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Altes Wachbuch erzählt vom Schicksal ausländischer Kriegsgefangener im Weserbergland

So lebten Kriegsgefangene in den Dörfern

In den Dörfern des Weserberglandes waren in den Jahren 1940 bis 1945 zahlreiche Kriegsgefangene interniert. Im Gasthaus „Zur Traube“ in Gellersen hat ein altes Wachbuch die Zeiten überdauert und gibt Auskunft darüber, wie es den ausländischen Soldaten damals erging.

veröffentlicht am 19.04.2019 um 11:30 Uhr

NS-Wachleute mit der Gastwirtsfamilie des Gasthauses „Zur Traube“ in Gellersen, um 1941/42. Foto: Archiv Hölscher

Autor:

Cord Hölscher
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Das Deutsche Reich war während des Krieges nicht nur mit Dutzenden von großen Kriegsgefangenenlagern übersät, sondern auch mit vielen Tausend kleinen Kriegsgefangenen-Kommandos. Weitere Kriegsgefangene waren auf einzelne Bauernhöfe verteilt. Diese Kommandos waren in den Dörfern häufig in Gastwirtschaften untergebracht. Der Saal diente dann als Schlafsaal für die Gefangenen, so auch beim Kommando 1397 in Gellersen, wo am 19. Dezember 1940 das Kriegsgefangenenlager mit zunächst 20 Gefangenen eingerichtet wurde. Alle diese Kommandos im heutigen Landkreis Hameln-Pyrmont waren Außenstellen des großen Kriegsgefangenenlagers für Mannschaftsdienstgrade in Fallingbostel.

Zur Bewachung dienten „Landesschützen“ der Landesschützenbataillone 710 und 719, Wehrpflichtige älterer Jahrgänge, die nicht an der Front Dienst tun brauchten. In Hameln war die 4. Kompanie des Landesschützenbataillons 719 stationiert, das Aufsicht führte über die umliegenden Kommandos. Neben Gellersen weist das Wachbuch auf den Unterabschnitt Amelgatzen und Kommandos in Emmern, Emmerthal, Grohnde, Esperde und Bad Pyrmont hin. In Esperde (Kommando 738) waren die Gefangenen ebenfalls in einer der örtlichen Gastwirtschaften untergebracht und leisteten bei den örtlichen Landwirten Zwangsarbeit.

Das Gefangenenwachbuch gibt Auskunft über Anzahl und Nationalität der Männer, die zu leistende Arbeit, tägliche Routinen und über besondere Vorkommnisse. Das Kommando 1397 Gellersen war zunächst mit Kriegsgefangenen aus Belgien und Frankreich belegt. Von Oktober 1942 bis zum 25. März 1943 wird eine Stärke von 18 Mann ausgewiesen. Danach beträgt die Lagerstärke 28 Mann. Am 7. Mai 1943 notiert das Dokument 26 Franzosen und zwei Belgier. Am 19. Juli 1943 werden diese aber alle in andere Lager verlegt und ab dem 20. Juli 1943 vermerkt das Wachbuch „30 S.R.“, also „30 Sowjet-Russen“, davon neun für den Einsatz in der Landwirtschaft und 21 für das „Forstkommando“, das im Wald mit dem Schlagen und Bergen von Holz beschäftigt war.

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Von der Lagerbaracke (Hintergrund) war nur noch dieses Foto aus dem Jahr 1944 oder 1945 auffindbar. Foto: Archiv Hölscher

Die Tage ziehen eintönig dahin: Alle paar Wochen werden den Gefangenen die immer gleichen Anweisungen und Befehle verlesen. Insbesondere der „Befehl betr. Verhaltens der Kgrs. Gef gegenüber deutschen Frauen und Mädchen“ wird den Gefan-genen regelmäßig zu Gehör gebracht. Auch über Rauchverbote an Arbeitsplätzen und das Verbot des Wilderns werden die Gefangenen belehrt.

Arbeiten mussten die Gefangenen außer sonntags annähernd täglich. Wenn die Arbeit des Forstkommandos wegen schlechten Wetters ausgesetzt wurde, vermerkt dies das Wachbuch. Der Dienstplan sieht das Wecken um 5.30 Uhr vor. Nach dem Zählappell folgten Waschen, Kaffee trinken, Lager reinigen und Abmarsch des Forstkommandos um 6.45 Uhr. Dieses kehrt um 17 Uhr zurück. Essen gab es um 18 Uhr, Zählappell und Einschluss um 21 Uhr. Das Kochen wurde zunächst unter schwierigen Bedingungen in der hauseigenen Waschküche durchgeführt, ab 1941 in einem eigens dafür errichteten Anbau, in dem der Kochkessel untergebracht wurde. Anfang 1943 wurde im Außenbereich eine hölzerne Baracke errichtet, die einen Waschraum, eine Küche und einen Kleider-Aufbewahrungsraum beherbergte. Dafür wurde ein neuer Kochkessel angeschafft.

Für den 24. Oktober 1943 vermerkt das Wachbuch: „Das Lager wurde heute wegen der herrschenden Flohplage mehrmals mit Lysol ausgewaschen. Ferner wurden die Strohsäcke mit neuem Stroh versehen. Das alte wurde verbrannt. Die Decken der K.G. sowie ihre Bekleidungsstücke wurden gereinigt und desinfiziert.“ Am 27. Oktober sind die „Propagandisten“ Klaas und Morosow sowie ein Zivildolmetscher im Lager. Es ist davon auszugehen, dass es sich um Anwerbeversuche für sogenannte „fremd-völkische Verbände“ handelt, etwa für die Truppen des in deutschen Diensten stehenden Generals Wlassow. Da das Wachbuch nichts weiter mitteilt, scheinen die Werber keinen Erfolg gehabt zu haben.

Drakonische Strafen werden im Wachbuch nicht erwähnt. Strohsackentzug war die übliche Bestrafung, etwa für Rauchen auf der Straße (eine Nacht) oder für „Unsauberkeit des Lagerkochs“ (drei Nächte). Für den 4. Dezember 1943 ist notiert: „Kom. Führer hatte eine abwehrmäßige Revision in seinem Lager durchgeführt. Sämtliche Strohsäcke sind durchsucht worden. Außer 2 Zangen, Feile und Hammer lagen unter den Strohsäcken Kartoffeln, ein Beutel mit Weizen, eine Ziviljacke und dreckige Handtücher. Sämtliche Krg. Gef. wurden mit einer Nacht Strohsack Entziehung bestraft wegen Unsauberkeit in den Betten und Verstecken von verbotenen Sachen.“ Die sowjetischen Gefangenen wurden im März 1945 nach Amelgatzen verlegt, dafür wurden noch einmal Franzosen interniert.

Alle Gefangenenlager wurden kurz vor dem Herannahen der Amerikaner aufgelöst und die gefangenen Russen und Franzosen Anfang April 1945 Richtung Hannover geführt und dort später von den einrückenden Amerikanern festgesetzt.

Der Pole Stephan Lisek und die Ukrainerin Katarzyna Szczepanska, die im Krieg der Landwirtschaft und „Gastwirtschaft Zur Traube“ zugeteilt wurden, setzten sich am Kriegsende bei den Amerikanern für den Gastwirt ein. Der Lagerkoch Jan Kurkin floh bei Hannover aus dem Gewahrsam und kam nach Gellersen zurück. Er arbeitete genau wie die Ukrainerin Katarzyna Szczepanska freiwillig an der alten Wirkungsstätte, bis sowjetische Kommissare dies im Juli 1945 untersagten. In sein Heimatland wollte er nicht zurückkehren. Katarzyna und Jan Kurkin heirateten nach dem Krieg. Ihre Nachfahren leben heute in der Region Hannover.

Ein anderer ehemaliger russischer Gefangener wanderte um 1951 nach Kanada aus. Stephan Lisek sollte per Schiff nach Polen zurückkehren, ist aber vermutlich in der Ostsee ums Leben gekommen, als das Transportschiff auf eine noch nicht geräumte Mine lief und sank.

Die Bedingungen, insbesondere die der russischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam, waren schwierig, aber in den kleinen Lagern mit Sicherheit günstiger als in den großen Stammlagern bei Fallingbostel und anderswo. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen bei den Bauern waren sehr unterschiedlich.

Man weiß aber, dass diejenigen, die gut behandelt wurden, zum Teil noch Jahrzehnte nach dem Krieg den Kontakt zu ihren Gewahrsamsstätten gehalten haben.




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