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Einsatz im Weserbergland

Schmuggler, Speed, Schnüffler: Unterwegs mit dem Zoll

Rauschgift, Zigaretten, Waffen, große Mengen Geld, artengeschützte Tiere - Schmuggelgut wie dieses zu finden ist ihr Ziel. Wir haben eine 14-köpfige Spezialeinheit des Hauptzollamts Hannover bei der Arbeit begleitet.

veröffentlicht am 20.08.2018 um 13:44 Uhr

Fahndung nach Schmugglern – Beamte der Spezialeinheit „Verkehrswege“ durchsuchen ein Fahrzeug auf dem Autobahnparkplatz. Foto: leo
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Leonhard Behmann Volontär zur Autorenseite
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Dem blonden Mann mit dem raspelkurzen Haarschnitt und der Ray-Ban-Sonnenbrille, der neben seinem roten Alfa Romeo steht, ist nicht wohl in seiner Haut. Er kaut auf seinen Fingernägeln, blickt sich immer wieder um – und tigert ruhelos hinter dem Auto hin und her. Seine Nervosität versucht der Holländer zu kaschieren, indem er auf cooler Typ macht. „Darf man mal ein Foto machen?“, fragt er den grün-uniformierten Mann, der gerade den Kofferraum des zehn Jahre alten Sportwagens ausräumt.

Zollhauptsekretär Marcel möchte seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen – aus Angst vor Racheakten. Der 38-jährige Vollzugsbeamte gehört einer 14-köpfigen Spezialeinheit des Hauptzollamts Hannover an. Der Kontrolleur hat die Frage registriert – er schaut nur kurz zu Seite, verdreht die Augen und schüttelt lächelnd mit dem Kopf. Seine Antwort könnte kürzer nicht ausfallen: „Nein!“ Zollhauptsekretär Marcel und seine Kollegin Hauptsekretärin Christine (38) sind auf der Suche nach Schmuggelgut – Rauschgift, Zigaretten, Waffen, große Mengen Geld, artengeschützte Tiere. Das Duo gehört zur KEV – der Kontrolleinheit Verkehrswege des deutschen Zolls.

Wer diesen Job macht, möchte daheim keinem Besucher aus dem Milieu begegnen. „Nicht selten versuchen Kriminelle, Zöllner zu bedrohen“, erzählt Marcel, der Wert darauf legt, nicht als Fahnder bezeichnet zu werden. Aus Sicherheitsgründen sind die Kennzeichen der Privatwagen, die die KEV-Beamten fahren, für Halterabfragen „gesperrt“. „Nicht einmal die Polizei hat Zugriff auf unsere Daten“, sagt der Zollhauptsekretär.

Spürhund Keano hat eine feine Nase. Wenn er an einer Stelle verharrt, zeigt er seinem Herrchen Marcel damit an, dass er Rauschgift gefunden hat. Foto: leo
  • Spürhund Keano hat eine feine Nase. Wenn er an einer Stelle verharrt, zeigt er seinem Herrchen Marcel damit an, dass er Rauschgift gefunden hat. Foto: leo

Seine Kollegin wird fündig. Mit Daumen und Zeigefinger fischt Christine einen Joint aus der Innentasche einer schwarzen Lederjacke. Die Zöllnerin trägt blaue Einmal-Handschuhe. Sollte sie auf Beweismittel stoßen, will sie darauf weder Fingerabdrücke noch DNA hinterlassen. „Der hier ist bei uns nicht erlaubt“, belehrt sie den jungen Mann. Auch wenn die Menge an Rauschgift gering ist, ein Ermittlungsverfahren wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln werden die Zöllner dennoch einleiten. „In Deutschland gilt: Null Toleranz“, erklärt Zollhauptsekretär Marcel. Der kiffende Holländer ist einer von mehr als 6000 Verdächtigen, die Jahr für Jahr von der KEV aus Hannover kontrolliert werden. Letztes Jahr haben die Beamten 4500 Autos, Lastwagen, Reisebusse, Sportboote und sogar Kleinflugzeuge kontrolliert. Elf Menschen wurden festgenommen.

Seit dem Wegfall der Grenzkontrollen ist die Arbeit der KEV die einzige Möglichkeit, Schmuggler auf frischer Tat zu ertappen. „Gerade die Autobahn 2 als Ost-West-Tangente ist bei dieser Tätergruppe sehr beliebt. Auf dieser Strecke werden vor allem Drogen aus den Niederlanden in den Westen und Zigaretten aus Polen nach Deutschland geschmuggelt“, sagt Zollamtsinspektor Oliver Keuck vom Hauptzollamt. Im Jahr 2017 hat die Kontrolleinheit 38 Kilogramm Drogen – Speed, Kokain, Heroin, Chrystal-Meth, Ecstasy, LSD, Haschisch, Marihuana – sichergestellt. Doch die Suche nach Schmugglern werde immer schwieriger, sagen die Zöllner. Mittlerweile würden auch Rentner, die sich etwas dazuverdienen wollen, oder Familien mit Kleinkindern Rauschgift über die Grenze bringen – „sie verstecken die Drogen zwischen Feuchttüchern oder in ausgehöhlten Kindersitzen“, sagt der Zollamtsinspektor.

Auf der Raststätte Auetal geht die Suche nach Drogen weiter. Die Zöllner wissen: „Wo ein Joint ist, kann noch viel mehr zu finden sein.“ Marcel holt deshalb seinen vierbeinigen Kollegen Keano aus dem Zivilwagen. Der zwölf Jahre alte schwarze Labrador liebt den Geruch von Drogen. Der Spürnase bereitet es Freude, Rauschgift zu suchen und zu finden. Hundeführer Marcel lässt seinen vierbeinigen Schnüffler zunächst die Koffer und Taschen beschnuppern. Danach springt der Rüde ins Auto und sucht die Stoffsitze und Fußräume mit seiner feinen Nase ab. Angespannt verfolgt der 30-jährige Holländer die Kontrolle. Zöllnerin Christine hat ihn fest im Blick: „Man kann in den Augen eines Verdächtigen lesen, wie er reagieren wird.“

Wenn Keano an einer Stelle verharrt, weiß sein Herrchen, dass er etwas gefunden hat. „Mit seiner Nase bleibt er immer am Versteck“, sagt Zollhauptsekretär Marcel. Diesmal findet Keano aber nichts. Erst vor Kurzem hat die Supernase auf der Raststätte Schafstrift 34 Kilogramm Amphetamine in einem Auto aufgespürt.

1500 Meter weiter östlich. Autobahnkilometer 268,7. Wie Angler am Karpfenteich wartet die Besatzung von „Klipper 47-11“ auf den großen Fang. Ihren weiß-grünen Streifenwagen haben Zollhauptsekretär Jörg und seine Kollegin Myriam auf dem Grünstreifen neben der Autobahnauffahrt Rehren geparkt. Die Kontrolleure nehmen Lastwagen und Autos ins Visier, die an ihnen vorbeirauschen. In Bruchteilen von Sekunden müssen die KEV-Leute entscheiden, ob ihnen ein Fahrzeug verdächtig vorkommt. Der „Nasenfaktor“, wie die Zöllner sagen, entscheidet, wen sie aus dem Verkehrsfluss fischen. Ausländische Kennzeichen erwecken stets ihr Interesse. „Da, der weiße Transporter“, ruft Zollhauptsekretärin Myriam plötzlich und zeigt auf einen vorbeirasenden Sprinter aus Litauen. Ihr Kollege Jörg nickt nur kurz, drückt das Gaspedal durch und nimmt mit Vollgas die Verfolgung auf. Der 190 PS starke Motor des VW Passat heult auf, der Drehzahlmesser zeigt 5000 Umdrehungen an. Mit 180 Sachen geht es Richtung Osten. Myriam greift zum Funkgerät und informiert die Kollegen, die an anderen Orten auf der Lauer liegen. „Klipper 47/11 nimmt den weißen Kastenwagen.“ Ermittler Jörg fährt neben den Transporter. Erst jetzt kann Kontrolleurin Myriam einen ersten Blick ins Innere des Wagens werfen. „Alleinfahrer, Raucher“, meldet sie ihrem Kollegen kurz und knapp. Jörg schert wenige Meter vor dem Litauer ein und schaltet mit einem Knopfdruck die Lichtzeichenanlage zwischen den beiden Blaulichtern auf dem Dach des Streifenwagens ein. Eine rote Leuchtschrift signalisiert dem Autofahrer auf Deutsch und Englisch, was er zu tun hat: „Zoll! Bitte folgen! – Customs! Follow me!“ Das Team lotst den Fahrer auf die Raststätte Lauenau. Die Zöllner haben den Verdacht, dass der Mann Tabak über die Grenze geschafft hat. „In Litauen sind Zigaretten sehr billig, und in einem Kastenwagen gibt es viele Möglichkeiten, Schmuggelware zu verstecken“, sagt Myriam.

„Guten Tag, deutscher Zoll. Wir führen eine Kontrolle durch“, teilt sie dem Fahrer mit. Am Gürtel von Jörg hängt die Dienstpistole – er sichert seine Kollegin. „Man weiß nie, wem man auf der Autobahn begegnet – Mörder, Vergewaltiger, Räuber – man kann hier auf jeden treffen“, sagt er, ohne den Litauer aus den Augen zu lassen. Die Zöllner lassen sich Ausweis und Fahrzeugpapiere zeigen. Die Zollkontrolleure wollen einen Blick ins Innere des Kastenwagens werfen und fordern den Mann auf, die Hecktüren zu öffnen. Zöllnerin Myriam klettert in den Laderaum, in dem sich auf den ersten Blick nur Werkzeug befindet. Nach kurzer Zeit steht fest: Im Fahrzeug befindet sich kein Schmuggelgut. Doch noch ist die Kontrolle nicht zu Ende. Myriam setzt sich in den Streifenwagen und telefoniert mit der Zollleitstelle in Wilhelmshaven. Die Kollegen am Jadebusen schauen im Polizeiregister Inpol nach, ob der Litauer zur Fahndung ausgeschrieben ist. Mit dem Vollstreckungsprogramm Bengali prüfen die Disponenten zudem, ob der Autofahrer Steuerschulden hat. „Wenn ja, dann muss er die Strafe vor Ort bezahlen, oder wir beschlagnahmen das Auto“, sagt die Zöllnerin. Nach einer Minute steht fest: Gegen den Mann liegt nichts vor.

Die Zöllner Myriam und Jörg setzen ihre Kontrolle fort, scannen wieder den Verkehr. Lange müssen sie nicht warten. Schon nach kurzer Zeit haben sie einen schwarzen Geländewagen mit Münchner Kennzeichen erspäht. Zollhauptsekretär Jörg gibt wieder Vollgas. „Klipper 47/11“ nimmt die Verfolgung auf.

Auf der A 2 werden vor allem Drogen aus den Niederlanden und Zigaretten aus Polen geschmuggelt.

Oliver Keuck, Hauptzollamt



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