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Auch das Fernsehen interessiert sich für die Sammlung

Walther Lehnert aus Lügde lebte fürs Sammeln

Der 2017 verstorbene Lügder Walther Lehnert war ein sehr spezieller Sammler. Vom winzigen Intarsien-Bildchen über große Ölgemälde, Zinngefäße, Porzellan, Nippes, Reliquienschreine und große Heiligenfiguren bis hin zu Biedermeiermöbeln und historischen Dokumenten er hat über die Jahre eine bunte Mischung zusammengetragen. Nun soll sein Häuschen zum Schauplatz eines für den NDR gedrehten Films werden.

veröffentlicht am 28.05.2018 um 10:16 Uhr

Antike Möbel, Bilder und Skulpturen – ein Blick in die Erdgeschoss-Stube in Walther Lehnerts Fachwerkhäuschen in Lügde. Vor seinem Tod im vergangenen Jahr verfügte der Sammler, dass ausgewählte Museen die für sie relevanten Stücke bekommen und seine
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Gibt es sie überhaupt – Menschen, die noch nie etwas gesammelt haben? In digitalen Shared-Economy-Zeiten kommt zwar längst nicht mehr so viel Materielles zusammen wie früher, als man stolz war auf Bierdeckel- oder Zuckerstückchen-Kollektionen, Modellautos, Platten, Kassetten oder CDs. Den Smartphone-Junkies bleibt immerhin das Digital Hoarding. Auch das Festhalten von Katzenbildern gibt angeblich Sicherheit.

Die Sammelleidenschaft ist jedenfalls uralt: Die pure Lust am Objekt dürfte vor mehr als 10 000 Jahren in unseren Vorfahren erwacht sein, als sie sesshaft wurden. Da war das Sammeln dann keine Überlebensfrage mehr, sondern bediente Vorlieben. Denn nun gab es feste Plätze und Eigentum – und damit die Chance, schönen Dinge zu horten.

Was sicher schon damals galt und es bis heute tut: Seinen Wert erhält das Gesammelte durch die Bedeutung, die sein Eigentümer ihm gibt. Was der eine als Plunder abtut, würde ein anderer nie wegwerfen.

Mit seinem großen Interesse an Geschichte stöberte Walter Lehnert so manches historische Dokument auf. Foto: Hei
  • Mit seinem großen Interesse an Geschichte stöberte Walter Lehnert so manches historische Dokument auf. Foto: Hei
Erste Besichtigung: Im Beisein von Nachlassverwalter Dr. Dieter Alfter begutachtet Günther Lamers die Gemälde in Walther Lehnerts einstigem Wohnzimmer. Foto: jl
  • Erste Besichtigung: Im Beisein von Nachlassverwalter Dr. Dieter Alfter begutachtet Günther Lamers die Gemälde in Walther Lehnerts einstigem Wohnzimmer. Foto: jl
Das Filmteam dreht den Besuch von Antikhändler Günther Lamers in Lügde. Foto: jl
  • Das Filmteam dreht den Besuch von Antikhändler Günther Lamers in Lügde. Foto: jl
Skulpturen und Gemälde, die früher in Kirchen ihren Platz hatten, schmückten Walther Lehnerts Häuschen. Foto: jl
  • Skulpturen und Gemälde, die früher in Kirchen ihren Platz hatten, schmückten Walther Lehnerts Häuschen. Foto: jl
Mit seinem großen Interesse an Geschichte stöberte Walter Lehnert so manches historische Dokument auf. Foto: Hei
Erste Besichtigung: Im Beisein von Nachlassverwalter Dr. Dieter Alfter begutachtet Günther Lamers die Gemälde in Walther Lehnerts einstigem Wohnzimmer. Foto: jl
Das Filmteam dreht den Besuch von Antikhändler Günther Lamers in Lügde. Foto: jl
Skulpturen und Gemälde, die früher in Kirchen ihren Platz hatten, schmückten Walther Lehnerts Häuschen. Foto: jl

Ein sehr spezieller Sammler war der Lügder Walther Lehnert. Nach außen lebte er unauffällig. Selbst Leuten, die in der ostwestfälischen Ackerbürgerstadt sonst jeden kennen, fällt zu ihm wenig ein. Ein Kauz sei er gewesen, ein Einzelgänger, sagen manche über den vor rund einem Jahr im Alter von 66 Jahren Verstorbenen.

Das oberflächlich Auffälligste an ihm war vielleicht sein Sprachfehler. Rief Lehnert jemanden erstmals an, dann leitete er das Gespräch mit der etwas schleppend vorgetragenen Erklärung ein, er sei nicht betrunken, er habe nur Probleme sich auszudrücken. Denn der gelernte Maler und Lackierer wusste um den missverständlichen ersten Eindruck. Daher seine Zurückhaltung. Und wohl auch seine Einsamkeit. Denn viele Gäste hatte der nach dem Tod seiner Mutter allein in einem kleinen Fachwerkhaus gleich hinter der Lügder Stadtmauer lebende Junggeselle nicht.

Und doch soll sein Häuschen noch in diesem Jahr zum Schauplatz eines für den NDR gedrehten Films werden. Denn Lehnert suchte das, was ihm gefehlt haben mag, auf außergewöhnliche Weise auszugleichen: Er sammelte. Querbeet. Vom winzigen Intarsien-Bildchen über große Ölgemälde, Zinngefäße, Porzellan, Nippes, Reliquienschreine und große Heiligenfiguren bis hin zu Biedermeiermöbeln und historischen Dokumenten. Aber er besaß auch eine Brosche und eine Haarlocke von Königin Luise.

Inmitten all der dicht gehängten, gestellten und drapierten Altertümer, in deren Erwerb auf Auktionen er seine gesamten Ersparnisse steckte, verbrachte Lehnert seine Tage. So wurde seine eigene Welt zum prächtigen Gegenentwurf zu den Kümmernissen des Lebens mit all seinen Beschränkungen. Und er war immer auf der Suche nach einem neuen Stück für seine ganz private Wunderkammer.

Die wurde mit den Jahren und Jahrzehnten immer voller. Viel Platz zum Durchqueren der kleinen Räume blieb dem Bewohner nicht.

Was Walther Lehnert von Sammlern etwa dicker Autos, teurer Uhren oder anderer prestigeträchtiger Objekte unterschied: Er trug seine Kollektion nicht zusammen, um vor der Welt damit zu prahlen. Er freute sich im Stillen an seinen Schätzen. Aber er genoss auch den Austausch mit Menschen, sie sein Interesse an Kunst und Geschichte teilten.

Zu den Wenigen, mit denen er regelmäßig in Kontakt stand, gehörte der einige Monate vor ihm gestorbene Lügder Heimatkundler Manfred Willeke – auch er ein Mensch, dem viele im Ort mit Vorbehalten begegneten.

„Die beiden waren Seelenverwandte“, sagt Bad Pyrmonts Archivleiter Dr. Dieter Alfter, der ebenfalls zu Walter Lehnerts überschaubarem Bekanntenkreis zählte.

Der Kunsthistoriker begegnete dem Sammler erstmals vor Jahrzehnten. Da saß Lehnert manchmal schon morgens im Eingangsbereich des Pyrmonter Museums. „Wir unterhielten uns, und er fasste Vertrauen zu mir“, erinnert sich der damalige Museumsleiter. „Und wenn er etwas kaufen wollte, suchte er das Gespräch.“ Kurz vor Lehnerts Tod wurde der Kontakt dann sehr intensiv. Denn was aus seinem irdischen Besitz würde, war dem Lügder auch im Hospiz nicht egal. Er bestimmte Alfter zu seinem Nachlassverwalter und verfügte, dass seine Sammlung verkauft werden solle – bis auf einige Stücke mit regionalem Bezug. Die vermachte er ausgewählten heimischen Museen und Archiven.

Im vergangenen Herbst trat dann der durch die NDR-Sendereihe „Schrott oder Schätzchen“ TV-bekannte Antiquitätenhändler Günther Lamers auf den Plan. Der Hannoveraner willigte ein, den kompletten Nachlass zu kaufen und brachte das Fernsehen ins Spiel.

Im Februar rückte dann ein Team zum Drehen in Walther Lehnerts damals noch fast voll eingerichtetem Häuschen an. Wo sonst kein Platz fürs Equipment war, hängten die Fernsehleute Türen aus und filmten Antikhändler Lamers beim fachmännischen Blick auf den Nachlass und im Gespräch mit dessen Verwalter.

Inzwischen sind die einstigen Wunderkammern geleert. Und Lehnerts Erbin, eine Cousine, die zu seinen Lebzeiten stets Kontakt zu ihm gehalten und sich um ihn gekümmert hatte, ist vor allem um eine Erfahrung reicher. „Manchmal denke ich, ich hätte die Fernsehleute nicht in das Haus lassen sollen“, sagt sie. Bis der Händler das Haus ausgeräumt hatte, vergingen Monate.

Aus Lehnerts Nachlass hat sie nur ein paar Kleinigkeiten behalten. Denn sie teilt seine Sammelleidenschaft nicht, und ihr Platz ist begrenzt. Aber wer dächte, bei ihr sei nun der Reichtum ausgebrochen, der irrt. Denn Profi-Händler zahlen nur einen Bruchteil dessen für all die Dinge, deren Erwerb sich ein Sammler zu Lebzeiten nur unter Entbehrungen leisten konnte.

Antikhändler Lamers ist ebenfalls bekennender Jäger und Sammler. Doch heute sind eher Pressspan-Möbel in „Wildeiche Satin Nachbildung“ gefragt. Deshalb stellt der Händler die Zeugnisse alter Handwerkskunst erst einmal unter. In der Hoffnung auf eine Trendwende. Und bessere Zeiten.




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