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„Geburten sind launische Wesen“

Unterstützung im Kreißsaal: Sabine Prätzel arbeitet als Doula

Sabine Prätzel weiß, was es bedeutet, eine schlimme Geburt zu erleben. Sie hatte gleich zwei davon. Und dennoch hat sie den Glauben daran, dass eine Geburt auch ein schönes Erlebnis sein kann, nicht verloren. Im Gegenteil: Sie hat sich zur Geburtsbegleiterin, zur Doula (sprich: Duhla) ausbilden lassen und steht nun werdenden Eltern während der Geburt ihrer Babys zur Seite.

veröffentlicht am 08.01.2019 um 13:26 Uhr
aktualisiert am 08.01.2019 um 14:08 Uhr

20 Geburten hat Sabine Prätzel allein im vergangenen Jahr als Doula begleitet. Foto: jaj

Autor:

Jessica Rodenbeck
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„Ich darf nicht medizinisch eingreifen und das möchte ich auch gar nicht“, erklärt Prätzel. Denn Doulas ersetzen keine Hebammen, sondern ergänzen deren Arbeit. Die 38-Jährige steht den werdenden Eltern zur Seite, sie hört zu, erklärt und ist ein Bindeglied zwischen den werdenden Eltern und dem Klinikpersonal. „Ich bin gewissermaßen ein Reiseführer“, sagt sie und lächelt.

„Ich bin den Weg schon ein paar Mal gegangen, und weiß was passieren kann.“ Bei der Geburt ihres ersten Sohnes war die gelernte Kinderkrankenschwester guter Dinge, freute sich auf die Geburt, doch dann kam alles anders. „Ich wurde schlecht aufgeklärt, beschimpft und schließlich zum Kaiserschnitt gedrängt“, erinnert sie sich. Auch die zweite Geburt, für die sie dieselbe Klinik wählte, verlief nicht schön. Sie bekam einen „Flashback“, erinnerte sich an die Geschehnisse drei Jahre zuvor und erlitt eine Panikattacke. Doch niemand half ihr. „Ich wurde mit meinen Ängsten völlig allein gelassen.“ Prätzel erlitt schließlich eine Wochenbettdepression, die, da ist sie sich sicher, maßgeblich durch die Erlebnisse während der Geburt ausgelöst wurde.

Als die gebürtige Hamburgerin dann erneut schwanger wurde, war sie sich sicher, dass sie dieses Mal einen anderen Weg gehen möchte. Sie wählte ihre Geburtsklinik bewusst aus, ließ sich von einer Doula begleiten und wurde belohnt. „An diese Geburt denke ich heute gerne zurück“, sagt sie. Zwar endete auch diese mit einem Kaiserschnitt, „aber ich durfte den Weg selbstbestimmt gehen.“ Und genau das ist es, was der dreifachen Mutter bei ihrer Arbeit wichtig ist.

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Sabine Prätzel mit dem kleinen Jarne, dessen Mutter sie während der Geburt begleitet hat. Foto: jaj

Es gehe nicht darum, dass jede Frau, die sie begleitet, automatisch eine Traumgeburt erlebt. „Geburten sind launische Wesen“, weiß sie aus Erfahrung. Sie möchte vielmehr dazu beitragen, dass die werdende Mutter mitbestimmen darf und – egal, wie die Geburt verläuft – das Gefühl hat, den Weg selbst gegangen zu sein, Entscheidungen selbst getroffen zu haben.

Viele Frauen, die sich von Sabine Prätzel begleiten lassen, haben bereits schlechte Erfahrungen bei einer früheren Geburt gesammelt. „Da geht es dann erst einmal darum, diese blinden Flecke zu füllen“, erklärt sie. Bereits vor der Geburt trifft sie sich daher mit den Eltern, um im persönlichen Gespräch herauszufinden, wie sich das Paar die Geburt wünscht und um eventuell vorhandene Ängste abzubauen. Dies geschieht durch gutes Zuhören, viele Erläuterungen und das Aufzeigen neuer Möglichkeiten. Auf Wunsch bietet sie beispielsweise Hypno-Birthing an, eine Form der Meditation.

„Ich möchte das Vertrauen in die eigene Gebärfähigkeit aufbauen“, beschreibt sie das Ziel ihrer Arbeit. Denn das, was eine Frau braucht, um gebären zu können, seien in der Regel ganz simple Dinge: „Vertrauen in sich selbst, in den eigenen Körper und das Baby.“ Wer das habe, sei auch weniger empfänglich für Verunsicherungen von außen.

Die Hebammen sind am Anfang manchmal ein wenig skeptisch, weil ich ja gewissermaßen in ihren Bereich eindringe.

Sabine Prätzel, Geburtsbegleiterin

In verschiedenen Kliniken von Osnabrück bis Hannover hat die dreifache Mutter schon Geburten begleitet und vonseiten der Kliniken noch nie Gegenwind gespürt. „Die Hebammen sind am Anfang manchmal ein wenig skeptisch, weil ich ja gewissermaßen in ihren Bereich eindringe“, erklärt sie. Das würde sich aber schnell geben, wenn deutlich wird, dass beide zwar im selben Bereich arbeiten, aber ganz andere Aufgaben haben. Mittlerweile gibt es sogar einige Kliniken, die Prätzels Nummer weitergeben, wenn bei einem Vorgespräch deutlich wird, dass eine Frau große Angst vor der Geburt hat.

Unter der Geburt selbst achtet Prätzel unter anderem darauf, dass die zuvor von den werdenden Eltern geäußerten Wünsche berücksichtigt werden. „Die Eltern sind in dieser Situation voll und ganz mit der Geburt beschäftigt“, erklärt sie. Klassische Wünsche seien beispielsweise, dass die Nabelschnur auspulsieren darf, dass kein Dammschnitt gemacht wird oder dass ein Kaiserschnitt möglichst vermieden wird. Sollten letztere Eingriffe aber medizinisch notwendig werden, sorgt sie dafür, dass die Mutter nicht von dem Geschehen überrumpelt, sondern einbezogen wird, und zu jeder Zeit weiß, was geschieht und wieso.

Es gebe aber auch viele Geburten, bei denen sie einfach nur da ist und den werdenden Eltern schon dadurch Sicherheit vermittelt. Dann macht sie, was gerade benötigt wird: Fragen beantworten, Händchen halten, massieren und sich auch um die werdenden Väter kümmern. „Dem ein oder anderen Papa habe ich schon mit einer Bifi und einer Cola aus meiner Tasche zu neuen Kräften verholfen“, erinnert sie sich und lacht.

Prätzel hat ihre Ausbildung bei dem Verband „Doulas in Deutschland“ in Karlsruhe absolviert. Und auch, wenn sie schon viele Frauen auf ihrem Weg begleitet hat, sind Geburten nach wie vor etwas ganz Besonderes für sie. „Ich weine jedes Mal, das bleibt einfach“, gibt sie zu. Ihre Eindrücke von der Geburt hält sie in einem ganz persönlichen Geburtsbericht fest, den die Eltern von ihr erhalten. Denn der Kontakt zu den Eltern ist mit der Geburt nicht beendet. Auch im Wochenbett steht die Doula noch mit Rat und Tat zur Seite.

Wer sich von einer Doula begleiten lassen möchte, sollte früh Kontakt aufnehmen, empfiehlt Prätzel, die auch Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse, Mama-Baby-Tanzkurse, Trageberatung und Krabbelkurse anbietet. Denn die Kapazitäten der Geburtsbegleiterinnen, deren Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen werden, sind begrenzt. Sie selbst hat im vergangenen Jahr 20 Geburten begleitet, mehr sei kaum möglich, da die Geburtstermine nicht zu eng beieinander liegen dürfen. Denn die Wahl-Obernkirchenerin, die seit einem Jahr mit ihrem Mann und den drei Söhnen in der Bergstadt lebt, möchte sich für jede Frau viel Zeit nehmen können. „Ich möchte mein Wissen weitergeben, damit andere Frauen nicht erleben müssen, was ich erlebt habe“, erklärt sie.




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