weather-image
28°
Mit Vorgängerfirmen P. A. Rentrop, RHW und Bertrand Faure eine 100-jährige Geschichte

Vom Drahtnagel zum Autositz: Ein Blick in die Historie von Faurecia

Der Paukenschlag der Verlegung des Faurecia-Standortes nach Hannover erfolgt fast genau 100 Jahre nach der Gründung des hiesigen Unternehmens. Wir blicken zurück auf die Historie eines Industrieunternehmens.

veröffentlicht am 08.05.2018 um 17:59 Uhr

So sieht die Firma P. A. Rentrop in den 1970er Jahren aus der Luft aus. Foto: Grabowski

Autor:

Stefan Rothe
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Es war am 5. November 1917, als die Brüder Albert und Heinrich Rentrop, deren Familie schon seit längerer Zeit im westfälischen Altena unternehmerisch tätig war, in Stadthagen die Drahtnagel- und Metallwarenfabrik, Gebrüder Rentrop, gründeten. Gefertigt wurden Draht, Drahtstifte, Springfedern für Matratzen, Polster-, Bilder-, Koffer- und Möbel-Nägel sowie elektrotechnische Artikel. In den 1920er Jahren umfasste die Belegschaft etwa 120 Mitarbeiter. Die Firma führte seitdem den Namen P. A. Ren-trop.

Langsames, aber stetiges Wachstum sorgte bis Ende der 1930er Jahre für ein Anwachsen der Beschäftigtenzahl auf rund 350. Durch die Kriegswirren und -folgen sank diese Ziffer jedoch auf nur noch 30 im Jahr 1947 ab. Hergestellt wurden direkt nach dem Krieg vor allem Matratzenteile, Federkissen und Betten für die britische Besatzungsarmee.

Eine entscheidende Weichenstellung erfolgte im Jahr 1949, als die Firma P. A. Ren-trop mit der Polsterung von Autositzen begann. Damit war das Unternehmen als wichtiger Zulieferer an die in den Folgejahrzehnten florierende Automobilindustrie angedockt. Seit den 1960er Jahren wurden auch komplette Autositze hergestellt. Ein regelrechter Boom begann. Die Zahl der Arbeitskräfte stieg Mitte der 1960er Jahre auf rund 1600, darunter viele sogenannte Gastarbeiter. 1965 wurde die P. A. Rentrop AG in eine GmbH umgewandelt. 1975 fusionierte man mit der Firma Hubbert & Wagner GmbH & Co. KG, einem Autositzhersteller aus Unna. Das neue Unternehmen firmierte nun unter dem Namen RHW, blieb aber ein inhabergeführtes Familienunternehmen. Bis in die 1980er Jahre hinein produzierte RHW neben den Autositzen zu einem Drittel Polstermöbel sowie vielfältige Artikel aus Bandmetall und Draht. Die Zahl der Beschäftigten stieg Mitte der 1980er Jahre auf bis zu 2300, der Umsatz kletterte auf mehr als 350 Millionen Mark. 1991 die Zäsur: Es erfolgte der epochale Schritt vom Familienunternehmen zum Konzern. Die Firma RHW wurde vom französischen Unternehmen Bertrand Faure übernommen. „Schon damals gab es in der Belegschaft große Sorge, künftig einem international agierenden Konzern anzugehören“, erinnert sich Betriebsratschef Jürgen Bittner. „Die Ansprechpartner waren nicht mehr vor Ort. Niemand hier wusste, was die Konzernleitung langfristig eigentlich plant.“ Mitte der 1990er Jahre waren in Stadthagen rund 2000 Mitarbeiter beschäftigt, davon 90 Prozent im Produktionswerk, nur etwa 200 in der Verwaltung. Mittlerweile konzentrierte man sich voll auf die Produktion von Autositzen. 1999 fusionierte Bertrand Faure mit dem ebenfalls französischen Unternehmen Ecia – so entstand der neue Konzern Faurecia.

In den 1960er Jahren gibt es noch viel Handarbeit: Arbeiter bei der Federproduktion. Foto: Grabowski
  • In den 1960er Jahren gibt es noch viel Handarbeit: Arbeiter bei der Federproduktion. Foto: Grabowski
Streik zu Zeiten der Firma Bertrand Faure Mitte der 1990er Jahre. Foto: Schaumburg-Lippische Heimatblätter
  • Streik zu Zeiten der Firma Bertrand Faure Mitte der 1990er Jahre. Foto: Schaumburg-Lippische Heimatblätter
Geschmückter Umzugswagen der Firma Drahtnagel- und Metallwarenfabrik Gebrüder Rentrop aus den 1920er Jahren. Foto: Stadtarchiv Stadthagen
  • Geschmückter Umzugswagen der Firma Drahtnagel- und Metallwarenfabrik Gebrüder Rentrop aus den 1920er Jahren. Foto: Stadtarchiv Stadthagen

Kurze Zeit darauf begann eine Phase wellenartigen Personalabbaus. 2003 wurden rund 150 und 2006 noch mal etwa 300 Stellen gestrichen, weil Teile der Produktion nach Polen verlagert wurden. Darüber hinaus wurden in dieser Zeit etliche Leiharbeiter und befristet Beschäftigte entlassen. Die nächsten Kündigungswellen folgten 2008 (70 Stellen), 2010 (120) und 2013 (350), vor allem, weil weitere Teile der Produktion ausgelagert wurden – diesmal nach Tschechien. Eine Rolle spielte aber auch, dass einige größere Produktlinien ausliefen und es weniger Anschlussaufträge für in Stadthagen entwickelte Komponenten gab. Parallel wurden die Forschungs- und Entwicklungsabteilung sowie die Verwaltung stark ausgeweitet, sodass derzeit in Stadthagen 900 Mitarbeiter tätig sind, wovon lediglich 80 im Produktionswerk arbeiten. 2016 gab es die Ansage, in Stadthagen einen Neubau für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung sowie die Verwaltung zu errichten. Doch im April 2018 dann der Schock: Die genannten Abteilungen werden an einen Standort in Hannover verlagert, nur das kleine Produktionswerk soll in Stadthagen verbleiben.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare