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In Hameln leuchten sie seit 1954

Warten auf Grün: Die Ampel feiert 150. Geburtstag

Vor 150 Jahren stellte der Chef von Scotland Yard in London die erste Ampel der Welt auf. Zeitungen priesen sie als „hübsch“, andere nannten sie „elegant“. Etwa acht Meter hoch soll sie gewesen sein, gusseisern und gasbetrieben stand sie vor dem Parlament nahe der Themse. Am 10. Dezember 1868 nahm die Ampel den Betrieb auf. Drei Wochen später explodierte sie. So weit, so misslungen. Der Siegeszug begann später über den Umweg USA.

veröffentlicht am 11.12.2018 um 17:04 Uhr

Die historische Straßenszene aus den 1930er Jahren zeigt den Ampelturm mit Kabine auf dem Potsdamer Platz in Berlin, dem damals verkehrsreichsten Platz Europas. Dort saß ein Polizist und steuerte das Signal per Hand. Der Turm gilt als erste Ampel Deu

Autor:

Cornelia Neumeyer, Frank Christiansen und Marc Fisser
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Der Polizist, der die erste Londoner Ampel bediente, wurde durch die Explosion verletzt, einige Quellen schreiben sogar: getötet. Heute weist an der Stelle eine grüne Plakette auf den Erfinder der Ampel hin: John Peake Knight. Seine Idee war es, Signale aus dem Schienenverkehr auf die Straße zu übertragen. Die Ampel ahmte einen Polizisten nach, der den Verkehrsteilnehmern mit seinen Armen Zeichen gab. Nur hatte die Ampel drei davon: Zeigten sie nach oben, mussten Reiter und Kutschen anhalten, zeigten sie nach unten, war die Fahrt frei. Nachts leuchtete zusätzlich eine Laterne, in den Farben Rot und Grün.

Die Ampel wurde anjener Stelle installiert, damit die Abgeordneten schneller über die Straße und ins Parlament gelangen konnten. Bei den Londonern war die Ampel schnell unbeliebt. Ein Kutschfahrer beschwerte sich, dass sie „bloß eine weitere Erfindung ist, um uns arme Taxifahrer fertigzumachen“. Trotz der Explosion blieb sie bis 1872 in Betrieb. Dann verschwand die Signalleuchte – und Londons Straßen waren für noch rund 50 Jahre ampelfrei.

Nach dem Misserfolg in London dauerte es 46 Jahre, bis die erste elektrische Ampel 1914 in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio in Betrieb ging. Es war der Beginn eines weltweiten Siegeszuges, nachdem New York die Erfindung übernommen hatte. 1924 wurde in Berlin ein fünfeckiger und acht Meter hoher Ampelturm mit Kabine errichtet. Auf dem Potsdamer Platz, damals der verkehrsreichste Platz Europas, saß ein Polizist und steuerte das Signal per Hand. Der Turm gilt als erste Ampel Deutschlands. „Es gab aber Probleme mit der Einsehbarkeit“, schildert Frank Steinbeck vom Deutschen Technikmuseum Berlin. „Der Potsdamer Platz wurde rasch aufgerüstet.“ Die erste zentral gesteuerte Lichtsignalanlage stürzte Berlin dann zwei Jahre später in ein unglaubliches Verkehrschaos, da alle Ampeln gleichzeitig umsprangen. Erst die Schaltung einer „grünen Welle“ schaffte Abhilfe. Viel später, in den 1980er Jahren, kamen die Induktionsstreifen dazu, um den Bedarf zu ermitteln und unnötige Haltezeiten einzudämmen.

Diese Plakette erinnert an den Standort der weltweit ersten Ampel in London und an ihren Erfinder John Peake Knight. Foto: dpa
  • Diese Plakette erinnert an den Standort der weltweit ersten Ampel in London und an ihren Erfinder John Peake Knight. Foto: dpa
Ob Hameln eine Rattenfänger-Ampel bekommt ist noch unklar. Montage: Dana
  • Ob Hameln eine Rattenfänger-Ampel bekommt ist noch unklar. Montage: Dana
Die erste Verkehrsampel in Hameln wurde in den 1950er Jahre an der Deisterstraße Ecke Lohstraße eingerichtet. Foto: Stadtarchiv
  • Die erste Verkehrsampel in Hameln wurde in den 1950er Jahre an der Deisterstraße Ecke Lohstraße eingerichtet. Foto: Stadtarchiv

„In Deutschland hat die Ampel ihren Siegeszug erst nach dem Zweiten Weltkrieg angetreten“, berichtet der Historiker Christopher Kopper von der Universität Bielefeld. Vorher habe es nicht so viel Verkehr gegeben. „Im Landkreis Lüchow-Dannenberg gab es bis 1982 keine einzige Ampel. Man hat schließlich doch eine gebaut – auf Druck der Aufsichtsbehörde, die meinte, für die Führerschein-Anwärter müsse es eine Ampel geben.“ In Hameln wurde ab 1953 mit einer Zeigerampel experimentiert, die mittig über der Kreuzung von Deister-, Falke- und Lohstraße hing. Ein Jahr später hatte die Stadt sich dann doch für die Lichtzeichen-Version entschieden – dort und an der Kreuzung „Grüner Reiter“. Beide Anlagen wurden durch einen „Dirigenten“, den Taktgeber, automatisch so gesteuert, dass sich im Idealfall eine „grüne Welle“ ergab.

Inzwischen gehorchen weltweit Milliarden Menschen der Abfolge von rotem, gelbem und grünem Licht. In Deutschland verbringt jeder – rein statistisch – zwei Wochen seines Lebens mit dem Warten an einer roten Ampel. Die Bundesrepublik soll sogar die höchste Ampeldichte der Welt haben. In den Nachbarländern sah man schon bald den Kreisverkehr als die oft bessere Lösung an: „Was Verflüssigung des Verkehrs und Unfallrisiko angeht, ist der Kreisel überlegen“, bestätigt Kopper. In den Innenstädten mit wenig Platz und vielen Fußgängern bewährt sich dagegen nach wie vor die Ampel. Die Stadt Hannover hat ihre einst als vorbildlich geltenden großen und doppelspurigen Kreisverkehre mit Ampeln verhunzt – weil zu viele Autofahrer mit der Fahrtstreifenreglung überfordert waren und es häufig zu Unfällen kam. In Großbritannien läuft es viel runder, weil sich fast jeder an die Grundregel hält: Nur wer die erste Ausfahrt nehmen will, fährt außen; dadurch sind Kollisionen durch Abbieger fast ausgeschlossen. Kreisverkehrsplätze haben allerdings auch Kapazitätsgrenzen: Lange Rückstaus an jeder Zufahrt sind möglich, wenn es auch an nur einer der weiterführenden Strecken hakt. Erst in den 1990er Jahren hat die Aufrüstung Ampel-Deutschlands nachgelassen, berichtet Steinbeck. „Ab da hat man vermehrt auf den Kreisverkehr zurückgegriffen.“ Inzwischen werden die „Pförtnerampel“, die den Zufluss von Fahrzeugen auf überlastete Straßen begrenzt, und die „rote Welle“ genutzt, um den Autoverkehr zu vergrämen oder zu dosieren. In einigen Städten räumen die Ampeln Bussen und Bahnen Vorrang ein.

Sind die Tage der Ampel gezählt, wenn das autonome Fahren kommt und die Autos direkt miteinander kommunizieren? Wegen der Fußgänger und Radfahrer werde es weiter Ampeln geben, sind sich die Experten der Bundesanstalt für Straßenwesen sicher. „Die Ampel wird niemals überflüssig“, glaubt Leo Birkner, Siemens-Produktmanager für urbane Verkehrssysteme – was die Annahme voraussetzt, dass sich der Mensch weiterhin der Mobilität unterordnet. Der ganzheitlich agierende Verkehrsclub Deutschland betont: „Menschen sollten sich frei zu Fuß durch die Stadt bewegen können. Doch das sichere, komfortable und vor allem fließende Zufußgehen wird durch den Autoverkehr erheblich eingeschränkt.“ Fahrbahnen durchschnitten Gehwege und ganze Nachbarschaften. Im vergangenen Jahr seien bundesweit 483 Fußgänger getötet worden, die meisten davon innerorts beim Überqueren einer Straße. Tempo 50 in der Stadt berge eine hohe Unfallgefahr. Und die deswegen aufgestellten Ampeln machten den Verkehr nicht unbedingt sicherer und, vor allem nicht komfortabler: die Grün- und Räumphasen seien für Fußgänger – zumal für Ältere und Behinderte – zu kurz, die Wartezeit zu lang. Hamelns Verkehrsplaner zum Beispiel lassen Fußgänger und Radfahrer nach wie vor mitten auf dem Kastanienwall zwischen Wettor- und Emmernstraße auf einer schmalen Verkehrsinsel inmitten von Abgas, Lärm und Gefahr warten – obwohl dem Stadtrat vor dem Umbau eine menschenwürdige Lösung angekündigt worden war. Für die japanische Lösung eines kompletten Stopps des Autoverkehrs an einer Kreuzung zugunsten der Fußgänger fehlen in Deutschlands Verkehrsbehörden noch Mut oder Kreativität. „Wir wollen lebenswerte Städte, in denen einfach sicher und fließend gegangen, in denen gespielt und entspannt werden kann“, sagt der VCD. Das heiße: „Ampel nur dort, wo es keine bessere Alternative gibt. Und dann mit fußgängerfreundlichen Ampelschaltungen.“ Solche Alternativen könnten vor allem bei allgemeinem innerörtlichen Tempo 30 zum Einsatz kommen.

Inzwischen beschäftigen auch die Ampelmännchen selbst die Menschen. Anlässlich des 100. Jahrestags der Einführung des Frauenwahlrechts in Litauen leuchten in der Hauptstadt Vilnius nun auch Ampelfrauen. In Duisburg verrichtet ein Bergmann mit Laterne seinen Dienst als leuchtender Verkehrshelfer. Nach der Schließung der letzten Kohlezechen sollen die Kumpel so in Erinnerung bleiben. Das hessische Friedberg hat soeben drei Elvis-Presley-Ampeln erhalten: Das rote Licht zeigt den 1977 gestorbenen US-Sänger stehend am Mikro, das grüne Signal präsentiert ihn bei seinem berühmten Hüftschwung. Presley war von Oktober 1958 bis März 1960 als Soldat in Friedberg stationiert. Worms hat ein Luther-Ampelmännchen, Trier einen den Verkehr regelnden Karl Marx und in Mainz – natürlich – die Mainzelmännchen. In Bremen ersetzen während des Freimarktes die Stadtmusikanten ein paar Ampelmännchen. In Hameln laufen seit längerem die Planungen für eine Rattenfänger-Ampel. In diesem Sommer hatte das Landesverkehrsministerium einen entsprechenden Beschluss des Stadtrates kassiert, weil es sich um kein rechtmäßiges Zeichen handele.




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