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Vom Tod ihres Bruders erfuhr Renate K. aus dem Fernsehen / Auge und Auge mit den mutmaßlichen Mördern

Sie will die ganze Wahrheit erfahren

HILLE/BIELEFELD. Als Renate K. die „Aktuelle Stunde“ einschaltet, sieht sie, wie zwei Leichen in blauen Plastiksäcken abtransportiert werden. Dass einer der Toten ihr Bruder Jochen ist, weiß die 63-Jährige zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber wenig später ist es traurige Gewissheit. Es sind auch diese Bilder, die sie an jedem Prozesstag des Hiller Dreifachmordes ins Landgericht Bielefeld treiben.

veröffentlicht am 22.10.2018 um 18:06 Uhr
aktualisiert am 22.10.2018 um 18:48 Uhr

Renate K. ist an jedem Prozesstag im Landgericht Bielefeld. Sie möchte Klarheit über die Todesumstände ihres Bruders Jochen. Foto: Claudia Hyna/MT

Autor:

Claudia Hyna und Stefanie Dullweber
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Das ist sie ihrem Bruder schuldig, so sieht sie das als Schwester. Und dafür nimmt sie die umständliche Anreise aus Warmsen-Bohnhorst in Kauf. Dafür ist sie das erste Mal in ihrem Leben mit dem Zug gefahren. „Wie soll ich das Ganze verarbeiten, wenn ich das nicht sehe?“, sagt die Nebenklägerin am Rande des Prozesses. Und, sie wolle die ganze Wahrheit erfahren, betont sie. Es gehört wohl eine gehörige Portion Mut dazu, den mutmaßlichen Mördern von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Renate K. sucht den Blickkontakt zu Jörg W., auf dessen Hof in Hille-Neuenbaum ihr Bruder dreieinhalb Jahre wohnte und wo er im August 2017 getötet wurde.

Und mit ihrer Zeugenaussage schafft sie, was bisher keinem gelang. Bis zu diesem Moment hat der mutmaßliche Mörder stundenlang mit starrer Miene zum Richter geblickt. Der Angeklagte spricht weder mit seinem Anwalt rechts von ihm noch mit seiner Verteidigerin zur Linken, sitzt nur unbeweglich da. Dann schildert Renate K., wie sie die Bilder im Fernsehen sieht und was das in ihr auslöst. Zum Schluss sagt sie in W.s Richtung: „Da sollten Sie mal drüber nachdenken.“ In dem Moment schaut Jörg W. – wenn auch nur eine Sekunde lang – zu ihr. Das habe sie erreichen wollen und das sei für sie eine Genugtuung.

In ihrer Aussage berichtet Renate K. von ihrer Familie mit drei Geschwistern, vom schwierigen Verhältnis zu einem weiteren Bruder, der mittlerweile gestorben ist, wie sie ihre Eltern gepflegt hat und von der Krankheit, in dessen Folge ihrem Bruder Jochen ein Finger amputiert wurde. Nach einer schweren Herz-Operation habe er von Hartz IV gelebt. Renate K. beschreibt einen bescheidenen Menschen, dessen Kenntnisse in Landmaschinentechnik gefragt waren und der sich mit Reparaturen etwas dazu verdiente. „Motorräder, die waren sein Leben“, sagt sie im Zeugenstand. Dafür sparte er sein Geld, in diesem Jahr wollte er sich eine 500er Yamaha kaufen und mit ihr zusammen Oldtimertreffen besuchen. „Das waren unsere Pläne und jetzt ist alles kaputt.“

Dabei war sie anfangs so froh darüber, dass ihr Bruder auf dem Hof in Neuenbaum endlich angekommen schien. Nachdem er zunächst 20 Jahre auf einem Hof in Mindenerwald als landwirtschaftlicher Helfer gelebt und gearbeitet hatte, sei er zu Gerd F. – dem Nachbarn von Jörg W. – gezogen. Von dort habe er immer wieder zum Hof der Familie W. geblickt und zu ihr gesagt: „Da will ich hin.“ Ende 2014 habe Jörg W. ihrem Bruder angeboten, ein Zimmer für ihn auszubauen. „Er hat sich dort sehr wohl gefühlt“, erinnert sich Renate K.

Ich war seine Vertraute. Er kam immer zu mir, wenn er Probleme hatte.

Renate K., Nebenklägerin im Prozess

Für sie kein Wunder, denn Jörg und Doris W. seien immer sehr freundlich gewesen. Vor allem von Doris habe er nur Gutes erzählt. Mit der Ehefrau des mutmaßlichen Mörders habe sie regelmäßig telefoniert, da ihr Bruder kein eigenes Telefon hatte. Doris W. hätte ihr versprochen, sich zu melden, wenn es Jochen gesundheitlich nicht gut gehen würde. Zum letzten Mal gesehen hat Renate K. ihren Bruder am 1. August 2017 – wie sie jetzt weiß, war das kurz vor seinem Tod Ende des Monats. Anlass war ein Anwaltstermin in Stolzenau, es ging um den Verkauf des elterlichen Grundstücks in Brandenburg. Jeder habe 1500 Euro bekommen, von denen ihr Bruder sein Motorrad finanzieren wollte. Sonst hätten sie nie über Geld gesprochen. Sie wusste nur, dass ihr Bruder sein Geld in einer blauen Kassette verwahrte. Sie hätte aber weder die PIN gekannt, noch gewusst, bei welcher Bank ihr Bruder ein Konto hatte.

Da Renate K. ab August 2017 ihr Haus renovieren wollte, war mit ihrem Bruder abgesprochen, dass sie sich jetzt längere Zeit nicht sehen würden. Zuvor hatten sie mehrmals in der Woche Kontakt. „Ich war seine Vertraute. Er kam immer zu mir, wenn er Probleme hatte“, sagt sie. Weil sie von Doris W. keine Anrufe bekommen habe, habe sie sich keine Gedanken gemacht, als sie monatelang nichts von Jochen hörte. Für sie war das ein Zeichen, dass alles in Ordnung war.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Am Abend des 12. März 2018, einem Montag, stand die Polizei vor ihrer Tür und erklärte, ihr Bruder werde vermisst. Sie solle sich bei der Mordkommission Bielefeld melden. Mittwoch hörte Renate K. vom Mord in Hille aus dem Fernsehen, einen Tag später bat die Kriminalpolizei Minden sie um eine Speichelprobe. Als schließlich klar war, dass ihr Bruder eines der beiden Mordopfer war, bat die Bohnhorsterin die Polizei mehrfach um eine Besichtigung des Tatorts. „500 Leute waren da und ich durfte das nicht sehen“, ist sie noch heute empört, dass ihr das verweigert wurde. Auch den Leichnam bekam sie nicht zu Gesicht, ebenso wie die persönlichen Sachen ihres Bruders.

Das ist für sie genauso unfassbar wie der Umstand, dass sie aus dem Fernsehen von seinem Tod erfuhr. Und genau das sagt sie auch in ihrer Zeugenaussage. „Das war mir wichtig, dass der Richter das erfährt“, erklärt sie anschließend. Enttäuscht war sie auch vom Hiller Bürgermeister, der sich nicht zu den Vorfällen geäußert habe. Pastor Peter Fischer habe eine sehr schöne Gedenkstunde in Mindenerwald gestaltet, das werde sie ihm nie vergessen. Auf dem Psalm „Der Herr ist mein Hirte“ war die Andacht für Jochen K. aufgebaut.

Wenigstens der Abschluss sei gelungen gewesen, sagt Renate K. Seine Urne ist auf dem Nordfriedhof Minden bestattet. Zu seinem vermeintlich ersten Todestag am 26. August hat Renate K. eine Blume auf das Grab ihres Bruders gelegt. „Er ruht jetzt in Frieden“, sagt Renate K.mt




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