weather-image
Blick auf die wechselnden Machtverhältnisse im Pyrmonter Tal / Vor 350 Jahren wurde die Hauptallee angelegt

Von der Kultstätte zum Kurort

Die heilbringenden Quellen begründeten Bad Pyrmonts Ruf als mondäne Kurstadt. Doch dem Aufstieg zu einem Ort, der europaweit fürstliche Herrschaften anzulocken vermochte und im Pyrmonter Wundergeläuf seinen Höhepunkt fand, ging eine wechselvolle Geschichte voraus. Vor allem zwei wichtige Daten ragen aus Bad Pyrmonts Historie hervor.

veröffentlicht am 23.06.2018 um 13:51 Uhr

Bad Pyrmonts Zentrum: die Wandelhalle mit dem Hylligen Born in einer Luftaufnahme nach 1924. Foto: Museum im Schloss Bad Pyrmont

Autor:

Dr. Dieter Alfter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Das Jahr 2018 ist für den Kurort Pyrmont von besonderer Bedeutung. Das Jahr 1668, zwanzig Jahre nach Ende des unvorstellbar grausamen Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), ist unter zwei Aspekten zu beschreiben: 1668 markiert einerseits die rechtliche Vereinbarung des sogenannte „Pyrmontischen Hauptvergleichs“ zwischen dem Hochstift Paderborn und dem hessischen Grafenhaus Waldeck. Andererseits beginnt mit dem Jahr 1668 die Anpflanzung einer vierreihigen Allee von Lindenbäumen, die als Therapie- und Kommunikationsort bis auf den heutigen Tag ganz eng verbunden ist mit dem Jubiläum 350 Jahre Pyrmonter Hauptallee.

Aber der Reihe nach: Ferdinand von Fürstenberg (1626-1683), seit 1661 Fürstbischof von Paderborn, hat nach Ende des Dreißigjährigen Krieges für das Paderborner Hochstift die Absicht, seinen Herrschaftsraum zu konsolidieren. Schon 1666 setzt er alles daran, mit dem Grafen Georg Friedrich zu Waldeck-Pyrmont (1620-1692) eine politische Trennung zwischen Pyrmont und Lügde zu treffen. Tatsächlich wird noch in diesem Jahr eine Vereinbarung getroffen, die eine Art Vorvertrag darstellt. Zwei Jahre darauf finden vom 28. Februar bis zum 14. März 1668 die abschließenden Verhandlungen beider Delegationen im Schloss Neuhaus bei Paderborn statt. Auf dieser Grundlage können dann die Verantwortlichen für Lügde und Pyrmont in die Zukunft ihrer Herrschaftsbereiche investieren. Mit der Anpflanzung der Hauptallee setzt Georg Friedrich zu Waldeck-Pyrmont ein erstes Ausrufezeichen für den Standort Pyrmont als Kurort. Der „Pyrmonter Hauptvergleich von 1668“ regelt die Verhältnisse in der Grafschaft Pyrmont. Beide Parteien behalten das, was in ihrem Besitz ist. Der Grenzverlauf, heute nach wie vor die Grenze zwischen den Bundesländern Niedersachen und Nordrhein-Westfalen, markieren mitten durch das Pyrmonter Tal 75 Grenzsteine. Noch heute sind die Bürger dieser beiden Herrschaftsbereiche überwiegend geprägt von der Konfession ihrer Landesherrschaft. Lügde ist katholisch, Bad Pyrmont ist überwiegend protestantisch ausgeprägt.

Graf Georg Friedrich zu Waldeck und Pyrmont veranlasst 1669 für alle Dörfer im Pyrmonter Tal und auf der Hochebene die Anlage der sogenannten Salbücher, damit er eine klare Vorstellung von den Abgaben der einzelnen Höfe, aber auch eine präzise Vorstellung von den Dienstleistungen seiner Untertanen erhält. Nur auf diese Weise kann eine Verwaltung aufgebaut werden.

Diese 1556 erschienene Flugschrift in holländischer Sprache beschreibt die Heilkraft der Quellen. Foto: Museum im Schloss Bad Pyrmont
  • Diese 1556 erschienene Flugschrift in holländischer Sprache beschreibt die Heilkraft der Quellen. Foto: Museum im Schloss Bad Pyrmont
Der Kupferstich stammt aus der Zeit um 1785/90 und zeigt die vor 350 Jahren angelegte Hauptallee. Foto: Museum im Schloss Bad Pyrmont
  • Der Kupferstich stammt aus der Zeit um 1785/90 und zeigt die vor 350 Jahren angelegte Hauptallee. Foto: Museum im Schloss Bad Pyrmont

Wie hat aber nun die Besiedlung des Pyrmonter Tals eigentlich begonnen? Welche Machtverhältnisse haben die Geschichte Pyrmonts geprägt? Alles beginnt am 2. April 1184. Der Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg überträgt mit einer Urkunde, die die Grundlage und den Ausgangspunkt für die Ausbildung einer selbstständigen Herrschaft im Pyrmont-Lügder Tal bildet, das Lehen an Widekind von Schwalenberg. Wichtig ist der Kauf des Dorfes Oesdorf und der Bau der Schellenburg, des „castrum Pyremont cum allodio Opendorp“. Hintergrund ist allein aus Kölner Sicht ein weiteres Element der Grenzsicherung des Herzogtums Westfalen. Die Wachburganlage „Schellenburg“ ist ein weiterer Mosaikstein des Grenzlandes Weserbergland zum Schutz gegen Überfälle und Angriffe von Osten oder aus dem Norden. Gleichzeitig fördert das Lehen die geordnete Besiedlung des Tals.

Zu diesem Zeitpunkt ist längst nicht mehr im Bewusstsein, welch ein Schatz an heilbringenden Quellen in diesem Tal auf seine Entdeckung wartet. Erst mit dem Pyrmonter Brunnenfundes auf dem heutigen Brunnenplatz 1863/64 wird erkennbar, dass an dem Platz des Brodelbrunnens auf dem Brunnenplatz bereits Germanen diese heilbringende Quelle mit kostbaren Opfergaben bis ins 4. Jahrhundert nach Christus in dem damals noch unbesiedelten Tal verehrt haben.

Im Laufe des Mittelalters gibt es immer wieder einzelne Nachrichten von der Wunderkraft heiliger Quellen in diesem Tal. Bis 1494 sind die Grafen von Schwalenberg für das Tal verantwortlich, dann folgt das Grafenhaus der Spiegelberger. Unter dieser Regentschaft verstärkt sich die Erkenntnis, dass die Heilkraft der Quellen von besonderer Bedeutung sein kann. Das Wundergeläuf von 1556, das sich auf den „Hylligen Born“ bezieht, die Pyrmonter Hauptquelle, wird mit Flugblättern in unterschiedliche Sprachen so perfekt vermarktet, dass allein in diesem Jahr etwa 10 000 Menschen aus ganz Europa in dieses abgelegene Tal pilgern, um Heilung zu erlangen. Pyrmont beginnt seine ländliche Struktur zugunsten eines Gesundheitsstandortes zu verlagern. Allein die Einnahmen aus dem Wundergeläuf können den Bau eines Renaissanceschlosses finanzieren. Ein erstes Zeichen eines Herrschaftssitzes. Allerdings sind es im Erbgang die Grafen zur Lippe und die Grafen von Gleichen, die bis 1625 Bauprojekte wie ein erstes Brunnenhaus finanzieren. Gleichzeitig meldet der Bischof von Paderborn seine Lehensansprüche ab 1525 an. 100 Jahre später, 1625, wird Pyrmont unter dem Einfluss des Hauses Waldeck stehen. Wie bereits erwähnt, regelt sich im Hauptvergleich von 1668 die komplizierte rechtliche Situation. Bis 1918 wird das spätere Fürstenhaus Waldeck-Pyrmont die Geschicke dieses Kleinods lenken – aus einem wenig strukturierten Kurort entwickelt sich ein Treffpunkt von europäischem Glanz. Aus der Renaissancefestung wird eine elegante barocke Sommerresidenz (1706-1727), noch bevor in Arolsen, der eigentlichen Hauptresidenz nahe Kassel, das Schloss finanziert werden konnte. Dem Architekten Joachim Julius Rothweil ist es zu verdanken, dass die Grundstruktur eines Kurortes mit Hauptallee und Brunnenstraße sowie ersten Parkanlagen realisiert werden kann. Nur so gelingt es, das adlige und bürgerliche Kurgäste mit höchsten Ansprüchen diesen kleinen Ort im Weserbergland auf ihre Sommerreise-Liste setzen.

Nach Ende des ersten Weltkrieges 1922 wird das ehemalige Fürstentum Pyrmont ein Teil Preußens. Ab diesem Zeitpunkt steht die Verwaltung des Bades unter der Bad Pyrmont-AG. Nun wird in die Struktur des Bades, in die Therapieeinrichtungen gewaltig investiert. Nach 1945, zwei Jahre darauf im Jahr 1947 wird Bad Pyrmont ein Niedersächsisches Staatsbad, Pyrmont selbst wird Teil des Landkreises Hameln-Pyrmont im Land Niedersachsen. Bis auf den heutigen Tag ist das Staatsbad ein außergewöhnliches Juwel in der Perlenkette niedersächsischer Traditionseinrichtungen. Ein Juwel, das vom Land Niedersachsen und dem Staatsbad auch in der heutigen Zeit mit großen Engagement für die Zukunft vorbereitet wird.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare