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In Platons Höhle

Über den schwierigen Umgang mit der Wirklichkeit und der Wahrheit

Was ist Wirklichkeit? Können Medien überhaupt objektiv berichten? Wie verhält es sich mit der Wahrheit in „postfaktischen“ Zeiten? Und warum zählt Orwells Roman „1984“ plötzlich wieder zu den meistgelesenen Büchern? Ein Klärungsversuch – ohne alternative Fakten!

veröffentlicht am 29.05.2017 um 13:37 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:28 Uhr

Dr. Guido Erol Hesse-Öztanil

Autor

Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Sind Sie sicher, dass Sie gerade eine Zeitung in der Hand halten? Und gibt es für Sie keinen Zweifel, in der Küche oder im Wohnzimmer zu sitzen und sich der morgendlichen Lektüre hinzugeben? Natürlich tun Sie das. Sie fühlen das Papier, ihre Augen wandern über die gedruckten Sätze, spüren den Sitz, die Lehne, auf dem Sie den Arm gelegt haben und sehen den Raum mit dem Mobiliar. Doch was wir erkennen, ist nur eine Konstruktion unseres mit Sinnesdaten gefütterten Gehirns, das selektiert, interpretiert und im Rückgriff auf individuelle Erfahrungen einen Eindruck erzeugt – eben nur im Kopf. Die Wirklichkeit oder das, was wir für wirklich halten, entsteht erst im Beobachter. Es gibt keine Gewissheit einer Existenz einer Welt außerhalb unseres Kopfes. Licht und Farben sind im Grunde nicht vorhanden, sondern lediglich elektromagnetische Wellen, auch Schall und Musik sind nicht da, sondern nur schnelle, periodische Schwankungen des Luftdrucks. „Die Umwelt, so wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung“, sagt der Physiker Heinz von Foerster. Anders formuliert: Wir sitzen in einer Höhle – in Platons Höhle. Dort sind wir angekettet, können den Kopf nicht drehen, blicken nur auf Schattenbilder, die auf der dunklen Wand vor uns vorüberziehen und die wir für real halten.

Platons vor 2300 Jahren entstandenes Gleichnis steht am Anfang einer langen philosophischen Tradition, sich darüber klar zu werden, wie wir zu wahrer Erkenntnis gelangen können, wenn wir immer nur Abbilder zu Gesicht bekommen. Das Ding an sich, wie es Kant in seinen erkenntnistheoretischen Schriften formuliert, bleibt uns verborgen. Ein Dilemma, mit dem wir leben müssen – auch wir Journalisten. Realität ist das, was wir dafür halten oder „was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben“, stellte der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick einmal ironisch fest. Das heißt freilich nicht, dass die Wirklichkeit zur beliebigen Verfügung steht. Die Erde ist keine Scheibe und der Himmel nicht grün. Darüber lässt sich nicht diskutieren. Das sind unleugbare Fakten, weil empirisch beweisbar.

Der Tageszeitungsleser oder der Tagesschau-Zuschauer muss sich darauf verlassen können, dass die Berichte auf Tatsachen beruhen, also eine faktische Grundlage haben. Die heutige Ausgabe enthält weit über 100 Texte von unterschiedlicher Länge. Sie informieren den Leser über Ereignisse in seiner Heimat und im Ausland. Keinesfalls wird damit die „Wirklichkeit“ in ihrer Totalität abgebildet. Das wäre selbst bei einer täglich mehrere Tausend Seiten umfassenden Zeitung nicht möglich. Es ist der Job des Journalisten, zu entscheiden, was berichtenswert ist. Und so bietet jede Ausgabe nur einen winzigen Ausschnitt aus dem aktuellen Weltgeschehen, der nach den Kriterien des Nachrichtenwerts zustande kommt. Hier kann es natürlich zu unterschiedlichen Bewertungen kommen, weshalb jede Zeitung ihren eigenen Blick auf die Realität dem Leser vermittelt. Und das gilt wiederum für jeden einzelnen Artikel. Für eine Haushaltsdebatte im Rat steht nur ein beschränkter Platz zur Verfügung. Niemand möchte ein Protokoll dieser mehrstündigen Sitzung mit allen Wortbeiträgen lesen. Der Journalist setzt Schwerpunkte, fasst Diskussionen zusammen, bringt (oft komplexe) Sachverhalte auf den Punkt und gibt die unterschiedlichen Standpunkte zu einem Thema wieder. Er muss entscheiden, was aus seiner Sichtweise das Wichtige in der Diskussion zur Erhöhung der Gewerbesteuern oder zum Sanierungsstau an Schulen ist. Dabei kann er sich auf seine Erfahrung, sein Insiderwissen und seine Vertrautheit mit den lokalen Gegebenheiten verlassen – und doch bleibt es letztlich eine subjektive Darstellung, die er zu Papier bringt.

„Eine vollkommen objektive Berichterstattung mag es nicht geben“, erklärt der Zeit-Journalist Kai Biermann, „aber Ziel journalistischer Arbeit sollte zuallererst sein, dass sich der Leser durch die aufgezeigten Fakten eine eigene Meinung bilden kann.“ Tendenziös darf der Bericht nicht sein, etwa nur Befürworter der Windkraft oder ausschließlich Gegner des Freihandelsabkommens TTIP zu Wort kommen lassen. Zur Meinungsbildung tragen schließlich die kritische Bewertung und Interpretation eines Geschehens bei, wie sie im Leitartikel, in der Glosse oder im Kommentar einer Zeitung zum Ausdruck kommen.

Fakten, Wahrheit, Realität: Das sind Begriffe, die allerdings immer mehr zu Worthülsen werden, ganz offensichtlich beliebig definierbar sind. Im Zeitalter des Postfaktischen und Fake News scheint die Wirklichkeit nur noch freie Spielmasse zu sein. Ich sehe das, was ich sehen möchte oder mir permanent eingeredet wird. Trumps Pressesprecher Sean Spicer wollte uns ernsthaft weismachen, dass der Inauguration seines Chefs mehr Menschen beiwohnten als bei der Amtseinführung Obamas. Indes hatte jeder an den TV-Bildschirmen gesehen, dass weniger Amerikaner ihren neuen Präsidenten feiern wollten als dies bei seinen Vorgängern der Fall gewesen ist. Man interpretiere halt die „Fakten unterschiedlich“, argumentierte Spicer.

Der im Weißen Haus gepflegte Umgang mit der Wirklichkeit und den Fakten erinnert fatal an George Orwells Negativ-Utopie „1984“, in der ein „Wahrheitsministerium“ vorgibt, was wirklich und wahr ist. Trumps Dreistigkeit im Umgang mit der Realität reicht an die von O‘Brien, Chefinquisitor in Orwells Roman, locker heran. Der erklärt: „Manchmal gilt zwei plus zwei gleich fünf. Manchmal drei. Manchmal alles auf einmal.“ Nicht zufällig stand Orwells Roman plötzlich wieder auf der Bestsellerliste, als Trump im Weißen Haus das Sagen und Lügen hatte. Der „Washington Post“ zufolge hat der US-Präsident in seinen ersten 100 Tagen 133 falsche oder irreführende Behauptungen in den Raum geworfen.

Für den an der Stanford-University lehrenden Literaturwissenschaftler Adrian Daub ist das Schlimme nicht, „dass einem Unwahrheit als Wahrheit aufgezwungen wird, sondern, dass jedwede Wahrheit als unwahr verkauft wird“. Dagegen werden Lügen einfach so häufig wiederholt, bis sie sich durchsetzen, was in sozialen Netzwerken lawinenartig schnell geht.

Als die Erfurter Bürger im Herbst 1989 bei ihren Protestzügen am Gebäude der SED-Zeitung „Das Volk“ vorbeikamen, riefen sie: „Schreibt die Wahrheit!“ Jahrzehntelang hatten die Zeitungsmacher in der DDR genau das Gegenteil getan, hatten das geschrieben, was der Partei genehm war und ein geschöntes Bild vom Leben im Sozialismus vermittelt. Wahrheit und freie Meinungsäußerung wurden unterdrückt, den Lesern nur Propaganda geboten. Die „Achtung vor der Wahrheit“ aber und die „wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“ zählen zu den obersten Geboten des Journalisten, heißt es im Pressekodex.

Das führt unweigerlich zu der berühmten Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ Im postmodernen Mainstream wird die eine, unumstößliche Wahrheit in Abrede gestellt. Sie sei nicht zu haben, weil es nur Interpretationen gebe, eben nur „Wahrheiten“. Daraus leitet dann ein Philosoph wie Richard Rorty ab: „Wahrheit ist, womit deine Zeitgenossen dich davonkommen lassen.“ Oder ein Putin oder Erdogan – so ließe sich diese zynische Definition ergänzen. Natürlich interpretieren Medien, ob Fernsehen, Zeitung oder Radio, das Geschehen, über das sie informieren (allein die jeweilige Auswahl ist schon Interpretation), aber sie tun (oder sollten es tun), indem sie „wahr“ und glaubwürdig berichten. Das bedeutet Recherchearbeit, Quellen-Check, ausgewogene und sachliche Darstellung sowie Rückgriff auf wissenschaftlich bewiesene Fakten. Die Wahrheit ist nicht eine Sache der Befindlichkeit. Es gibt keine „gefühlte Wahrheit“. Die ehrwürdige „New York Times“ hat es auf die griffige Formel gebracht: „Truth. It has no alternative.“

Information

„Wahrheit ist ein sehr hoher Anspruch“

Herr Prof. Kepplinger, im Zeitalter von Fake News und „Alternativen Fakten“ stellt sich die Frage: Wie steht es mit der Wahrheit? Interessiert sich niemand mehr dafür?
Prof. Hans Mathias Kepplinger: Die meisten Leser gehen davon aus, dass die Fakten stimmen. Das trifft ja auch auf die meisten Fakten zu und deshalb haben sie sich daran gewöhnt. Zweifel treten aber dann auf, wenn die Fakten nicht zu dem passen, was sie wissen oder zu wissen glauben.


Was bedeutet der Begriff „Wahrheit“ im Journalismus?
„Wahrheit“ ist ein sehr hoher Anspruch. Es genügt, wenn die Berichterstattung – so weit wie möglich – objektiv ist. Dazu gehören zwei Elemente. Erstens müssen die in Berichten enthaltenen Fakten stimmen. Dazu gehört auch die sachlich korrekte Verwendung von Begriffen. Wenn in den deutschen Fernsehnachrichten 2015 nahezu alle Migranten „Flüchtlinge“ genannt wurden, obwohl es sich weit überwiegend nicht um Flüchtlinge gehandelt hat, dann fehlt die erste Voraussetzung. Zweitens müssen die einzelnen Fakten beziehungsweise Aspekte eines Themas und die verschiedenen Themen untereinander sachlich angemessen gewichtet werden. Wenn in den gleichen Fernsehnachrichten 2015 monatelang der Eindruck erweckt wurde, es gebe neben der Migration kein anderes wichtiges Thema, dann muss man daran zweifeln, dass die zweite Voraussetzung erfüllt war.


Wie ist das Verhältnis von Realität und Wahrheit zu bestimmen?
Diese Frage kann man am besten durch einen Vergleich des Verlaufs der Berichterstattung mit der Entwicklung der Ereignisse beurteilen. Wahr, objektiv oder korrekt ist die mediale Darstellung von Realität dann, wenn die einzelnen Berichte sachlich korrekt sind und die Häufigkeit der Berichte in etwa der Häufigkeit der erkennbaren Ereignisse entspricht. Eine Ausnahme bilden gehäufte Berichte über einzelne Extremereignisse – bei der Migrantenkrise zum Beispiel der Tot von mehreren hundert Menschen, weil ein Schiff gekentert ist.


Stichwort „Lügenpresse“. Haben die Medien ihre Glaubwürdigkeit verloren?
Die Medien und die Journalisten haben seit Jahrzehnten langsam an Glaubwürdigkeit verloren. Ihr Verlust an Glaubwürdigkeit ist jedoch nicht gravierend und an sich nicht besorgniserregend. Die Berichterstattung über einzelne, kontroverse Themen hat dagegen seit Langem massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Diese Entwicklung ist besorgniserregend, weil man damit rechnen muss, dass sich dieser Glaubwürdigkeitsverlust früher oder später auch auf die Medien und den Journalismus insgesamt auswirken wird.


Wollen die Menschen vielleicht nicht die Wahrheit hören, sondern eher eine Meinung, die ihr Weltbild bestätigt?
Das sind zwei Seiten einer Medaille. Sie wollen die Wahrheit lesen und hören, aber sie halten Meldungen vor allem dann für wahr, wenn sie ihre Kenntnisse und Meinungen bestätigen. Das erscheint auf den ersten Blick irrational, ist aber vernünftig. Andernfalls würden sie jeden Unsinn glauben.

Zur Person:

Der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger unterrichtete bis zu seiner Emeritierung 2011 am Institut für Publizistik der Universität Mainz. Kepplinger zählt zu den Gründern der Mainzer Schule, die die Wirkung von Medien untersucht. Er ist Autor zahlreicher Bücher und war als Gastprofessor unter anderem an der Université de Tunis und der Southern Illinois University tätig. Im Mittelpunkt seiner Forschung steht das Verhältnis von Realität und Medienrealität.




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