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Polaroid-Aufnahmen waren selten brillant, dafür aber umso origineller

Schnell ein Foto!

Wie durch Zauberhand erscheint das Bild, nach etwa einer Minute ist das Motiv zu sehen: Schon lange vor Digitalkameras und Smartphones konnten Menschen ihre Fotos im Handumdrehen bestaunen – dank Polaroid. Meist entstanden Schnappschüsse, über die viel gelacht wurde.

veröffentlicht am 31.05.2018 um 12:17 Uhr
aktualisiert am 06.07.2018 um 17:50 Uhr

Eine Polaroid-Kamera „spuckt“ ein Foto aus. Nach dem Knipsen dauert es etwa eine Minute, bis das Bild fertig ist. Foto: dpa

Autor:

Linda Vogt, Dorit Koch und Till Simon Nage
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Früher dauerte es ziemlich lang vom Knipsen bis zum fertigen Foto. Ein kleines Mädchen beschwerte sich damals. „Warum kann ich das Bild nicht gleich sehen?“, fragte Jennifer ihren Papa. Die beiden waren gerade im Urlaub – mehr als 70 Jahre ist das her. Solche Ungeduld gibt es heute nicht mehr: Digitalkameras zeigen Fotos heute sofort. Und beim Selfie mit dem Handy kann sich der Fografierer sogar beobachten. Doch Jennifer musste tage-lang auf die Bilder warten – oder sogar noch länger, wenn der Film im Urlaub nicht voll geworden war. Erst im Fotolabor konnten die Aufnahmen mithilfe von Chemikalien sichtbar gemacht und auf Papier verewigt werden.

Zum Glück war Jennifers Vater ein Erfinder. Edwin H. Land dachte nach und tüftelte. Schließlich baute er die Polaroid-Kamera, eine Sofort-Bild-Kamera. „In dem kleinen Kasten steckt das Labor schon drin“, erklärt Marinus Reuter. Er war daran beteiligt, in Hamburg eine Ausstellung zum Thema Polaroid zu initiieren.

Bei den Polaroid-Fotos dauert es nur einige Sekunden. Dann kommt – sssssrrrrr – surrend ein Blatt Papier aus der Kamera. Wie durch Zauberhand entsteht darauf langsam das Foto. Das Geheimnis steckt im Film, erklärt Marinus Reuter. „In dem Polaroid-Film liegt nämlich schon die Entwicklungsflüssigkeit.“ In dem viereckigen Blatt befinden sich 16 Schichten mit chemischen Stoffen.

Unperfekt und dadurch irgendwie interessant: Fotos aus der Sofortbildkamera bergen immer eine Überraschung. FOTO: DPA
  • Unperfekt und dadurch irgendwie interessant: Fotos aus der Sofortbildkamera bergen immer eine Überraschung. FOTO: DPA
Sofortbild aus dem Smartphone: Polaroids Insta-Share Printer. FOTO: DPA
  • Sofortbild aus dem Smartphone: Polaroids Insta-Share Printer. FOTO: DPA

Die Menschen hatten mit der Erfindung viel Spaß. Im Urlaub, bei Geburtstagsfeiern und mit Freunden, jederzeit konnten sie ihren Schnappschuss gemeinsam bewundern. „Das langsame Auftauchen des Bildes ist spannend! Das ist bei Digitalkameras gar nicht mehr fühlbar“, meint der Fachmann. Nach der kurzen Wartezeit konnte man gemeinsam über das Bild lachen. Oder sich ärgern, weil man blöd darauf aussah.

Andere Firmen machten es Polaroid nach und bauten ebenfalls Kameras für Sofortbilder. Bis sich viele Jahre später ein Rivale die Digitalkamera ausdachte. Nun wollte kaum noch jemand Polaroids machen. Digitalbilder sind einfacher und vielseitiger weiterzuverarbeiten und kosten weniger. Die Idee, einen Schnappschuss zu bekommen, ist aber heute so beliebt wie damals. „Polaroid ist in gewisser Weise der Vorgänger von Instagram“, sagt Reuter. Früher versammelten sich alle um das Foto. Heute macht man ein Foto und stellt es ins Internet, dann kann jeder etwas dazu schreiben.

Der aktuelle Hype um Polaroid-Apps für Smartphones und die wieder auf den Markt gebrachten Sofortbildkameras zeigen die anhaltende Popularität des Mediums.

Veranstalter von „The Polaroid Project“

Das mit den Polaroidfotos war immer ein kleines Glücksspiel: zielen, auslösen, das Summen abwarten und dann noch das bange Warten, während auf dem Fotopapier die ersten blassen Farben durchscheinen. In den meisten Fällen war das Ergebnis eher originell als wirklich gelungen. Dieses Fotoerlebnis wollen Motorola und Polaroid jetzt in modernisierter Form zurückbringen: mit dem „Insta-Share Printer“. Das Gerät ist ein Zusatzmodul für bestimmte Smartphones. Streng genommen ist er ein Fotodrucker im Telefonformat. Die Fotos werden nicht entwickelt, sondern in einem Thermodruckverfahren auf Fotopapier ausgegeben. Zwar entfällt das Warten auf die Bildentwicklung, wirklich schneller als ein echtes Polaroid ist der Drucker aber auch nicht. Die Qualität bewegt sich ebenfalls im ähnlichen Bereich. Wirkliche Meisterwerke sollte man nicht erwarten.

Früher versammelten sich alle ums Polaroid-Bild. Heute stellt man ein Foto ins Internet

„Polaroid“ gibt es auch als App fürs Smartphone. Knipsen – dann ist ein Surren zu hören. Zu sehen gibt’s erstmal nichts. Die App tut so, als müsse sich das Bild erst noch entwickeln! Nach etwas Wartezeit erscheint es auf dem Bildschirm. Die App bleicht die Farben aus und setzt den charakteristischen weißen Polaroid-Rahmen. Viele Menschen finden sogar die typischen Fehler wie Kratzer, Fingerabdrücke und schlecht entwickelte Stellen liebenswert. Das alles haben digitale Bilder nicht. Sie wirken im Vergleich dazu perfekt – und deshalb halten manche sie für ein bisschen langweilig. Auch „echte“ Polaroid-Fotos sind wieder Trend. Manche Firmen stellen die alte Sofortbild-Technik wieder her. Die Kameras und die teuren Filme verkaufen sich durchaus. Damit lassen sich dann außergewöhnliche, manchmal fehlerhafte Bilder machen.

Das „Phänomen Polaroid“ in der digitalen Bilderflut wurde kürzlich im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ins rechte Licht gerückt. Die Schau „The Polaroid Project“ legte den Schwerpunkt auf die 1980er und 1990er Jahre. „Mit rund 240 Werken von 120 Künstlern betrachtete sie das ästhetische Spektrum der Sofortbildfotografie und stellte mit 87 Kameramodellen und Prototypen jene innovative Technik vor, die diese visuelle Revolution überhaupt erst ermöglichte“. Künstler wie Andy Warhol (1928–1987) nutzten die Kameras von Polaroid, der Markenname wurde zum Synonym für das schnelle Foto ohne Dunkelkammer. Warhol etwa lichtete berühmte Persönlichkeiten ab und nahm die Polaroids als Vorlagen für seine Bilder oder fotografierte sich selbst im Spiegel. Von Gründung an arbeitete das Unternehmen eng mit Fotografen und Künstlern zusammen und stellte der Kunst- und Fotoszene Filmmaterial sowie Kameras zur Verfügung, wie das Museum in Hamburg erinnerte.

Der Austausch zwischen Kunst und Unternehmen bildete die Grundlage für die legendäre Polaroid Collection. Erstmals nach deren Auflösung 2009 vereine „The Polaroid Project“ in einer Ausstellung Werke aus dem amerikanischen und europäischen Teil der Sammlung. Zu sehen war die Schau bereits in Wien. Weitere Stationen sind Berlin, Singapur, Montreal und Cambridge (USA). „The Polaroid Project“ widme sich unterschiedlichen künstlerischen Herangehensweisen und Temperamenten ebenso wie Vielfalt und Charakteristik von Material und Technik des Polaroids. „Der aktuelle Hype um Polaroid-Apps für Smartphones und die wieder auf den Markt gebrachten Sofortbildkameras zeigen die anhaltende Popularität des Mediums“, betonen die Veranstalter. „In der digitalen Bilderflut hat sich jedoch die Einzigartigkeit des Polaroids in ihrem Charakter zu einem Gegenentwurf gewandelt: Mit der Aufnahme eines einmaligen Moments oder eines sozialen Ereignisses hält man ein analoges Unikat in der Hand und wartet mit Spannung und Vorfreude darauf, dass das Bild wie von Zauberhand langsam erscheint.“




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