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Arbeit an der Schleuse: Andreas Wieneke muss zuweilen auch in der Nacht raus

Schiffe senken per Knopfdruck

HAMELN. „Schütz auf“ steht neben dem kleinen, quadratischen Knopf, den Andreas Wieneke an diesem windigen Vormittag drückt. Bei nasskalten 5 Grad an der Schleuse sind seine Finger kühl. Der Bereich unter dem Knopf ist schon etwas abgenutzt. Wieneke, der einen Sankt-Pauli-Pullover unter der Dienstjacke trägt, hat ihn oft gedrückt, um Schiffe am Weserwehr vorbei zu schleusen. Seit über 20 Jahren arbeitet er hier als Schichtleiter.

veröffentlicht am 26.01.2019 um 13:17 Uhr

Arbeitsplatz seit den 90er Jahren: Andreas Wieneke aus Tündern steht an der Hamelner Schleuse. Auch sein Vater hat einst beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt gearbeitet. Über ihn ist er auf den Job aufmerksam geworden. Foto: mo
Muschik, Moritz

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Eigentlich ist Andreas Wieneke Elektromaschinenbauer. Der Vater von zwei Kindern hat diesen Beruf einst bei Rudolph Elektromotoren an der Pyrmonter Straße erlernt. Das war nach der Schulzeit, vor der Bundeswehr, vor seinem Job bei Wesergold – und vor seiner Ausbildung an der Hamelner Schleuse. Wienekes Vater hat einst selbst beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt gearbeitet. „Er hat mich damals darauf gebracht, als eine Stelle ausgeschrieben war“, erzählt er. Seit fast 22 Jahren arbeitet Wieneke inzwischen schon als Schichtleiter. Im Vergleich zu seinem ersten Ausbildungsbetrieb hat er die Straßenseite gewechselt. Die Hamelner Schleppzugschleuse, die zwischen 1929 und 1933 gebaut und mehrfach modernisiert wurde, ist nicht weit von der Pyrmonter Straße entfernt.

Wenn Wieneke Frühschicht hat, beginnt sein Dienst um 7 Uhr. Dann steht zunächst ein Kontrollgang auf dem Plan: „Da wird auch geschaut, ob zum Beispiel Flaschen auf die Mauern geschmissen wurden“, sagt der 45-Jährige. Auch sonst gehören neben dem eigentlichen Schleusen einige Aufgaben zum Job von Wieneke, der auch Betriebsstellenleiter ist.

Zwei Fußballfelder groß ist die Fläche rund um die Schleuse

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Foto: Mo

Dazu gehört zum Beispiel die Kontrolle der Ampelanlage. Außerdem wird täglich eine sogenannte Schwebstoffmessung durchgeführt. Hintergrund: Wasserproben aus der Weser werden monatlich eingeschickt. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde stellt dann fest, welcher Anteil an Schwebstoffen im Wasser enthalten ist. Dazu zählen etwa abgetragene Böden oder Mikroorganismen. „Momentan ist das Wasser wieder sehr dreckig“, sagt Ralph Schwekendiek, der als Wasserbaumeister beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt angestellt ist. Er wird gerufen, wenn es technische Probleme an der Schleuse gibt.

Viele andere Aufgaben erledigt das Team an der Schleuse selbst. Dazu gehören auch Reparatur- und Pflasterarbeiten oder das Überprüfen der Rettungswesten. „Alle Rettungswesten vom Wasserstraßenschifffahrtsamt Hann. Münden werden bei uns gewartet“, erklärt Wieneke. Für die Westen gibt es einen speziellen Raum. Darüber hinaus muss die neue Antennenanlage für den Funkbetrieb regelmäßig kontrolliert werden. „So ist immer irgendwas zu tun.“ Wenn sich ein Schiffsbetrieb für eine späte Durchfahrt angemeldet hat, steht Wieneke auch schon mal in der Nacht an der Schleuse.

Im Sommer 2018 waren es dabei zeitweise wenig Schiffe, die überhaupt unterwegs waren. „Selbst Motorboote konnten bei dem niedrigen Wasserstand nicht mehr fahren“, erklärt Wieneke. Langeweile kam trotzdem nicht auf. „Wir pflegen das gesamte Schleusengelände“, sagt der Schichtleiter. Die Fläche, die gepflegt werden muss, ist beachtlich: Rund um die Schleuse sind es allein 12 000 Quadratmeter Rasen. Das entspricht ungefähr zwei Fußballfeldern. Doch auch diesen Teil der Arbeit schätzt Wieneke an seinem Job an der Hamelner Schleuse.

Information

Die Hamelner Schleuse ist „krumm“

Die Schleusen-Geschichte Hamelns beginnt im Jahre 1732. Damals wurde mit der Arbeit an einem Bauwerk dieser Art an der Weser begonnen. Zwei Jahre später war es soweit: „Den 25. September 1734 ist diese Schleuse zum erstenmahle geöffnet, und glücklich befahren worden, wobey man angemercket, daß ein jedes Schiff binnen weniger als 5 Minuten diese grosse Schleuse paßiren können.“ So ist der denkwürdige Tag im 1748 erschienenen „Universallexikon aller Wissenschaften und Künste“ festgehalten worden. Die Entwicklung der Dampfschifffahrt machte 1871 den Bau einer neuen, größeren Schleuse notwendig.

Die heutige Schleuse wurde 1933 fertiggestellt und zeichnet eine Besonderheit aus. Wer vom Münster auf sie hinunterschaut, stellt fest, dass sie nicht gerade ist, sondern eine Krümmung aufweist. Für diese Bauform gibt es einen triftigen Grund. Bei der Hamelner Schleuse handelt es sich um eine Schleppzugschleuse. Das bedeutet, dass hier ein Schleppverband mehrere Schiffe zog; dieser Schleppverband konnte weit über hundert Meter lang sein. Die Krümmung der Schleuse ist baulich so umgesetzt worden, weil sie in der gedachten Verlängerung direkt auf die Hafeneinfahrt zeigt; im Hafen wurden die Ladungen der Schleppverbände gelöscht. Wäre sie gerade, hätte ein langer Schleppverband nicht direkt in die Hafeneinfahrt gelangen können und rangieren müssen.

Einige Angaben zur Hamelner Schleuse, die zum Dienstbereich des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Hann. Münden gehört: Sie ist 225 Meter lang, 12,50 Meter breit und hat eine Fall- beziehungsweise Hubhöhe von 3,17 Meter.

1957 registrierte die Schleppzugschleuse in Hameln noch 1813 Frachter, 1998 waren es gerade noch 27. Heute passieren hier fast nur noch Sportboote und Fahrgastschiffe.




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