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Serie zur Jugendanstalt: Teil 3

Vollzugsbeamter Patrick Hess kennt alle Stationen im Knast

Alltag in der Jugendanstalt (JA) – der ist heute deutlich strenger, als sich das ihr einstiger Leiter Dr. Gerhard Bulzcak gewünscht hätte. Seit Anfang der 1990er Jahre weht ein anderer Wind in der JA. Verwahren und Resozialisieren ist seither kein Widerspruch mehr, die Sicherheitsmaßnahmen sind hochgefahren worden, Straflockerungen zurück. Dennoch: Der Unterschied zwischen Niedersachsens einziger Jugendstrafanstalt und dem Erwachsenenvollzug im Land ist groß. Ein himmelweiter Unterschied, wenn man Patrick Hess fragt.

veröffentlicht am 06.08.2018 um 12:24 Uhr
aktualisiert am 07.08.2018 um 18:48 Uhr

Früher gab es nur eine gemeinsame Freistunde aller Abteilungen im Innenhof. Manchmal mit bis zu 600 Gefangenen, ohne dass es zu Vorfällen kam. Das sei heute nicht mehr möglich. Heute werden die Freistunden abteilungsweise abgewickelt, zeitlich und rä
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Der 28-Jährige arbeitet seit vier Jahren in der Jugendanstalt. Nur wenige Vollzugsbeamte haben in diesem Alter so viele verschiedene Stationen in der Branche hinter sich, wie Patrick Hess. Begonnen hat er 2010 im Erwachsenenvollzug in Celle. Die dortige Justizvollzugsanstalt gehört zu den Anstalten mit dem höchsten Sicherheitsstandard in Niedersachsen. In dem Hochsicherheitsgefängnis werden Gefangene mit einer Strafe ab 14 Jahren untergebracht. „Also Mörder und Terroristen“, sagt Patrick Hess. In der Hamelner Jugendanstalt liegt die geringste Strafe bei nur sechs Monaten. Das ist immer noch genug, um Arbeit, Freundin und Freunde zu verlieren, sagt Hess.

Es sei eine Riesenumstellung gewesen, als er in die JA kam, sagt Hess, dem es in Hameln wesentlich besser gefällt. Weil man mehr bewegen kann, weil der Umgang ein anderer ist, sagt er. „Ich bin Idealist, ich habe den Wechsel nicht bereut.“

Hess ist ein sportlicher Typ, und geradlinig. Einer, bei dem die harten Jungs wissen, woran sie sind. Er könne streng sein, aber auch Fingerspitzengefühl zeigen, je nachdem, was die Situation erfordert.

Patrick Hess Foto: doro
  • Patrick Hess Foto: doro
Insgesamt ist der Ton unter den Insassen rauer geworden, sagt Hess. Foto: Dana
  • Insgesamt ist der Ton unter den Insassen rauer geworden, sagt Hess. Foto: Dana

Hess’ erste Station in Hameln war das Haus drei, in dem nicht mitarbeitsbereite Gefangene untergebracht sind. Die Bezeichnung geht auf das Konzept der sogenannten Binnendifferenzierung zurück. Es wurde nach 1993 eingeführt, weil die ursprüngliche Einteilung im Normalvollzug nach Schülerhaus, Lehrlingshaus, Arbeiterhaus nicht mehr griff: Potentiell mitarbeitsbereite Gefangene glitten in die Subkultur ab, Mitläufertum und vordergründige Anpassung wurden in dieser Zeit für viele Gefangene zur Regel. Im Laufe der Zeit konnte die breite Differenzierung im Normalvollzug wieder zurückgefahren werden, bis in diesem Jahr erneut eine Abteilung für nicht-mitarbeitsbereite Insassen eingerichtet werden musste.

Auch Patrick Hess kennt die Mitläufer-Problematik. Damit, dass die Insassen nicht immer ehrlich sind, müsse man leben. „Klar gibt es Zweckverhalten, aber es gibt auch diejenigen, die es durchziehen“, sagt er. Andersherum gesagt: Den typischen Gefangenen gibt es nicht.

In Haus drei ging es für Patrick Hess zunächst hauptsächlich darum, die Insassen zu beaufsichtigen und ihre Tagesabläufe zu koordinieren, also, wer wann wo sein muss.

Enger ist der Kontakt im Wohngruppenbereich. Dort übte Hess als Wohngruppenbetreuer, vereinfacht gesagt, den Alltag mit den Insassen. Wecker stellen zum Beispiel. Manchmal muss er mit Händen und Füßen reden. Und gar nicht mal so selten muss er den jungen Männern beibringen, wie man einen Personalausweis beantragt. Viele haben gar keinen, sagt er, weil das in ihrem familiären Umfeld keine Rolle gespielt hat.

Am Ende des Monats folgt dann eine Beurteilung in Bezug auf Schule und Arbeit. Und es gibt ein Feedback zum Sozialverhalten. Ist der Gefangene zur Mitarbeit bereit, folgt die nächste Stufe. Wenn nicht, bleibt er in der Abteilung der Unbelehrbaren.

Hess mag seine neuen Aufgaben, auch wenn der Ton unter den Insassen rauer geworden sei. Zum Teil seien es politische Konflikte, die in die JA getragen werden, in der Vergangenheit zum Beispiel zwischen Kurden und Türken. Bei massiven Auseinandersetzungen zwischen Gefangenen muss das Einsatzteam eingreifen, das für besondere Gefahrenlagen ausgebildet ist. Auch Hess gehörte dazu. Früher, erzählt er, gab es nur eine gemeinsame Freistunde aller Abteilungen im Innenhof. Manchmal mit bis zu 600 Gefangenen, ohne dass es zu Vorfällen kam. Das sei heute nicht mehr möglich. Heute werden die Freistunden abteilungsweise abgewickelt, zeitlich und räumlich voneinander getrennt.

Aber dann gibt es diejenigen, die das Angebot der JA schätzen: „Das erleben vor allem die Werkmeister“, sagt Hess. Wenn auch eher die Ausnahme, so hätten doch einige Karrieren in der JA begonnen.

Patrick Hess‘ eigene Karriere bewegt sich inzwischen in Richtung gehobener Dienst. Er absolviert gerade ein dreijähriges duales Studium für Diplomverwaltungsfachwirte in Bad Münstereifel. Eineinhalb Jahre davon sind Praxis. Wenn er in der JA ist, arbeitet er derzeit im Fachbereich Finanzen und Verwaltung. Ob er noch mal an die „Front“ zurückgeht? Durchaus. Denn anders, als es sich anhört, ist sein Beruf, wenn er mit dem Studium fertig ist, nicht nur in der reinen Verwaltung angesiedelt. Hess kann auch als Vollzugsabteilungsleiter oder stellvertretender Vollzugsabteilungsleiter, Sicherheitsdienstleiter oder als Leiter Berufliche Bildung eingesetzt werden.

Information

Zahlen und Fakten

Die 1980eröffnete Jugendanstalt Hameln ist die größte Jugendstrafvollzugseinrichtung in Deutschland. Mit den Abteilungen Offener Vollzug Hameln und Offener Vollzug Göttingen sowie Jugendarrest verfügt die JA über771 Haftplätze für männliche jugendliche und heranwachsende Straftäter im Alter von 14 bis 24 Jahren.

Die Insassen verbüßen Jugendstrafen von sechs Monaten bis zu 10 Jahren, Heranwachsende bis zu 15 Jahren. Die durchschnittliche Haftdauer der jugendlichen Straftäter beträgt 1,7 Jahre.

Nur etwa 30Prozent der Gefangenen verfüget bei Haftantritt über einen Schulabschluss. Etwa zwei Drittel der Gefangenen werden in schulischen oder beruflichen Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen, die übrigen durch Arbeit gefördert.

In der JA sind 470Mitarbeiter beschäftigt, rund 32 Prozent sind weibliche Bedienstete. Ehrenamtlich wird die JA derzeit durch 80 Mitarbeiter unterstützt.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

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