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Aus Bad Pyrmont kamen Romanheftserien mit Kultstatus – jetzt werden sie elektronisch neu herausgegeben

Wahre Helden sterben nie

Wahre Helden sterben nie – diese Aussage gilt sogar, wenn die Helden aus Papier sind, vielleicht gerade dann. Der Verlag „Neues Verlagshaus für Volksliteratur“, nach dem Krieg angesiedelt in Bad Pyrmont, gab zwei bis heute legendäre Romanheftserien heraus: „Rolf Torring’s Abenteuer“ und „Jörn Farrow’s U-Boot-Abenteuer“. In elektronischer Buchform sind die exotischen Geschichten heute wieder erhältlich.

veröffentlicht am 09.07.2018 um 13:50 Uhr
aktualisiert am 09.07.2018 um 15:08 Uhr

Dieses Abenteuer mit dem Romanhelden Rolf Torring, gespielt von Thomas Alder, wurde sogar verfilmt. Foto: Archiv Dr. Gerd Küveler

Autor:

Dr. Gerd Küveler
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Seit kurzem sind sie im Buchhandel wieder zu haben: die Abenteuer von Rolf Torring und seinen Gefährten. Diesmal ganz zeitgemäß als papierlose Sammelbände im Kindle-Format, herausgegeben vom Belle Epoque Verlag. Dabei sind unsere Helden schon recht betagt. Im Jahr 1930 erschien ihr erstes Abenteuer als kleinformatiges Heft mit 64 Seiten im „Neuen Verlagshaus“, damals noch in Berlin zuhause. Es war die erste Blütezeit der Groschenhefte. Andere Verlage trumpften mit Krimiserien wie „John Kling“ und „Tom Shark“ oder mit Westernhelden wie „Billy Jenkins“ (der hat tatsächlich gelebt) auf. Was noch fehlte, war eine große Abenteuerreihe. Das „Neue Verlagshaus“ beauftragte die Brüder Wilhelm und Hans Reinhard mit dieser Aufgabe. Unter dem Pseudonym Hans Warren gelang ihnen eine Erfolgsserie, die bis heute nie ganz in Vergessenheit geraten ist.

Die lange Reise der Gefährten Rolf Torring und Hans Warren beginnt irgendwann in den 1920er Jahren auf Sumatra. Dort begegnet ihnen, zunächst als Gegner, der herkulische „Neger“ Pongo, der bis zum Ende der Serie mit Band 445 ihr treuer Gefährte und Freund bleibt. Dessen ungeheurer Körperkraft und Cleverness verdanken sie unzählige Mal ihr Leben. Die Reise der Gefährten folgt einer nachvollziehbaren Route durch fast alle Kontinente. Nur die Antarktis und Europa bleiben ausgespart. Vor allem die Abenteuer im „geheimnisvollen Wunderland“ Indien geraten besonders spannend. Pongos Rolle und die der anderen sind klar verteilt: Rolf Torring ist der strahlende Held, der meist schon früh die Lösung des Rätsels erahnt, während der Chronist Hans Warren noch im Dunkeln tappt. Das macht ihn menschlich und zur Identifikationsfigur für den Leser, zumal er in der Ichform schreibt. Diesen Adlatustrick findet man bei vielen Heftserien bis heute und sogar bei Karl May, wenn wir etwa an den getreuen Hadschi Halef denken.

Ohne Zweifel ist die Serie ein Kind ihrer Zeit und damit nicht frei von Rassismus. Pongo bleibt trotz Freundschaft auf Abstand. Er redet die beiden Weißen mit „Massers“ an. Chinesen sind nicht selten negativ dargestellt. Trotzdem bleibt der Rassismus und Chauvinismus, im Gegensatz zu manch anderer Trivialserie jener Zeit zwischen den Kriegen, in Grenzen. Auch wenn man bedenkt, dass selbst der weltoffene Jules Verne nach dem verlorenen Krieg von 1870/71 die Deutschen generell verachtete. Die Torring-Serie endete 1939 aufgrund eines Verbots durch die Reichsschrifttumskammer, sei es wegen ideologischer Differenzen oder schlicht aus Papiermangel. War das das Ende unserer Helden?

Der Kapitänssohn und Abenteurer Jörn Farrow im Kampf mit einem Riesenkraken. Foto: Archiv Dr. Gerd Küveler
  • Der Kapitänssohn und Abenteurer Jörn Farrow im Kampf mit einem Riesenkraken. Foto: Archiv Dr. Gerd Küveler
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Das „Neue Verlagshaus“ in Berlin wurde zwar ausgebombt im Zweiten Weltkrieg, aber die meisten Manuskripte konnten gerettet werden. Der Verlag und die Betreiberfamilie Butsch fanden eine neue Heimat in Bad Pyrmont in der Schillerstraße 32. Dort ließ man die Reihe 1950 wieder aufleben, von Hans Reinhard leicht bearbeitet. Sein Bruder Wilhelm war bereits 1948 verstorben. Die Hefte erschienen wieder im Kleinformat mit dem charakteristischen roten Schriftzug, dieses Mal für zunächst 30, dann für 40 Pfennig. Die sehr gelungenen schwarz-weißen Titelbilder stammten, wie schon vor dem Krieg, von Prof. Alfred Roloff. Einige wurden von dessen Bruder Otto Roloff modifiziert.

Doch es gab noch eine zweite Erfolgsserie von den gleichen Autoren. Sozusagen als Torring-spin-off erschienen zwischen 1932 und 1937 „Jörn Farrow’s U-Boot-Abenteuer“. In 357 Bändchen richtete sich diese Heftserie speziell an jugendliche Leser. In ähnlicher Aufmachung wie „Rolf Torrings's Abenteuer“, allerdings mit grünem statt beigem Umschlag. Titelheld war der zunächst 18-jährige Kapitänssohn Jörn. Kapitän Farrow hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg geweigert, sein U-Boot bei den Alliierten abzuliefern. Zusammen mit seiner Besatzung durchstreift er die Weltmeere auf der immer erfolgreichen Suche nach neuen Abenteuern. Trotz dieser nahezu genialen Romanidee blieb die Serie stets ein wenig im Schatten Rolf Torrings. In einigen Heften beider Serien kommt es zu Begegnungen der Helden. Hans Warren lässt sich dabei von den Abenteuern der U-Boot-Männer berichten, um sie später in den Jörn-Farrow-Heften „nachzuerzählen“. Auch die Farrow-Reihe wurde nach dem Zweiten Weltkrieg neu belebt.



Gegen Ende der 1950er Jahre ereilte beide Serien ein ähnliches Schicksal. Die Konkurrenz kam mit großformatigen bunten Heften und zeitnäheren Inhalten daher. Die Pyrmonter mussten notgedrungen diesem Trend folgen. Die Texte im neuen Gewand wurden stärker bearbeitet und zum Ende der Heftserie sogar ganz neu geschrieben. Doch der smarte G-man Jerry Cotton in Manhattan mit seinem Jaguar war cooler, und Perry Rhodan stand schon im Startloch, um das Universum zu erobern. 1961 wurden die beiden Pyrmonter Heftserien eingestellt. Doch noch Jahre später waren sie beim Verlag und einem Pyrmonter Kiosk im Kurpark erhältlich. Wirklich totzukriegen sind Torring und Farrow jedoch bis heute nicht. Mehrfach erschienen Nachdrucke der Vorkriegsausgaben, speziell für Fans. Es gab aber auch mehrere kurzlebige Versuche in Form von Sammelbänden in Buchform. Den Torring-Film „Der Fluch des schwarzen Rubin“ von 1965 sollte man Fans gegenüber besser nicht erwähnen. Einen Ausschnitt kann man bei Youtube bewundern. Die elektronische Kindle-Variante des Belle Epoque Verlags ist ein aktueller Versuch der Neubelebung.

Doch warum sind die Oldschool-Abenteuer noch heute lesenswert? Den Nostalgiefans muss man diese Frage nicht stellen. Die Gruppe der kulturgeschichtlich Interessierten erfährt dagegen einiges über die Anschauungen und Denkweisen der durchschnittlichen Leser „aus dem Volk“ der damaligen Zeit, an die sich die Abenteuer-Geschichten ja richteten.




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