Budenzauber zieht die Blicke auf sich – und steht irgendwie auch für die Vorweihnachtszeit. Ein Besuch an der Baugrube.

veröffentlicht am 27.11.2018 um 15:53 Uhr
aktualisiert am 27.11.2018 um 19:30 Uhr

Stein für Stein zurück zur Normalität: Am Dienstagvormittag ist der Schacht so gut wie verfüllt, das Altstadtpflaster größtenteils an seinen alten Platz zurückgekehrt. Fotos: WAL
Muschik, Moritz

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Moritz Muschik Volontär zur Autorenseite
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Das Rattern des Baggers vermischt sich mit den Tönen des Glockenspiels. Die gelben Rundumleuchten des Kipplasters lassen die Bude immer wieder aufblinken, in der Rudi Marx gerade Nutella auf einem Crêpe verteilt. „Wir nehmen es so, wie es ist“, sagt der Betreiber und faltet den kleinen, dünnen Pfannkuchen mit dem Holz-Wender zusammen. Was er meint, ist das Hindernis direkt vor seinem Stand: An der Ecke vor dem Hochzeitshaus muss nach einem Schaden am Leitungsnetz eine Fernwärmeleitung erneuert werden – mitten auf dem Weihnachtsmarkt.

Während Erde von der Schaufel des Baggers in den Schacht rieselt und die Rohre tief unten zu bedecken beginnt, steht Hans-Jürgen Schmolke mit einem Bratwurst-Brötchen in der Hand am Absperrgitter und beobachtet die Arbeiten in der Baugrube. Ein „Vorzeigebild“ gebe die Baustelle inmitten der Buden natürlich nicht ab, sagt er. „Aber es war nun mal nicht abzusehen.“ Der Passant hofft, dass die Arbeiten nicht allzu lange dauern. Und das werden sie auch nicht. Am Dienstag ist das Pflaster größtenteils zurück an seinem alten Platz. Nur eine etwa neun Quadratmeter große Baugrube bleibt fürs Erste, um die noch fälligen Tiefbauarbeiten in den nächsten Tagen zu erledigen. Ab Mittwoch soll tagsüber nicht mehr gearbeitet werden. Das war in den vergangenen Tagen anders.

Wir wollten den Weihnachtsmarkt retten. Diese Herausforderung haben wir gern angenommen.

Björn Joachim, Aerzener Ga-La-Bau

Mitarbeiter der Firma Aerzener Ga-La-Bau waren auch nachts im Einsatz, um „den Weihnachtsmarkt zu retten“, wie Geschäftsführer Björn Joachim sagt. „Im Wechseldienst waren es bis zu 20 Mitarbeiter“, erzählt er. Die Auftragsbücher seines Unternehmens seien eigentlich voll gewesen. Nachdem jedoch Wasserdampf aus einem Revisionsschacht am Markt entwichen war und Mitarbeiter des Energieversorgers und Auftraggebers Enertec Druckschwankungen im Haus eines Kunden festgestellt hatten, kam der Fernwärmeschaden als Notfall hinzu. „Die Herausforderung haben wir gern angenommen“, sagt Joachim. „Aber die Arbeiten waren auch kräftezehrend.“ Sie zehrten auch an den Kräften, weil die Baustelle den vorweihnachtlichen Trubel noch verstärkt.

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Rudi Marx und seine Frau Helga sind mit ihrem Crêpe-Stand von der Baustelle betroffen. Foto: mo
  • Rudi Marx und seine Frau Helga sind mit ihrem Crêpe-Stand von der Baustelle betroffen. Foto: mo
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Rudi Marx und seine Frau Helga sind mit ihrem Crêpe-Stand von der Baustelle betroffen. Foto: mo
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So zieht am Montag eine Mutter mit Kinderwagen genervt an den Absperrgittern vorbei: „Wer kam auf diese Idee?“, zischt sie. „Manche Passanten gaffen, die meisten zeigen Verständnis, manche weniger“, verrät ein Bauarbeiter, bevor er zur Kettensäge greift – und einen Holzpfahl an der Baugrube stutzt. Umgeben von Weihnachtsmarktbesuchern, umzäunt von Absperrgittern, sei die Arbeit nicht immer einfach. „Fehlt nur noch, dass an den Gittern ein Schild steht: Füttern verboten“, meint der Arbeiter und schmunzelt.

Tatsächlich ist die Baustelle im Budenzauber eine echte Attraktion. Passanten wie Melina Weide und Luca Mielczarek bleiben stehen, beobachten die Arbeiten interessiert. Manche Besucher schütteln aber auch den Kopf. „Eine Baustelle ist anscheinend interessanter als der Weihnachtsmarkt“, meint ein Mann über die Zuschauer, die am Gitter lehnen. Eine Frau sagt im Vorbeigehen: „Hier stehen mehr Besucher als an den Buden.“

Die Besucher, die zu Lisa Uhle an den Stand kommen, seien jedoch nicht verärgert. „Sie zeigen eher Mitgefühl, dass mein Stand von der Baustelle betroffen ist“, sagt sie. Die Finnin verkauft Honig aus ihrem Heimatland. Sie hat in Leipzig Dolmetschen studiert und ist nicht zum ersten Mal auf dem Hamelner Weihnachtsmarkt. Mit dem Honig-Stand ist sie in diesem Jahr aber umgezogen – ungeplant direkt vor die Baustelle.

Ein Symbol für die Vorweihnachtszeit?

Die notwendigen Arbeiten betreffen auch die Almhütte von Otto Schlüter. Erst hieß es sogar, dass seine Bude abgebaut werden müsse. Zum Glück für den Unternehmer durfte sie stehen bleiben. „Wir müssen es nehmen, wie es kommt“, sagt Schlüter, dessen Mitarbeiter unter anderem Bratwurst anbieten. „Wir verkaufen Lebensmittel, die frisch sein müssen“, erzählt der Betreiber, der kurz nach Bekanntwerden der Baustelle meinte: „Wenn die Leute nicht an die Hütte herankommen, bleiben die aus.“

Gegenüber der Almhütte steht Stadtmanager Dennis Andres zwischen zwei Ständen und beobachtet, wie ein Arbeiter in die Baugrube steigt. Dann klingelt sein Handy. „Bis auf ein paar Meckereien war das für den Start am Montag noch in Ordnung“, sagt Andres später. „Am Wochenende wäre die Baustelle schon zu einem größeren Problem geworden.“ Ärgerlich sei jedoch, dass ein Fernsehteam nicht überall auf dem Weihnachtsmarkt drehen konnte.

Das TV-Team ist an diesem Montag unterwegs, um einen Beitrag für „Hallo Niedersachsen“ im NDR zu produzieren. Um die Baustelle im Herzen des Weihnachtsmarktes geht es ausnahmsweise aber nicht. „Das ist nicht unsere Baustelle“, sagt die Journalistin mit dem blauen Mikrofon in der Hand und lacht. Alle Blicke zieht die Baustelle offenbar doch nicht auf sich.

Und irgendwie steht sie trotzdem ein bisschen für die Vorweihnachtszeit. Da ist der stressige Trubel, der an der Baustelle zu beobachten ist. Da sind die Arbeiter, die Tag und Nacht im Einsatz sind, um möglichst schnell zur Besinnlichkeit zurückzukehren. Da ist das Hindernis, über das Hameln spricht. Und so passt es auch zu dieser Zeit, dass Björn Joachim seine Mitarbeiter am Abend auf einen Glühwein einlädt, um sich für ihren Einsatz im Herzen des Weihnachtsmarktes zu bedanken.

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