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Von Astronomie bis Technologie: Als Pyrmont 1839 einige Tage lang im Blickpunkt der Wissenschaft stand

Stelldichein der Geistesgrößen

Die Naturforschertagung in Bad Pyrmont im Jahr 1839 wurde zum Schauplatz einer wissenschaftlichen Weltpremiere. Aber sie markierte auch den Beginn einer Liebesgeschichte. Im Mittelpunkt des Geschehens standen der Astronom Johann Heinrich Mädler, die Hofrätin Wilhelmine von Witte mit ihrem Reliefmondglobus sowie die Tochter der Hofrätin.

veröffentlicht am 08.06.2019 um 11:11 Uhr

Tagungsort und gesellschaftlicher Mittelpunkt der Naturforschertagung 1839: das „Caffeehaus“. Heute steht hier der „Kaiserhof“. Repro: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Autor:

Dr. E-Michael Stiegler
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Das Pyrmonter „Tageblatt“ berichtete zum Teil ausführlich über die Tagung der „Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte“. Darüber hinaus gab es drei öffentliche Sitzungen, ganz ausdrücklich waren Frauen dazu eingeladen: „Die Gegenwart der Damen wird der Versammlung dabei zur Zierde gereichen.“

Am 17. September 1839, so das „Tageblatt“, traf „Hr. Professor Mädler aus Berlin“ ein. Am Abend des 21. September präsentierte Mädler den Reliefmondglobus von Wilhelmine von Witte – vor ausschließlich weiblichem Publikum (laut „Tageblatt“ Nr. 7 „den anwesenden Frauen und Töchtern der Naturforscher und Aerzte“).

Am Tag darauf wurde der Mondglobus in der „Section für Physik und Chemie“, also vor Fachpublikum, präsentiert: „Professor Mädler zeigte vor und erklärte einen von Frau Hofräthin Witte in Hannover verfertigten Mondglobus. Dieser Globus erregte durch die Vollständigkeit und Genauigkeit, womit namentlich die Ringgebirge des Mondes en relief dargestellt worden, allgemeine Bewunderung und das größte Interesse.“

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An den Astronomen Johann Heinrich Mädler erinnert heute ein Mondkrater mit seinem Namen im Mare Nectaris. Foto: Stiegler

Das „Tageblatt“ erwähnte auch, dass die Hofrätin von Witte aufgrund älterer Mondkarten „größtentheils fehlgeschlagene Versuche“ unternommen hätte, um einen Mondglobus herzustellen. Nach „Erscheinen der Beer-Mädlerschen Mondkarte und Selenographie“ hätte Wilhelmine von Witte „die Arbeit ganz von Neuem begonnen“. Mit Erfolg: „Keinen noch so kleinen Gegenstand der großen Karte vermißte man auf dieser (…) Kugel, und alles dies ist mit höchster Treue nach seiner wahren Naturgestalt wiedergegeben.

Die Künstlerin hat eine Zusammensetzung von Wachs und Mastix zur Modellierung der Mondunebenheiten angewandt.“ Tatsächlich zieht man auch heute noch den Hut vor dem Detailreichtum dieses Globus. Verständlich, dass Mädler auch sein bahnbrechendes Werk von 1836 in Reichweite hatte: „Der Vortragende legte zugleich ein Exemplar der Mappa selenographica vor, damit Jeder der Anwesenden sich durch eigene Prüfung von der Richtigkeit der Darstellung (des Globus) überzeugen könnte.“

Wilhelmine von Witte fertigte – wie in Pyrmont angekündigt – noch weitere, genau gesagt: noch zwei Exemplare ihres Mondglobus an. Der in Pyrmont präsentierte fand seinen Weg nach Berlin. Wo ihn Alexander von Humboldt bewunderte, auf dessen Initiative der preußische König Friedrich Wilhelm IV. ihn für die Berliner Kunstsammlungen erwarb.

Ein anderes Exemplar wurde der Royal Astronomical Society in London gezeigt. Leider ging ein Globus zu Bruch und wurde „entsorgt“. Ein zweiter Globus ist verschollen. Der noch vorhandene Globus stammt vermutlich aus dem Privatbesitz des Ehepaars Mädler und wird heute im Historischen Museum in Hannover aufbewahrt.

Auch der gesellschaftliche Verkehr kam während der Wissenschaftstagung nicht zu kurz, mit der Hofrätin als fast schon heimlichem „Star“ unter den Anwesenden. Bei einer „Mittagstafel im Kaffeehaus … waren gegen 200 Personen anwesend. Allgemeine Heiterkeit herrschte, und der auf das Wohl der kunstreichen Hofräthin Witte aus Hannover (…) ausgebrachte Toast wurde mit lautem Beifalle aufgenommen“. Am 20. September wurde „bei der Soirée im Concertsaale ... getanzt; nachher soupirte man im Caffeehause“.

Die „Section für Technologie und Agronomie“ besichtigte übrigens „bei und in Hameln (..) den Felsenkeller, die darüber angebrachten Anlagen des Bierbrauereibesitzers Förster, die eben vollendete Kettenbrücke, die Cementfabrik von Wendelstädt und Meyer, die von Gülichsche Maschinenpapierfabrik Wertheim, und das Messing- und Kupferwerk bei Reher..“ Geradezu eine Wissenschaftskarawane setzte sich am Sonntagmorgen des 23. September mit 51 Wagen in Richtung Meinberg in Bewegung, wo man nach einigen Besichtigungen „im Cursaale ein glänzendes Frühstück einnahm“.

Die Pyrmonter Jahrestagung der „Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte“ endete am 24. September. Eine launige Rede verabschiedete die versammelten Gäste; gut möglich, dass sich Johann Heinrich Mädler und seine künftige Ehefrau Minna von den folgenden Worten besonders angesprochen fühlten: „… wohl mancher von uns hat nicht allein in die Quelle der Wasser geschauet (…), sondern auch in die Tiefe anziehend lebendiger Frauen-Augen“.

Zu dritt fuhren Mädler und die beiden Wittes von Bad Pyrmont nach Hannover, wo noch einige gemeinsame Tage auf sie warteten. Sicher wurde über den Mondglobus gesprochen, aber „wahrscheinlich hatte Mädler mehr Interesse für die Tochter“, wie die beiden Mädler-Biografen Heino Eelsalu und Dieter B. Herrmann schreiben.

Tatsächlich wurden sie am 4. Juni 1840 getraut. Ausschlaggebend für die schnelle Heirat war sicherlich auch, dass Mädler im September 1840 seinen Dienst als Direktor der Sternwarte im fernen Dorpat antrat.

In russischen Diensten, im seinerzeit noch vielfach deutsch geprägten Baltikum, begann Mädlers erstrebte professionelle Laufbahn als Astronom. Dort widmete er sich überwiegend der Beobachtung von Kometen und Doppelsternen. Mädler war in einigen Bereichen seiner Zeit voraus. Er ahnte die Existenz extrem verdichteter Himmelskörper voraus, die sogar das Licht „verschlucken“: Wir nennen sie heute „Schwarze Löcher“.

Seine Ehefrau Minna engagierte sich literarisch und drückte dabei ihre Sympathie für das wachsende estnische Nationalbewusstsein aus. Sie veröffentlichte unter anderem die poetische Version einer estnischen Volkssage.

Mädler kehrte dann 1865 mit seiner Frau nach Deutschland zurück, zunächst nach Bonn, im Oktober 1870 nach Hannover. Dort starb er im März 1874.




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