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Mehr als Lagerfeuer-Romantik: werteorientiert und in der Gemeinschaft sich selbst finden

Warum es wieder „in“ ist, Pfadfinder zu sein

Lust auf Abenteuer?“ – fragt einladend der Pfadfinder-Stamm „Helmburgis“ in Fischbeck. Ähnliches liest man auf dem Flyer des Stamms „Sankt Franziskus“ in Hameln: „Abenteuer und mehr …“. Erinnerungen an die eigene, lang zurückliegende Pfadfinder-Vergangenheit machen neugierig, was sich aktuell bei den Pfadfindern tut.

veröffentlicht am 20.05.2019 um 14:14 Uhr
aktualisiert am 20.05.2019 um 17:50 Uhr

Alma und Jonas vom Stamm „Sankt Franziskus“ mit dem weltweit verbreiteten Friedenslicht. Dieses wird alljährlich im Advent an der Flamme in der Geburtsgrotte von Jesus in Bethlehem entzündet. Foto: Mauritz Rosenbusch, VCP

Autor:

Dr. E.-Michael Stiegler
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Erste Überraschung: Heutzutage sind viele Mädchen und junge Frauen unter den Pfadfindern. Bei Helmburgis ist sogar eine deutliche Mehrheit weiblich, auch wenn dies momentan eher „zufällig“ so sei, sagt die 17-jährige Jette, Gruppenleiterin im Stamm. Etwa gleichviel Mädchen und Jungen gebe es im Stamm Sankt Franziskus, so sein Vorsitzender Mauritz Rosenbusch, der zudem die „Rover“, die älteren Pfadfinder, leitet. Hier überwiegen die männlichen Mitglieder.

Den „typischen Pfadfinder“ scheint es also gar nicht (mehr) zu geben: den Naturburschen in Kniebundhose, der jeden Tag eine gute Tat vollbringen soll. Die einheitliche Kleidung, die „Kluft“, ist heute weitestgehend auf das Pfadfinder-Hemd und das markante Halstuch reduziert, Jeans-Hosen sind fraglos akzeptiert. Die tägliche „gute Tat“ ist kein Dogma mehr – war es wahrscheinlich auch nie –, sondern man ist, wie Jette erläutert, „intuitiv hilfsbereit. Es geht darum, einen guten und sinnvollen Platz in der Gesellschaft einzunehmen“.

Mit dem 1908 veröffentlichten Buch „Scouting for Boys“ des Briten Robert Baden-Powell verbreitete sich die Pfadfinder-Bewegung. Bereits im Jahr darauf gründete sich die erste deutsche Pfadfindergruppe. Heute sind weltweit über 40 Millionen Pfadfinderinnen und Pfadfinder organisiert.

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Zum koedukativen „Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder“ (VCP), dem protestantischen Teil der deutschen Pfadfinder, gehören die Stämme „Florian Geyer“ und „Kreuzfähnlein“ in Hameln sowie die „Eversteiner Löwen“ in Aerzen. Der bereits erwähnte Stamm Sankt Franziskus ist Teil der katholischen „Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg“ (DPSG). Als überkonfessionell und überparteilich versteht sich der „Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder“ (BdP), ihm gehört der Fischbecker Stamm Helmburgis an.

Rechtes Gedankengut widerspricht den Pfadfindern. Bei uns stehen Respektieren und Akzeptieren im Vordergrund.

Mauritz Rosenbusch, Vorsitzender des Stamms „Sankt Franziskus“ in Hameln

Was eint die Mitglieder dieser unterschiedlich organisierten Stämme? Die Antwort ist eindeutig: Pfadfinder sein „ist kein Hobby, sondern eine innere Einstellung“, betont Ricarda aus Fischbeck. Was auch für Mitja gilt, dem Stammesführer in Aerzen. Zur „inneren Einstellung“ gehört insbesondere das Bekenntnis zur Gemeinschaft, ob es nun die „Meute“, die „Sippe“ oder der „Stamm“ ist. Pfadfinder-Regeln, wie die beim BdP, betonen gleichzeitig die Souveränität des Einzelnen. Die fünfte Regel lautet: „Ich will kritisch sein und Verantwortung übernehmen.“ Das hat nichts mehr zu tun mit Baden-Powells Pfadfindergesetz, in dem es um die „Treue gegenüber dem König“ geht.

Gemeinschaft und Zusammenhalt entstehen in den zumeist wöchentlichen Gruppenstunden, auf gemeinsamen Fahrten im In- und Ausland. Auch das Lagerfeuer fehlt nicht und der große Topf darüber, in dem das Essen für alle zubereitet wird. Auch Stockbrot backen und Geländespiele sind Klassiker, die vielen besonderen Spaß machen. „Beständige Werte“, so Oliver Lachmann, Leiter der „Luchse“-Sippe und somit Mitglied der kollegialen Stammesleitung bei Kreuzfähnlein, stellen eine wesentliche Basis im Zusammenleben der Pfadfinder dar. Für den Leiter des Stammes Florian Geyer, Henning Eimer, und seine 25 Wölflinge „spielt Singen und die Spielidee des Dschungelbuchs eine große Rolle“. Obligatorisch ist das „Vaterunser“ in ihren Andachten, ebenso wie das gemeinsam angestimmte Wolfsgeheul zum Ende ihrer Gruppenstunden in der Ruschenschlucht.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der neuen Mitglieder gestiegen. Es sei wieder „in“, Pfadfinder zu sein. Willkommen sind junge Menschen, egal, ob sie christlichen, muslimischen oder anderen Glaubens sind. Beispielsweise sind drei kongolesische Kinder beim Stamm Sankt Franziskus Mitglieder. Melina, eine junge Muslima, macht seit März in der „Adler“-Sippe beim protestantischen Kreuzfähnlein mit. Ganz selbstverständlich ist für sie die Bratwurst beim gemeinsamen Abendessen aus Rindfleisch und nicht aus Schweinefleisch.

Keine Probleme mit rechtsextremen beziehungsweise rechtspopulistischen Positionen in Politik und Gesellschaft? „Rechtes Gedankengut widerspricht den Pfadfindern. Bei uns stehen Respektieren und Akzeptieren im Vordergrund“, so Mauritz Rosenbusch. Daher auch der Beschluss des Bundesverbands des DPSG, dass die AfD keine Gesprächspartnerin ist.

Was halten Pfadfinderinnen und Pfadfinder eigentlich von GPS und Google Maps sowie der Tatsache, dass in fast jedem Auto ein Navi vorhanden ist – also gewissermaßen die reine Negation des Pfadfindens mit Karte und Kompass?! Auch hier ähneln sich die Antworten: Moderne Technik werde keineswegs verbannt. Und dennoch kam für Marvin, Leiter der „Adler“-Sippe bei Kreuzfähnlein, während einer Nachtfahrt mit einem historischen Segelboot der richtige Spaß erst auf, als man sich mit Kompass und anhand von Bojen vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns orientiert habe.

Eine werteorientierte persönliche Weiterentwicklung prägt den Weg von Pfadfindern.

Einen Pfad zu finden, hat inzwischen eine erweiterte, auch persönlichkeitsbildende Bedeutung: „Es geht darum, den eigenen Weg zu finden und sich orientieren zu können“, sagt Jette und lächelt über die Unbeholfenheit von Gleichaltrigen, die kein Eisenbahnticket lösen könnten. Im Übrigen gebe es zwar kein Handy-Verbot, aber die Gruppe kann entscheiden, Handys nur außerhalb der gemeinsamen Aktivitäten zu nutzen.

Eine werteorientierte persönliche Weiterentwicklung prägt den Weg von Pfadfindern. Die beiden zwölfjährigen Marieke und Maya bei Florian Geyer dürfen bereits die Meute der Wölflinge mit anleiten. Wölflinge sind sechs bis elf Jahre alt und werden erst mit einer sogenannten Halstuchprobe „Wölfe“: Sie können dann stolz ihr blau-orangefarbenes Halstuch tragen. Nico wiederum hat mit seinen 18 Jahren schon erfolgreich eine Ausbildung als Jugendgruppenleiter absolviert. In der DPSG und somit im Stamm Sankt Franziskus wird die Kindermitbestimmung hervorgehoben. Diese ist beispielsweise bei Projekten und Aktionen der einzelnen Gruppen, aber auch bei Fahrtenzielen und Zeltlagern des gesamten Stammes von Bedeutung. Es ist vielsagend, dass totalitäre Staaten wie Nordkorea und China keine Pfadfinder zulassen.

Pfadfinder wollen ganz ausdrücklich keinen Problemen aus dem Weg gehen. Ob es nun gesellschaftliche Herausforderungen sind wie Migration und Rechtsextremismus oder Themen wie Klimawandel und Naturschutz. Im Jahr 2017 konnte der Stamm Kreuzfähnlein den 1. Platz beim Umweltpreis der Stadt Hameln mit dem Thema „Lebensraum Garten“ gewinnen. Andere Stämme führen Naturerlebnistage durch, etwa im Wattenmeer, inklusive eines Gesprächs mit einem Politiker. Ein hohes individuelles Ziel ist die „Kreuzpfadfinderschaft“. Der 19-Jährige Mitja von den Eversteiner Löwen hat sich dieser Aufgabe im letzten Jahr erfolgreich gestellt und den höchsten Stand in der konfessionell gebundenen Pfadfinderschaft erreicht. Dazu musste er sich „selbst reflektieren“, wie er sagt. Und das in Hinsicht auf eine wichtige persönliche Beziehung in seinem Leben und – nicht zuletzt – auf christliche Glaubensinhalte: also ein Selbstfindungsprozess in religiöser und weltlicher Hinsicht, begleitet von Henning Eimer als persönlicher Pate.

Mitjas Ziel ist vermutlich nur für eine Minderheit erstrebenswert. Der weitaus größte Teil der Pfadfinder des VCP im Kreis Hameln-Pyrmont freut sich derzeit eher auf das bald stattfindende Bezirkslager zu Pfingsten. Rund 300 Pfadfinder werden sich dann in der Nähe von Völksen versammeln. Neue Freundschaften werden entstehen – eine der vielen Attraktionen heutigen Pfadfinderlebens.




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