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Warum viele Leute an Verschwörungstheorien glauben – aber die seriöse Presse nicht darüber berichtet

Verschwörung oder Theorie?

Die Presse, der Journalismus, die Medienwelt – was darf man darunter verstehen? Begriffe wie Pressefreiheit, Recherche, Nachrichten, Information und Wahrheit scheinen durch Schlagworte wie Lügenpresse, Fake News und alternative Fakten in Gefahr zu geraten. Unsere Zeitung macht ihr tägliches Tun für einen Monat zum öffentlichen Serienthema: den Journalismus. Diesmal: Der feine Unterschied zwischen Gerücht, Verschwörung und Theorie.

veröffentlicht am 08.05.2017 um 11:53 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:33 Uhr

Johanna Lindermann

Autor

Volontärin

Der Unfalltod von Prinzessin Diana – ein gut fingierter Mord des britischen Geheimdienstes, um sie loszuwerden. Die erste Mondlandung im Jahr 1969 – eine Produktion gedreht in einem Studio oder in einer Wüste, um den Wettlauf gegen die Sowjets um den ersten Menschen auf dem Mond zu gewinnen. Der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 – durchgeführt von der US-amerikanischen Regierung, um einen Vorwand zu haben, gegen islamistische Vereinigungen Krieg zu führen. Ufos – schon oft und überall gelandet, vornehmlich in Ägypten, wo sie beim Bau der Pyramiden halfen, oder auch abgestürzt, etwa in Roswell.

Klingen diese Geschichten vertraut? Mit Sicherheit. Aber was ist mit Schlagzeilen wie: „Lady Di – jetzt steht fest: Es war Mord!“ Schon mal gesehen? Vermutlich nicht. Eher ist in Zeitschriften oder Magazinen, die über die bekanntesten dieser Geschichten berichten, etwas zu lesen wie: „Lady Di – war es Mord?“ In Tageszeitungen hingegen sucht man solche Titel vergeblich. Woran das liegt? Ganz einfach: Weil diese Geschichten nie mit Sicherheit belegt wurden. Aber wurde es auch mit Sicherheit widerlegt? Gibt es Beweise, dass es nicht so war?

Genau dort setzen die Verschwörungstheoretiker an. Doch was ist das eigentlich genau, eine Verschwörungstheorie? Der Duden definiert es als die „Vorstellung/Annahme, dass eine Verschwörung/verschwörerische Unternehmung Ausgangspunkt von etwas sei“. Im Klartext: Die Regierung oder große Konzerne würden absichtlich Lügen verbreiten, um etwas zu vertuschen, das zum Skandal werden würde, wenn die Öffentlichkeit davon erführe. Auch gegen die Presse gibt es solche Vorwürfe, etwa, dass eine Zeitung einer Partei besonders nahestehe oder dass ein Bürgermeister regelmäßig Artikel zensiere. Aktuell werden auch immer mehr Vorwürfe laut, die Zeitungen hätten sich gegen Präsident Donald Trump verschworen oder wären doch von Kanzlerin Angela Merkel alle gleichgeschaltet.

In der Nacht zum 31. August 1997 prallte der Wagen, in dem Diana mit ihrem damaligen Freund Dodi Al-Fayed saß, mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Pfeiler im Autotunnel unter dem Place de l’Alma in Paris. Diana starb an den Folgen innerer Verletzungen. Foto: dpa

Würde man nun behaupten, die Cafeteria habe die Milchsorte gewechselt, weil der Händler angeblich pleitegegangen ist, hätte man damit eine Verschwörungstheorie aufgestellt? Wohl kaum, das wäre doch eher ein Gerücht. Behauptet man, der Wechsel der Milchsorte käme daher, dass die Regierung die Einfuhr von Milchprodukten aus gewissen Ländern konsequent unterdrücke, schon eher. Was unterscheidet also ein Gerücht von einer Verschwörungstheorie?

Die Antwort liegt in der Definition. Laut Duden ist eine Verschwörung eine „gemeinsame Planung eines Unternehmens gegen jemanden oder etwas (besonders gegen die staatliche Ordnung)“. Hingegen ist eine Theorie nicht so klar definiert: Sie kann sowohl ein „System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesetzlichkeiten“ als auch eine „wirklichkeitsfremde Vorstellung, bloße Vermutung“ sein.

Was unterscheidet aber etwa die Urknall-Theorie, die als die erste Art von Theorie definiert werden kann, von beispielsweise der Theorie der gefälschten Mondlandung? Es sind die „Schuldigen“, um die es geht. Verschwörungstheorien richten sich immer gegen jemanden: Staat, Medien, Einzelperson, Konzern oder Kirche, kurz: die „Verschwörer“. Doch woher kommt es, dass viele Menschen diesen Institutionen scheinbar misstrauen?

Möglicherweise gründet es sich auf Erfahrungswerte. Genau so, wie sicherlich jeder schon einmal das Gefühl hatte, die ganze Welt habe sich gegen ihn verschworen, hat bestimmt auch jeder schon einmal mitbekommen, dass eine Firma nicht ganz ehrlich über die Herstellung ihrer Produkte war. Oder dass eine Person Lügen erzählt hat. Oder, dass ein Politiker nicht ehrlich war. Gebrochene Wahlkampfversprechen kommen immer wieder vor. Verallgemeinert man nun „unehrliche Politiker“ zu „unehrlicher Politik“ oder „unehrlicher Regierung“, könnte man bald auf den Gedanken stoßen, dass die Regierung lüge oder Tatsachen verschweige. Finden die Leute dann noch die Aussagen anderer Theoretiker, die ähnlicher Ansicht sind, sehen sie sich in ihren Annahmen bestätigt. Denkbar ist, dass dies vielen ein Gefühl der Bestätigung gibt, nicht „blind“ mit der Masse mitzulaufen und sich von der Regierung hinters Licht führen zu lassen, sondern fähig zu sein, diese „Machenschaften“ zu durchblicken.

Dabei ist das grundsätzliche Hinterfragen von Behauptungen ja nichts Schlechtes. Misstrauisch zu sein, um herauszufinden, ob jemand etwas Böses will oder Falsches behauptet, ist sicherlich keine pauschal schlechte Idee. Neben Journalisten, bei denen das Hinterfragen zum Berufsalltag gehört, ist es auch für jeden anderen nicht verkehrt, nicht alles sofort zu glauben, was erzählt wird, sondern sich auch selbst vom Wahrheitsgehalt zu überzeugen.

Das Problem dabei ist allerdings Folgendes: Wie kann jemand davon überzeugt werden, dass eine Geschichte wahr ist, wenn er aus Prinzip den offiziellen Berichterstattungen darüber nicht glaubt? Und das ist das Vertrackte an Verschwörungstheorien: Ist jemand überzeugt, dass Dokumente oder Fakten, die das Geglaubte belegen könnten, geheim gehalten werden, ist eine Verschwörungstheorie praktisch nicht zu widerlegen.

Doch ebenso wenig ist sie auch eins: zu beweisen. Und der Beweis, die Belegbarkeit einer Geschichte ist für die seriöse Presse die oberste Regel. In seriöse Zeitungen kommt nur, was Hand und Fuß hat, etwas, das durch das Korrespondentennetz von Nachrichtenagenturen, durch Beweisbilder, durch gründliche Recherche oder die Bestätigung eines Pressesprechers als wahr bewiesen wird.

Gerüchte oder Theorien hingegen haben daher nur dann einen Platz in der Zeitung, wenn sie ausdrücklich als solche gekennzeichnet sind. Würde eine Zeitung unbestätigte Theorien nicht kennzeichnen, würden die Leser diese als wahr verstehen, was zu Verwirrung und Fehlinformationen führen würde. Damit würde sich eine Zeitung zum einen unglaubwürdig machen, zum anderen könnten Leser bestätigte Nachrichten kaum mehr von Gerüchten unterscheiden.

Denn das ist nicht gerade ungefährlich: Viele unbewiesene Theorien richten sich gegen einzelne Personen oder Personengruppen, werfen ihnen illegale Handlungen oder Machtbestrebungen vor, die zur Rufschädigung oder, im schlimmsten Fall, sogar zu Verfolgung und Attacken auf die angeblichen Übeltäter führen können. Auch um so etwas zu vermeiden, verbreitet keine seriöse Zeitung und kein seriöses Nachrichtenmagazin unbewiesene Theorien – oder aber kennzeichnet sie ausdrücklich als solche.

Dabei sind die Verschwörungstheoretiker darauf angewiesen, ihre Vorstellungen publik zu machen, was sie dann meist mithilfe von Websites oder Blogs tun. Daraus schließt sich: Oft sehen Verschwörungstheoretiker die Medien als die Verschwörer an, die „Lügen“ in die Welt setzten oder sie verbreiteten. Umgekehrt sind sie allerdings auch auf Medien angewiesen, denn eine Theorie, die niemand kennt, bekommt auch keine Anhänger. Beides führt zu einem einzigen Schluss: Solange es Zeitungen, Nachrichten oder News-Seiten im Netz gibt, wird es auch Verschwörungstheorien geben.



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