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Geschichte des Therapiezentrums beginnt im 19. Jahrhundert

Von der Villa Schücking zum Königin-Luise-Bad

Die Geschichte des Wandels einer Therapieeinrichtung in Bad Pyrmont steht auch für die wechselvolle Geschichte dieses Kurortes. Erst jüngst hat der niedersächsische Finanzminister Reinhold Hilbers gemeinsam mit Bad Pyrmonts Kurdirektor Maik Fischer den neu gestalteten Eingangsbereich des Königin-Luise-Bades (KLB) offiziell eingeweiht. Mit der kompletten Fertigstellung des KLB für rund 16,5 Millionen Euro wird Mitte kommenden Jahres gerechnet. Es lohnt sich durchaus, einen Blick auf die Historie dieses Therapiezentrums zu werfen.

veröffentlicht am 30.03.2019 um 12:29 Uhr

Prof. Dr. Adrian Schücking gründete 1886 in Bad Pyrmont ein Sanatorium, an dessen Stelle sich heute das Königin-Luise-Bad befindet. Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Die Geschichte beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert: Prof. Dr. Adrian Schücking (1852-1914) ist der jüngste Sohn des berühmten Schriftsteller-Ehepaares Louise von Gall und Levin Schücking, eines engen Freundes der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Er entwickelt sich zu einem berühmten Arzt, ist anerkannt als Forscher, Politiker und Philosoph. Im Jahr 1886 gründet er, nachdem er drei Jahre als Arzt in Bad Harzburg tätig war, in Bad Pyrmont „Prof. Dr. Schückings’ Sanatorium“, das auf eben jenem Gelände stand, auf dem sich heute das Königin-Luise-Bad befindet.

Die in den Pyrmonter Prospekten um 1900 beworbene Einrichtung wird folgendermaßen vorgestellt: „Prof. Dr. Schückings Sanatorium Bad Pyrmont: Leit. Arzt Dr. A. Schücking. Einzig. Sanatorium mit Heilbädern im Hause. 3 Villen mit höchstem Komfort im schönsten Teile Pyrmonts im Kurpark gelegen. 7 Morgen großer Park.

Sorgfältige Verpflegung, Personenaufzug, Warmwasserversorgung, Elektrisches Licht, Zentralheizung. Sämtliche medizin.=, Stahl=, Moor= und Fangobäder im Hause. Elektrotherapie, Hydrotherapie, Röntgen-Radium=Therapie, Diathermie, Hochfrequenzbehandlung, Luftsonnenbäder, Elektr. Lichtbad. Mast= und Entfettungskuren.“ So lautet die Anzeige in Dr. Seebohms „Wegweiser in Bad Pyrmont mit Umgebung“.

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Der Eingangsbereich des Moorbadezentrums mit Brunnenspiel: Das Foto mit der attraktiven Dame zierte das Titelbild der Pyrmonter Kurzeitung vom 31. Mai 1969. Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Mit den Baumaßnahmen, zuerst der Villa Schücking, der sogenannten „Weissen Villa“ ab dem Jahr 1886, dann mit weiteren Bauprojekten auf dem großen Parkgelände in den Jahren 1904, 1907 und 1910 entwickelt sich oberhalb des Kurparkgeländes ein Gesundheitszentrum, das den Ansprüchen eines bürgerlichen und wohlhabenden Kurpublikums entgegenkommt.

In jeder Hinsicht erfüllen die Therapieangebote alle Wünsche, die an einen Kuraufenthalt gestellt werden. So bewirbt ein Prospekt aus dem Jahr 1926 jede Form von Mast- und Entfettungskuren, Diät-Kuren bei Frauenleiden, bei Stoffwechselkrankheiten, Herz- und Nierenkrankheiten oder auch Gicht und Rheuma.

Die Schücking-Villa in Höhe der Bassin-Allee, gegenüber der Tennisplatz-Anlage im Bereich des Kurparks gelegen, ist das Sinnbild für die Bedeutung dieses Sanatoriums im Zentrum Pyrmonts. Ganz im Stil der italienischen Baukunst eines Andrea Palladio entwickelt der Architekt Riemenschneider ein einzigartiges Gebäude, das sich gleichermaßen sowohl an der Baukunst der Antike als auch an der Hochrenaissance orientiert.

Ein palastartiges Gebäude von strenger Klarheit und vollendeter Harmonie. In jedem Fall entspricht die „Weiße Villa“ dem anspruchsvollen Leben in einem bedeutenden und traditionsreichen Kurort, wie es nun einmal Bad Pyrmont damals war. In dieser Villa, auch beeinflusst vom englischen Klassizismus, befinden sich Therapie- und Kurgastzimmer, aber auch die Wohnräume von Prof. Schücking und seiner Familie.

Prof. Dr. Adrian Schücking veröffentlicht bis 1909 insgesamt 72 medizinische Arbeiten

Prof. Schückings Leistungen als Arzt und Betreiber der Kurpension und Villen am Kurpark mit der postalischen Adresse Bombergallee 1 beschreiben nur einen Aspekt seines Engagements für Bad Pyrmont. Bereits 1894 machte er sich stark für den Bau eines Fürstlichen Kurhauses. 1884 erscheint die erste Auflage seines Bad Pyrmont-Führers für Kurgäste.

Insgesamt publiziert Schücking bis 1909 insgesamt 72 medizinische Arbeiten, von denen sich 46 auf das Gebiet der Gynäkologie und Chirurgie beziehen. Vielleicht am wichtigsten ist Schückings Mitwirkung an der Gründung des Helenen-Kinderheims, das 1892/93 als gemeinnützige Stiftung für arme, skrofulöse Kinder erbaut wurde. Bis zu seinem Tod ist Adrian Schücking leitender Arzt dieses Heimes, und zwar ehrenamtlich.

Politisch vertritt Schücking liberale Positionen. Er ist viele Jahre Mitglied des Landtages von Waldeck-Pyrmont für den Kreis Pyrmont und kämpft für die Modernisierung und den Ausbau des Kurortes. Aufgrund seiner zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten wird er zum „Königl. Preuß. Sanitätsrat“ ernannt. Schücking stirbt zu Beginn des Ersten Weltkrieges, das Familienunternehmen übernimmt sein Sohn Adrian in schwierigen Zeiten.

Das Sanatorium Schücking kann aus unterschiedlichen Gründen das umfangreiche Therapieangebot nicht mehr aufrechterhalten. Viele Angebote sind einfach auch nicht mehr zeitgemäß.

Das obere Badehaus im Kurhaus mit seinen Stahl-Solebädern und Moorbädern, die Solbadeanstalt im Unteren Badehaus nahe der Saline, Dr. Buchingers Fastenklinik entwickeln sich zu einer ernsthaften Konkurrenz.

Zumindest die „Weiße Villa“ ist ökonomisch, auch ökologisch spätestens in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht mehr wirtschaftlich. So ist es nur konsequent, dass die Enkeltöchter von Adrian Schücking Grundbesitz und Häuser an das Land Niedersachsen, das Niedersächsische Staatsbad Pyrmont, 1967 verkaufen.

Das Staatsbad hat mit dem Erwerb des gesamten Grundstücks von sieben Morgen die einmalige Chance, die gärtnerische Lücke zwischen Kurpark und dem Oberen Kurpark und dem Bergpark zu schließen. Das Staatsbad setzt auf ein modernes Moorbadezentrum, das 1967/68 an die Stelle der Villa Schückung gesetzt wird. Die Kosten betragen 33,4 Millionen Mark. Man widmet sich fast ausschließlich der Moortherapie, dem dazugehörigen Sole-Bewegungsbad wie dem Turnsaal für die Gruppengymnastik.

Im Konzerthaus findet am 22. Mai 1969 in Anwesenheit des niedersächsischen Finanzministers Alfred Kubel, dem Regierungspräsidenten Hans-Adolf de Terra und des Kurdirektors Heinz Schneider die Eröffnungsfeier statt. Damals spielte die Moortherapie noch eine zentrale Rolle im Kurangebot von Bad Pyrmont. Das neue Badehaus umfasst zehn ein- und zweigeschossige Pavillons für Moorbäder und Moorpackungen.

Je 24 Abteilungen für Packungen und Moorbäder mit den dazugehörigen Ruheräumen schaffen eine Kapazität, die allen voraussehbaren Anforderungen entspricht. Dazu kommen Einrichtungen für Spezialbehandlungen, für Gymnastik und das 180 Quadratmeter große Solebewegungsbad. Die Architektur des Moorbadezentrums ist gleichsam der Gegenentwurf zur Villa Schücking. Die Architekten setzen vor allen Dingen Beton, Stahl und Glas ein. Bei der Konzeption geht es um Transparenz, um eine offene und helle Lebensform.

Eben das erfüllen die zehn Pavillons und der Eingangsbereich mit sprudelnden Wasserbecken. Die begehbaren Flächen des Moorbadezentrums umfassen 400, die Grünflächen um die Gebäude beschreiben 1600 Quadratmeter. In der Pyrmonter Kurzeitung vom 15. März 1969 heißt es: „Die Räume und Gänge sind vielfach mit großflächigen Fensterfronten ausgestattet und bieten somit immer wieder den Blick auf Grünflächen und gepflegte Gartenlandschaften.

Diese Absicht einer großzügigen Gestaltung findet sich ebenfalls in der Empfangshalle wieder; viel Licht durch moderne Glas-Bauweise…“.

Im Jahr 1989 wird das Moorbadezentrum in „Königin-Luise-Bad“ umbenannt. Die Anwendungen durch das Moor, seit Jahrzehnten in den Pyrmonter Moorlagern abgebaut, werden kaum noch genutzt. Das Konzept beschreibt heute eher ein Gesundheitszentrum, ein Therapie- und Ärztezentrum unter einem Dach. Gut, dass es nun Schritt um Schritt modernisiert wird.




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