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Polnisch-deutsches Versöhnungsprojekt zu Flucht und Vertreibung – Hans-Georg Anders trug dazu bei

„Unser Leben am Zobten“

Bevor Hitler der gesamten Welt den Krieg erklärte, verlief das Leben im niederschlesischen Städtchen Zobten mit seinen etwa 3000 Einwohnern recht ruhig. Es herrschte das Lebensmodell, nach dem die Menschen in demselben Bette starben, in dem sie auch zur Welt gekommen waren.

veröffentlicht am 06.04.2019 um 12:00 Uhr

Zobten im Jahre 1915 – nach dem Zweiten Weltkrieg begann die wechselvolle Geschichte. Foto: Digitales Archiv für lokale Traditionen
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Autor

Bernhard Gelderblom Reporter
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Zobten (polnisch Sobótka) liegt im heute polnischen Niederschlesien, etwa 30 Kilometer südwestlich von Breslau zu Füßen des Zobtenbergs. Das 718 Meter hohe Massiv des Berges dominiert die gesamte Umgebung. Im Städtchen wurde 1928 Hans-Georg Anders geboren und erlebte hier seine Kinder- und Jugendjahre. Hans diente gern als Ministrant in der katholischen Pfarrkirche und war Mitglied der katholischen Jugend. Die ersten Vorboten bösartiger Veränderungen nahm Hans als Neunjähriger wahr: das Verbot katholischer Vereine. „Sein“ Kaplan wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er die nationalsozialistische Regierung kritisiert hatte. Unbequeme verschwanden spurlos und unauffällig. Häuser für psychisch Kranke leerten sich. Die große Politik nahm Fahrt auf.

1939 war Hans elf Jahre alt. Für ihn brach der Krieg 1944 aus, als sich die Niederlage Deutschlands bedrohlich näherte. Im Januar 1944 wurde er als Luftwaffenhelfer nach Breslau einberufen. Im Januar 1945 hielt sich Hans für kurze Zeit auf Heimaturlaub bei seinen Eltern auf und sah Flüchtlingstrecks durch Zobten rollen. Familie Anders entschloss sich zum Bleiben. Als Hans nach Ende seines Urlaubs zu seiner Einheit zurückkehren wollte, war Breslau zur Festung erklärt worden. Hans kam nicht zu seiner Einheit zurück. Völliges Chaos herrschte.

Am 9. Februar 1945 begann eine infanteristische Ausbildung. Ein mörderischer Einsatz an der Front bei Görlitz stand ihm kurz bevor. Dazwischen kam der Waffenstillstand am 9. Mai. Auf nächtlichen Märschen schlug sich Hans nach Osten zu seinen Eltern durch. Die russische Besatzung stattete dort einige ältere Männer mit roter Armbinde aus, die nun den Ton angaben. Für Deutsche galt die allgemeine Arbeitspflicht. Hans wurde Bauarbeiter, Dachdecker. Das Schlimmste war in dieser Zeit neben dem Hunger die absolute Unsicherheit. Beim Weg durch die Stadt musste man damit rechnen, angehalten und zu einer Arbeit gezwungen zu werden. „Das Unverhoffte, Unvorhersehbare war das eigentlich Drohende.“

Familie Anders vor ihrem Haus, um 1934. Foto: Sammlung Hans Anders

Statt Radios oder Zeitungen gab es nur Gerüchte. Von dem, was die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz beschlossen, wusste niemand etwas. Nach 1945 wurden die östlichen Grenzen Deutschlands und Polens neu gezogen. Polen verlor 179 000 Quadratkilometer seiner Ostgebiete und bekam dafür 101 000 Quadratkilometer deutscher Ostgebiete. Eine gewaltige Umsiedlung der Bevölkerung stand an.

Er verlor Zobten am Berge; aber er fand Sobótka. Er ist mit der Vergangenheit im Reinen.

Hans-Georg Anders, Autor

Hans erlebte, wie im Juni 1945 die ersten Polen kamen. Familie Anders musste einen Raum ihres Hauses abtreten. Vorräte wurden beschlagnahmt. Hans schaffte es, sein Leben irgendwie lebenswert zu gestalten. Er engagierte sich weiter in der Kirche, lernte Sprachen. Am 12. Juni 1946 hingen in der Stadt deutsch- und polnischsprachige Plakate, welche die bevorstehende „Aussiedlung“ ankündigten. Einige Bewohner waren zu der Zeit schon gegangen. Ein erster großer Treck führte aus Niederschlesien nach Hameln. Er erreichte die Stadt am 13. oder 14. Juni 1946.

Die Familie Anders verließ Zobten am 25. Juli 1946. Federbetten, Küchenutensilien, Vaters Schusterwerkzeug, die Figuren der Weihnachtskrippe wurden eingepackt. Im Verladebahnhof in Kanth wurden Teile des Gepäcks von Polen beschlagnahmt. In einem Güterzug mit 56 Waggons waren zwei Wagen für die Zobtener reserviert. Am 29. Juli setzte sich der Zug in Bewegung. Ziel: Marienborn, also die britische Besatzungszone. Dann ging es weiter nach Salzkotten: Einweisung in eine Wohnung, kühler Empfang. Kontakte zu Einheimischen ergaben sich nur zögerlich.

In Paderborn konnte Hans wieder zur Schule gehen und Abitur machen. Anschließend studierte er. Er unterrichtete zuerst an einer Dorfschule im Kreis Höxter, wurde dann Leiter einer Hauptschule mit 800 Schülern im ostwestfälischen Brakel und ging 1990 in Ruhestand. Im Jahr 2018 ist er gestorben. Neben seinem großen Hobby Musik galt seine ganze Liebe der Heimat: Schlesien und Zobten. Bereits 1980 besuchte er Polen, neben Breslau auch seine Heimatstadt, die einen ziemlich vernachlässigten Eindruck auf ihn machte. Er fuhr bei dieser Reise am 24. Juni 1980 auch nach Auschwitz und erfährt dabei: „Fast auf den Tag genau 40 Jahre zuvor war der erste Transport mit 728 Polen in Auschwitz eingeliefert worden.“

1981 reiste er erneut und dann immer wieder. Für die polnischen Bewohner von Sobótka wurde er der „Silesian Hans“ – der schlesische Hans, der jeden Stein am Zobten kennt und viel über das Leben der Vorkriegsstadt weiß. Eine Polin ermunterte ihn 2006, seine Erinnerungen aufzuschreiben, Urszula Glensk, eine Hochschullehrerin der Universität Breslau. Ostern 2008 war der Text fertig. Frau Glensk ließ ihn ins Polnische übersetzen und initiierte auch den Druck. So lagen die Erinnerungen von Hans Anders als Buch zuerst in polnischer Sprache vor. 2017 erschienen sie dann, herausgeben vom Muzeum Slezanskie in Sobótka, in ihrer Originalsprache in Deutsch unter dem Titel „Unser Leben am Zobten“ (ISBN 978-83-935205-3-4).

Für die polnischen Bewohner wurde er später der „Silesian Hans“ – der schlesische Hans

Hans Anders kann sehr bildhaft erzählen und er schreibt ohne Verbitterung, aber auch nicht beschönigend. Der Einmarsch der Russen verband sich für ihn mit einem großen Zivilisationscrash, mit der Begegnung von Siegern und Besiegten. Von März bis August 1945 verfügte die Sowjetarmee über das gesamte Hab und Gut der Deutschen. Es war auch die Zeit der Plünderungen. Die Polen, die in Zobten einrückten, waren ihrerseits Flüchtlinge. Die Neuankömmlinge verhielten sich unterschiedlich. Hans Anders beschreibt sie als anständige Menschen. Vielleicht ist deswegen seine Umsiedlungsgeschichte weniger drastisch. Der Autor ist ein Mensch, der vieles begreifen und manche Sachen auch verschweigen kann oder sie wenigstens nicht kommentiert.

Bei allem weiß er, wo die Ursachen dafür zu suchen sind, was damals die Menschen heimgesucht hat, nämlich bei Hitlers und der Deutschen Größenwahn und dem, was sie in Russland und Polen angerichtet haben. Und er zitiert Adorno: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“

Es sind Erinnerungen, die versöhnen wollen. Im Vorwort zum Buch findet sich der Satz: „Hans Anders verlor Zobten am Berge; aber er fand Sobótka. Er ist mit der Vergangenheit im Reinen.“

Woher rührt dieses Interesse der polnischen Seite? Nach 1989/90, als die Polen endlich ohne Zensur über die eigene Welt erzählen durften, stellten sie fest, dass dieselbe Welt ihnen gleichzeitig auch fremd war – weil es eine ursprünglich deutsche Welt war. Wie lässt sich die zerstörte Identität des Ortes wiederfinden, wie seine rätselhafte Vergangenheit entdecken? Wie lässt sich ein Ort wie Zobten verstehen, wenn man nicht auch seine deutsche Vergangenheit kennt! Das Wissen von der Zeit, bevor die Geschichte dem Wahnsinn verfiel, ermöglicht ein gemeinsames Verständnis der Vergangenheit.

Die Öffentliche Bibliothek in Sobótka gründete 2013 das Digitale Archiv für lokale Traditionen. Es sammelt Bilder, Dokumente, Berichte der heutigen und der früheren Stadtbewohner. Es rettet auch deutsche Grabdenkmäler vor der Zerstörung. Treibende Kraft ist Michał Hajdukiewicz, dessen Vorfahren selbst aus Ostpolen vertrieben wurden und dessen Großmutter in der NS-Zeit Zwangsarbeit leisten musste. Michał Hajdukiewicz sucht Kontakte auch nach Hameln.

Im zweiten der drei großen Flüchtlingstransporte aus Schlesien, die mit jeweils mehr als 1600 Menschen im Jahre 1946 Hameln erreichten, waren auch Menschen aus Zobten. Der Autor dieses Artikels bittet sie oder ihre Nachkommen darum, sich bei ihm zu melden.




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