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Sonne satt: Doch auf Hamelns Dächern gibt es kaum neue Photovoltaikanlagen

Super-Sommer sorgt für gute Strom-Ernte

Des einen Freud ist des anderen Leid: Während die Landwirte unter der anhaltenden Hitze stöhnten, dürften sich die Besitzer von Photovoltaikanlagen über den Super-Sommer mit hohem Strom-Ertrag gefreut haben. Allerdings zeigt sich auch, dass auf Hamelns Dächern in letzter Zeit kaum neue Anlagen installiert worden sind.

veröffentlicht am 16.09.2018 um 11:00 Uhr
aktualisiert am 17.09.2018 um 13:29 Uhr

Auch die Stadtwerke Hameln betreiben mehrere Photovoltaikanlagen – unter anderem auf dem Betriebsgelände an der Hafenstraße. Foto: Stadtwerke Hameln

Autor:

g. Erol Hesse-Öztanil
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Rund 1,6 Millionen Photovoltaikanlagen sind auf deutschen Dächern installiert. Die Stromeinspeisung aus diesen Anlagen erreichte nach Angaben des Instituts für Regenerative Energiewirtschaft (IWR) im ersten Halbjahr 2018 rund 21,4 Milliarden Kilowattstunden und damit 7,5 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2017 (19,9 Milliarden kWh). Auch Hameln hat dank des Ausnahme-Sommers seine Solarstrom-Bilanz deutlich verbessert. Nach Angaben der Stadtwerke war der Juli der bisherige Rekordmonat: In diesem Zeitraum wurden rund 972 302 Kilowattstunden in das heimische Stromnetz eingespeist. Zum Vergleich: Spitzenreiter im vergangenen Jahr war der Mai mit 811 822 Kilowattstunden. Alle Anlagen in Hameln zusammen produzierten bis Ende Juni dieses Jahres rund 3,2 Millionen Kilowattstunden Strom. Damit zeichnet sich ab, dass das Ergebnis am Jahresende deutlich höher liegen wird im Vergleich zum vergangenen Jahr mit seinen 5,5 Millionen Kilowattstunden.

„In diesem Sommer hatten wir viele Tage mit wolkenfreiem Himmel. Das hat den Ertrag der Photovoltaikanlagen um zehn Prozent gegenüber dem Jahresmittel der Sommer 2008 bis 2017 in der Hamelner Region in die Höhe schnellen lassen“, so Dr. Marc Köntges, Gruppenleiter für Modultechnologie am Institut für Solarenergieforschung (ISFH) in Emmerthal.

Hat der extrem sonnenreiche Sommer zu einem verstärkten Interesse für das heimische Kraftwerk auf dem Dach geführt? Immerhin habe man im Vergleich zu den beiden vergangenen Jahren mehr Photovoltaikanlagen verkauft, so Karl-Friedrich Schaper, Geschäftsführer bei EKS Elektroanlagen. „Ob das wirklich mit dem Bilderbuch-Sommer zusammenhängt oder mit den zunehmend günstiger angebotenen Anlagen und der verbesserten Speichertechnologie, muss offenbleiben“, sagt Schaper, der als Obermeister der Elektro-Innung auch die Gesamtbranche vor Augen hat. Die Rechnung, den meisten Strom ins Netz zu speisen und sich einen guten Batzen Geld über die Einspeisevergütung zu holen, geht nicht mehr ohne weiteres auf. Die Vergütung sinkt Monat für Monat, zudem sind staatliche Fördermittel reduziert worden. Am lukrativsten ist es derzeit, den erzeugten Solarstrom selbst zu verbrauchen, erklärt Schaper. Das ermöglichen Solarstromspeicher auf der Basis von Batterien, die Überschüsse bei der Stromerzeugung aufnehmen anstatt diese in das Stromnetz einzuspeisen. Dadurch kann der Anteil des Eigenverbrauchs erhöht werden. Auch Elektroma-Chef Lutz Reimann verzeichnet in diesem Sommer eine verstärkte Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen. „Man merkt, dass mit dem sonnenreichen Sommer auch das Interesse an diesem Thema wieder gestiegen ist.“ Der Aspekt des Klimaschutzes spiele ebenfalls eine immer größere Rolle. Dabei sei der Markt in den vergangenen Jahren schwierig gewesen, da nach Reimann „beim Kunden hängengeblieben war, dass die Erzeugung von Solarstrom teuer ist“. Das aber sei eine irrige Vorstellung. Die Investition in eine Photovoltaikanlage sei nach wie vor gut angelegtes Geld, weil sie die eigene Stromrechnung deutlich verringere. Zudem seien die Module erheblich günstiger geworden. „Vor fünf Jahren waren für eine Anlage für ein Einfamilienhaus noch rund 6500 Euro zu zahlen, mittlerweile sind es nur noch rund 5000 Euro“, so Reimann.

In diesem Sommer hatten wir viele Tage mit wolkenfreiem Himmel. Das hat den Ertrag der Photovoltaikanlagen in der Hamelner Region in die Höhe schnellen lassen.

Dr. Marc Köntges, Institut für Solarenergieforschung in Emmerthal

Die Klimaschutzagentur Weserbergland registrierte in den vergangenen Wochen „viele Anfragen“ im Bereich Photovoltaik, teilt deren Geschäftsführer Tobias Timm mit. Man habe dieser Tage eine Imagekampagne in Kooperation mit der Verbraucherzentrale Niedersachsen und der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen zum Thema Solarenergie auf den Weg gebracht und dabei lasse sich – so Timm – der „Supersommer als weiteres Argument“ gut ins Feld führen. „Früher wurde die gesamte Dachfläche mit Modulen bestückt. Jetzt geht der Trend dahin, so viele Module zu installieren, wie für den eigenen Stromverbrauch notwendig sind. Es geht also nicht mehr primär um Einspeisung und Förderung.“

Auf den Hamelner Dächern gibt es – Stand September 2018 – 687 private Photovoltaikanlagen. Zum Vergleich: in 2017 waren es 678, im Jahr davor 630. Die Zahlen machen jedoch deutlich: Von einem Boom kann keine Rede sein.

Der im Vergleich zu den Vorjahren geringe Zuwachs an Anlagen kann nach Einschätzung der Stadtwerke Hameln als Netzbetreiber mit der gesunkenen Einspeisevergütung zusammenhängen. „Bereits 2013 hat nach drei Rekordjahren die Verringerung der Photovoltaik-Vergütung im Erneuerbare-Energien-Gesetz Wirkung entfaltet, sodass der Zubau an Photovoltaik-Leistung in Deutschland insgesamt gegenüber dem Vorjahr schon in 2013 um mehr als die Hälfte auf 3305 Megawatt zurückging“, teilen die Stadtwerke auf Anfrage mit. Eine Entwicklung, die vom Gesetzgeber durchaus beabsichtigt war, da die Ausbauziele der Photovoltaik weit übertroffen wurden – unter anderem durch günstige Ware aus China, die die Modulpreise stetig sinken ließ. Wie sehr allerdings die heimische Branche unter Druck geraten ist durch die fernöstliche Konkurrenz, zeigt sich am Schicksal von Deutschlands einst größtem Solarzellenhersteller Solarworld, der nach einer Insolvenz seine Produktion dieser Tage komplett einstellen musste.

Für Hamelns Stadtwerke-Geschäftsführerin Susanne Treptow steht fest: Eine Photovoltaikanlage lohnt sich „auf jeden Fall – es ist wichtig, dass möglichst viel Sonnenstrom für den eigenen Verbrauch verwendet wird“. Solche Anlagen lassen sich „sinnvoll wirtschaftlich betreiben“. Wichtig sei jedoch, das optimale Verhältnis zwischen der Anlagengröße und dem jeweiligen Benutzerprofil zu ermitteln. Die Stadtwerke selbst betreiben heute 15 eigene Anlagen, die unter anderem auf den Balkondächern der Expo-Häuser am Rotenberg, auf der Gleisüberdachung am Bahnhof oder auf dem Dach des Wasserwerks Tünderanger installiert sind.

Hameln ging vor Jahren als eine der ersten Städte bundesweit mit einem Solarkataster an den Start. Für diese Datenbank wurden 48 584 Dachflächen ausgewertet und in drei Kategorien unterteilt, die zeigen, wie gut sie für die Installation von Photovoltaikanlagen oder Solarthermie geeignet sind. Das Kataster hat sich nach Einschätzung von Stadtsprecher Thomas Wahmes bewährt. „Inzwischen ist das Solarkataster ein ‚must have‘, wenn eine Kommune im Bereich Klimaschutz arbeiten möchte. Die Anzahl der Besucher zeigt ja auch ein großes Interesse an diesem Thema.“

Die Zahl der Aufrufe schnellte in der ersten Jahreshälfte in die Höhe. Bis Mitte August gab es rund 36 500 Klicks, im gesamten Jahr 2017 waren es 18 500 und 2016 rund 11 200. Derzeit wird nach Auskunft der Stadt, die selbst Photovoltaikanlagen am Bahnhofsplatz und auf der Münsterbrücke betreibt, an einem Relaunch des Solarkatasters gearbeitet.

Der Wirkungsgrad von Solarmodulen nimmt übrigens mit zunehmender Hitze ab. Er sinkt pro Grad Temperaturanstieg um etwa 0,4 Prozent, erklärt Dr. Marc Köntges. Wenn dauerhaft sehr hohe Temperaturen herrschen, wie etwa in der Wüste, dann kann die Anlage mit der Zeit nachhaltig etwas von ihrer Leistung verlieren. „Das ist vergleichbar mit einem Computer, der heiß läuft und dadurch eine geringere Lebenserwartung hat“, so der Experte. Doch von solchen Temperaturen sei man in unseren Breitengraden weit entfernt.

Mein Standpunkt

Vergeblich hat sich Hameln als „Solarstadt des Nordens“ zu etablieren versucht. Auch eine Magnetveranstaltung wie die Solarmesse „Soltec“ gehöhrt längst der Vergangenheit an. Und bis heute hat sich keine Solarfabrik in der Rattenfängerstadt angesiedelt. So mancher wird sich noch an die Absage des einstigen Photovoltaik-Pioniers BP Solar erinnern, der in Hameln eine Produktionsstätte errichten wollte. Immerhin ist die Stadt den richtigen Weg gegangen, als sie ein Solarkataster einrichtete und damit den Immobilienbesitzern ein wichtiges Instrument an die Hand gab. Doch der große Boom scheint in diesem Bereich vorbei zu sein: In Hameln wurden deutlich weniger Anlagen in Betrieb genommen, als dies noch in den vergangenen Jahren der Fall gewesen ist.




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