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Fixe Leitungen, digitales Rathaus, künstliche Intelligenz – es ist noch ein langer Weg nach Neuland

Schnelles Internet – wie weit sind wir schon?

Jetzt aber! Die Bundesregierung hat mit ihrer Klausur die Botschaft gesendet: Es geht endlich voran in Sachen Digitalisierung. Doch wie steht es wirklich in Bereichen, die die Bürger im Alltag spüren? Eine Bestandsaufnahme – deutschlandweit und in Hameln-Pyrmont.

veröffentlicht am 19.11.2018 um 11:24 Uhr
aktualisiert am 19.11.2018 um 15:00 Uhr

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bilden die Welt von morgen: Kuratorin Judith Spickermann steht in der Ausstellung: „Künstliche Intelligenz und Robotik“ im Paderborner Heinz-Nixdorf-Museum vor dem Roboter „robothespian“. Foto: dpa

Autor:

Theresa Münch und Thomas Thimm
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Die Kanzlerin hat schon mit Robotern die Ghetto-Faust geübt und über das Aus der Deutschen bei der Fußball-WM geschäkert. Mit Künstlicher Intelligenz hat Angela Merkel (CDU) eigentlich keine Berührungsängste. Trotzdem musste sie nach der holprigen Roboter-Unterhaltung im Sommer eine Gemeinsamkeit feststellen: Sie müssten wohl beide noch viel lernen. Roboter Sophia, der versucht, den Menschen zu imitieren. Doch auch die Kanzlerin und ihre Regierung beim Thema Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Denn in vielen Bereiche ist Deutschland bei diesem Thema Entwicklungsland.

„Wir müssen besser und schneller in der Umsetzung unserer digitalen Vorhaben werden“, räumt Merkel im Interview mit dem Nachrichtenportal T-Online ein. Nach der Wahl 2017 hatte sie das Thema ins Kanzleramt geholt. In dem einen Jahr wurden Arbeitsgruppen, Kommissionen, ein Digitalrat und ein Digitalkabinett eingeführt. Deutschland bekam mit Dorothee Bär (CSU) eine Staatsministerin für Digitalisierung. Doch bisher gibt es wenig greifbare Ergebnisse. Nun hat das Bundeskabinett getagt – das Ziel: Der bisher ziemlich vagen Digitalstrategie soll Leben eingehaucht werden.

Deutschland hat tatsächlich Nachholbedarf: Schon die Grundvoraussetzung – schnelles Internet – fehlt in vielen Regionen wie zum Beispiel im Weserbergland. Das ärgert nicht nur Familien, die zu Hause keine Filme streamen können. Die mittelständische Wirtschaft in bestimmten Regionen fällt zurück, weil Unternehmen mit schwacher Internetverbindung weniger effektiv arbeiten. So hat unter anderem der Arbeitgeberverband der Unternehmen im Weserbergland (AdU) schon mehr als einmal darauf hingewiesen, dass beim Thema Infrastruktur früher stets die Autobahnnähe und der Ausbau von Landstraßen gemeint gewesen sei – heute dagegen die schnelle Internetanbindung und die Möglichkeit, schnell und voluminös Daten versenden und empfangen zu können. Viele große Unternehmen hätten zwar ihre eigenen Leitungen gelegt, doch die zahlreichen mittleren und kleineren Firmen seien von dem öffentlichen Ausbau abhängig. Und da, so der AdU, bedeute eine gute – oder schlechte – Internetverbindung eben auch einen Standortvorteil oder -nachteil.

Das Hameln-Pyrmonter Internet-Ausbau-Programm ist vor wenigen Tagen in Ahrenfeld gestartet. Nun sollen alle unterversorgten Orte nach und nach an die Zukunft angeschlossen werden. Foto: Dana
  • Das Hameln-Pyrmonter Internet-Ausbau-Programm ist vor wenigen Tagen in Ahrenfeld gestartet. Nun sollen alle unterversorgten Orte nach und nach an die Zukunft angeschlossen werden. Foto: Dana

Bei der digitalen Verwaltung ist nicht nur Vorzeigeland Estland längst viel weiter, bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz machen China und die USA Deutschland was vor – und das, obwohl die Grundlagenforschung hierzulande Top-Ergebnisse bringt.

Im Berliner Koalitionsvertrag hatten Union und SPD viel versprochen: schnelles Internet überall, keine Funklöcher mehr, Behörden, in denen praktisch alles online geht, digitaler Wandel in Arbeitswelt und Schulen. Der Aufbruch nach Neuland quasi. Kritiker sagen, die vielen Zuständigen blockierten sich auf diesem Weg selbst. Merkel dagegen betont: „Diese Gremien haben jeweils eigene Aufgaben, die sich ergänzen und ineinandergreifen müssen.“

Schnelles Internet: Ziel der Bundesregierung sind Glasfaserleitungen bis vor jede Haustür. Bis 2025 soll der Ausbau des Netzes fertig sein, kündigte Kanzleramtsminister Helge Braun jüngst im ARD-„Morgenmagazin“ an. Noch geht es aber schleppend voran: Einen richtig schnellen Internetanschluss mit mehr als 100 Megabit pro Sekunde hat nicht mal jeder zehnte Haushalt. Und beim neuen Mobilfunkstandard 5G gibt es Zoff: Die Netzbetreiber sollen verpflichtet werden, Funklöcher zu schließen und eine nahezu flächendeckende Versorgung zu garantieren. Doch bei zu strengen Auflagen werden weniger Betreiber mitbieten, wenn die Lizenzen versteigert werden.


Der Internet-Plan Hameln-Pyrmont: Der Landkreis Hameln-Pyrmont hat sich von dem Internetprogramm des Bundes abgekoppelt und geht seinen eigenen Weg. Mit dem hannoverschen Unternehmen htp baut der Landkreis sein eigenes schnelles Internet-Netz. Dafür verzichtet der Landkreis auf die finanziellen Förderungen von oben – sieht aufgrund dessen aber eher Vorteile, weil in Hameln-Pyrmont nach eigenem Ermessen und technischen Gegebenheiten ausgebaut werden könne. Der Startschuss für das Hameln-Pyrmonter Projekt ist vor wenigen Tagen offiziell vollzogen worden: In Ahrenfeld beginnt der Ausbau für die Internet-Geschwindigkeit von einem GBit pro Sekunde. Angeschlossen werden hier jedoch nur jene Orte, die bis dato unter einer Geschwindigkeit von 30 Megabit pro Sekunde liegen.


Digitales auf dem Amt: Vom Sofa aus das Auto ummelden, Reisepässe beantragen oder nach der Geburt das Kind anmelden? In anderen Ländern gibt es das längst, sogar Scheidungen kann man am Heim-Computer abwickeln. Hierzulande muss man noch aufs Bürgeramt, doch es geht zumindest langsam in die richtige Richtung: Die Bundesregierung hat die Einführung eines Bürgerkontos angekündigt, spätestens 2022 soll man Behördengänge online und vom Smartphone aus erledigen können. Dafür müssen allerdings 575 Verwaltungsleistungen digitalisiert werden. Was das mal heißen könnte, lässt ein Prototyp (beta.bund.de) seit September erahnen. Die Stadt Hameln ist nach eigener Aussage hier „schon recht weit“: „Bürger können online eine Reihe von Dokumenten online anfordern und diese Dienstleistung direkt per Kreditkarte oder Paypal bezahlen, nach Fundsachen recherchieren, sich über den Bestand der Bücherei und die Verfügbarkeit von Büchern informieren, ausgeliehene Bücher verlängern und ein eigenes Benutzerkonto pflegen, Wahlscheine online beantragen, nach Kitas suchen und ihr Kind in einer Kita anmelden, Theaterkarten bestellen und Probleme über die Mängel-App melden“, heißt es aus dem Hamelner Rathaus. Was noch nicht geht: Bundesgesetzliche Regelungen verhindern aktuell, dass Personalausweise oder Reisepässe online beantragt werden können.


Digitales in der Schule: Tablet-Computer statt Schulhefte, interaktive Boards statt Tafeln und digitale Animationen statt Bilder: So sollen Schüler künftig lernen. Die Regierung will in fünf Jahren fünf Milliarden Euro zahlen, um die Schulen komplett internetfähig zu machen und digitalen Methoden zum Durchbruch zu verhelfen. Wo stockt es? Da Bildung Ländersache ist, kann der Bund nicht grundsätzlich mitfinanzieren. Die Regierung will deshalb das Grundgesetz ändern, doch die Länder sind skeptisch. Kürzlich vermeldeten Bund und Länder aber einen Fortschritt: Am 6. Dezember soll eine Vereinbarung stehen.


Digitales beim Arzt: Faxgeräte und Nadeldrucker für Rezepte sind in Arztpraxen noch weit verbreitet – doch hier kommt die Digitalisierung voran. Spätestens 2020 sollen Ärzte papierlose Digitalrezepte ausstellen. Sie könnten dann auch nach Videosprechstunden Medikamente verschreiben. Ein Jahr später soll die elektronische Patientenakte mit Daten von Ärzten und Versicherungen kommen, die die Patienten freiwillig nutzen können. So können sie etwa Medikamentenpläne und Röntgenbilder auf dem Handy dabeihaben. Vorstellbar wäre noch viel mehr: Ortungen dementer Menschen über GPS-Systeme und Sturzsensoren für Pflegebedürftige etwa.


Digitales auf der Arbeit: Besonders Mittelständler arbeiten in Deutschland nicht so digital wie möglich. Ab Januar sollen sie für Qualifizierung und Weiterbildung Hilfen vom Bund bekommen, hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) angekündigt. „Ich halte das für die Schicksalsfrage, dass wir das gut hinbekommen“, sagte er im rbb-Inforadio. Sein Ministerium geht davon aus, dass durch die Digitalisierung bis 2025 etwa 1,6 Millionen Stellen wegfallen – aber auch 2,3 Millionen entstehen. Viele Menschen werden Umschulungen brauchen. In der Landwirtschaft sei die Digitalisierung schon weit, sagt Ministerin Julia Klöckner (CDU). Drohnen fliegen über Maisfelder, Erntemaschinen sortieren Trauben nach der Lese, Traktoren fahren per GPS autonom – vieles davon funktioniert aber nur mit stabilem Mobilfunknetz.


Künstliche Intelligenz: Wenn von Künstlicher Intelligenz gesprochen wird, fällt immer wieder der Vergleich zur Dampfmaschine. Ungefähr so wichtig könnte dieses Feld in den nächsten Jahren werden, meinen Experten. Was die Nutzung der lernenden Software angeht, laufen die USA und China Deutschland derzeit den Rang ab. Die Bundesregierung will dafür sorgen, dass Deutschland zu einem weltweit führenden Standort wird und investiert deshalb rund drei Milliarden Euro vor allem in Forschung und Entwicklung. Ein Problem: Damit die Algorithmen trainiert werden können, braucht man große Mengen an Daten. Deutschlands hohe Datenschutzstandards machen hier den Fortschritt schwierig.




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