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Suizid-Trauergruppe gibt Angehörigen Halt und Hilfe

Warum? Wenn ein geliebter Mensch freiwillig aus dem Leben scheidet

Es ist schlimm, einen geliebten Menschen zu verlieren. Hat der Verstorbene ein hohes Alter erreicht, lernt man im Laufe der Zeit, diesen Verlust zu akzeptieren, weil er ein normaler Verlauf des Lebens ist. Ist aber ein geliebter Mensch freiwillig aus dem Leben gegangen, bleibt neben dem Schock und der Trauer vor allem die Frage nach dem Warum. Unsere Autorin hat die Arbeit der Suizid-Trauergruppe in Rinteln, der einzigen dieser Art im Landkreis Schaumburg, begleitet.

veröffentlicht am 03.12.2018 um 13:14 Uhr

Nach dem Suizid eines geliebten Menschen fühlen sich die Angehörigen häufig allein gelassen. Foto: pixabay
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Autor

Bärbel Lucas Redaktionssekretärin

Nur selten gibt es für die Angehörigen eine Erklärung, weshalb das Leben für die Person zu schwer gewesen ist. Fragen über Fragen tauchen auf, Schuldgefühle, hätte man es merken können, merken müssen? „Normale“ Trauer wird oft begleitet von Mitgefühl und Anteilnahme. Trauer nach einem Suizid erfährt oft keine Hilfe von außen, die Betroffenen werden gemieden, fühlen sich isoliert und unverstanden, schämen sich, oft zerbricht das soziale Umfeld.

„Nach drei Jahren will keiner mehr etwas davon hören“, berichtet Hanna M. (Name geändert). Ihre Tochter hat sich vor drei Jahren im Alter von 20 Jahren das Leben genommen. Sie hatte sich Kohlenmonoxid ins Auto geleitet. Für die Mutter ist seitdem nichts mehr wie vorher. „Man schämt sich“, sagt sie. Hilfe suchte sie auf vielen Wegen: Sie besuchte ein Yoga-Meditationszentrum, ging zu einer Therapeutin. Auch in einer Tagesklinik konnte ihr nicht geholfen werden, danach war sie acht Wochen krank. Von ihrer Kirche wurde sie nicht aufgefangen, es gab keine kirchliche Begleitung. Von ihrem heimischen Hospizverein wurde sie auf die Suizid-Trauergruppe in Rinteln aufmerksam.

Dreieinhalb Jahre ist es jetzt her, dass der Sohn von Marie K. (Name geändert) in seiner Wohnung gefunden wurde. Er hatte sich im Alter von 29 Jahren erhängt. Mit 18 Jahren war er von zu Hause ausgezogen. Anfangs gab es noch öfter Kontakt, weil Mutter gewaschen hat. Nachdem sich der Sohn eine Waschmaschine angeschafft hatte, wurde das weniger. Aufmerksam wurde die Mutter durch einen Anruf des Vermieters, der einen Mietrückstand beklagte. Zu dem Zeitpunkt hatte es seit einem halben Jahr keinen Kontakt mehr zu dem Sohn gegeben. Nachdem auch unangenehme Gerüche aus der Wohnung kamen, wurde mit Hilfe der Polizei und eines Schlüsseldienstes die Wohnungstür geöffnet. Zu dem Zeitpunkt war der Sohn schon seit sechs Wochen tot – ein Anblick, der der Mutter erspart geblieben ist. Im Abschiedsbrief stand: „Betet für meine Seele“. Die Frage nach dem „Warum“ hat er nicht beantwortet.

Marjanne Griffioen-Besselsen
  • Marjanne Griffioen-Besselsen
„Der Drang, zum Friedhof zu gehen, ist nicht mehr ganz so stark“, berichtet Hubert M. Foto: pixabay
  • „Der Drang, zum Friedhof zu gehen, ist nicht mehr ganz so stark“, berichtet Hubert M. Foto: pixabay

Man funktioniert nach außen, aber innerlich ist man versteinert.

Marie K. (Name geändert), Mutter

Und heute? „Man funktioniert nach außen“, berichtet die Mutter, „aber innerlich ist man versteinert.“ Zu Hause kann sie weder mit ihrem Mann noch mit ihrer Tochter darüber reden, schon das Erwähnen des Namens gäbe komische Blicke. Auch sie hatte unter anderem in der Tagesklinik Hilfe gesucht, aber über den Suizid durfte nicht gesprochen werden. Damit soll verhindert werden, dass andere anfällige Personen zu einer solchen Tat angeregt werden. Das Reden in der Suizidgruppe hilft ihr, außerdem ist sie bei einer Psychologin in Behandlung.

Einzelgänger ist er gewesen, der Sohn von Eva S. (Name geändert). Lange hatte der 26-Jährige im Haus seiner Eltern gewohnt, in der oberen Etage. Beruflich hatte er viel erreicht, Ausbildung und einen guten Job in einer Firma. Sparsam war er, erzählt die Mutter, und er wollte gern ein eigenes Haus haben. Und hilfsbereit sei er gewesen, nur habe er nie von sich aus die Initiative ergriffen, auf Freunde zuzugehen. Den Wunsch mit dem Haus erfüllte er sich, trotzdem kam er noch häufig in sein Elternhaus. Eine Katze wurde sein Kamerad gegen die Einsamkeit. Der Vater hatte sich angewöhnt, den Sohn telefonisch morgens zu wecken, an dem verhängnisvollen Tag meldete sich dieser aber nicht, was ungewöhnlich war. Später stellte sich heraus, dass er weder zu Hause noch in der Firma angekommen war. Die Polizei wurde eingeschaltet, und man fand ihn – erhängt.

„Das Schlimmste ist, dass wir nichts gewusst haben“, sagt die Mutter, er hat sich den Eltern nicht offenbart. Was sie wusste, war, dass er kurz vorher einen Psychologen aufgesucht hatte, außerhalb seines Heimatortes, und dass er Tabletten verschrieben bekommen hatte und krankgeschrieben worden war. Auch über den Arztbesuch hatte er nicht gesprochen, die Mutter hatte zufällig einen Terminzettel gefunden. Seinen Tod herbeigeführt hat der Sohn an dem Tag, an dem er wieder hätte zur Arbeit gehen müssen. Warum dieses Ende? „Er wollte immer perfekt sein“, meint die Mutter, aber eine Antwort auf diese Frage hat sie nicht. Ein halbes Jahr ist es jetzt her, und für sie hat das Leben irgendwie seinen Sinn verloren. Ihr Mann beschäftigt sich viel und lenkt sich so ab, sie selbst habe keine Lust, irgendetwas zu machen, denkt viel über das Leben nach. Was hat sich noch geändert? „Wenn mich Leute bedauern, geht es mir sehr schlecht und beim Einkaufen bemühe ich mich, niemand zu treffen.“

Information

Die Gruppe

Die Trauerbegleitung in einer normalen Trauergruppe ist nicht möglich, die Probleme sind zu unterschiedlich. Deshalb gründete der Rintelner Hospizverein eine separate Trauergruppe für Angehörige von Suizidopfern, sie ist die einzige derartige Gruppe im Landkreis Schaumburg. Geleitet wird die Trauergruppe von Marjanne Griffioen-Besselsen. Sie war viele Jahre als Sterbebegleiterin tätig, hat in eineinhalb Jahren die große Trauerausbildung absolviert, die auch Suizid beinhaltet. Inzwischen ist sie seit neun Jahren ausgebildete Trauerbegleiterin. Eine spezielle Suizid-Trauergruppe im Hospizverein Rinteln gibt es seit vier Jahren. Angeboten werden Einzel- und Gruppengespräche. Betroffene Angehörige können sich jederzeit mit dem Rintelner Hospizverein in Verbindung setzen unter der Telefonnummer 01 78/1657501. Das Handy ist Tag und Nacht erreichbar. Gespräche werden von einer der Koordinatorinnen des Hospizvereins entgegengenommen. Sie vermitteln dann den Kontakt zur Trauerbegleiterin. Die wird einen Termin ausmachen zu einem Einzel-Vorgespräch und entscheiden, ob zunächst weitere Einzeltermine gemacht werden oder Gruppentreffen sinnvoll sind. Die Trauergruppe trifft sich an jedem 3. Mittwoch im Monat, eine neue Gruppe beginnt im Februar 2019. Einzelgespräche sind aber jederzeit möglich.

„Männer trauern anders“, sagt sie, „Frauen brauchen das Gespräch, erzählen hilft.“ Wenn sie mit ihrem Mann darüber sprechen will, so meint er, dass er schon alles von ihr weiß und geht so dem Reden aus dem Weg. Ihre Tochter, die guten Kontakt zu ihrem Bruder hatte, ähnelt ihrem Vater und spricht auch nicht gern darüber. Hilfe kann die Mutter in der Familie nicht bekommen. Ein Gespräch in einer Klinik brachte nicht den gewünschten Erfolg, auch der Hausarzt konnte nicht helfen. Die Suizid-Trauergruppe hat sie durch eine Meldung in der Zeitung entdeckt und ist froh, dass sie nun Gelegenheit zu Gesprächen hat.

„Im Freundeskreis ist eine Hemmschwelle entstanden“, erzählt Hubert M., der gemeinsam mit seiner Ehefrau die Suizid-Trauergruppe besucht. „Wie geht es dir?“, sei eine zwar übliche Frage, die Antwort darauf will aber lieber niemand hören. Der Sohn des Paares hatte sich mit 28 Jahren erhängt. Schon seit dem 16. Lebensjahr hatte er Kontakt mit Drogen, bekam das aber in den Griff, hatte einen Job und lebte in einer Beziehung.

Ein Jahr in einer separaten Wohnung, dann war er mit seiner Freundin in eine Wohnung im Elternhaus gezogen. Als nach fast drei Jahren ein Umzug zurück in die Innenstadt erfolgte, hatten die Eltern ein schlechtes Gefühl – zu Recht, wie sich zeigen sollte. Er schmiss seinen Job, hatte vermutlich wieder Drogenkontakt und es kam zum heftigen Streit mit der Freundin, bei dem es wohl auch zu Gewalttätigkeiten kam und der mit der Trennung endete. Der Sohn wies sich selbst in die Burghofklinik ein, kam dann aber durch richterlichen Beschluss in U-Haft.

Erst drei Wochen später durften die Eltern ihren Sohn besuchen, dreimal waren sie dort. „Ich hatte bei dem letzten Besuch den Eindruck, dass er sehr bedrückt war“, erinnert sich die Mutter, „er hat relativ viel geredet, wollte aus dem Milieu raus, woanders hinziehen“. Das war das letzte Mal, dass das Paar seinen Sohn lebend gesehen hat. In der Folgenacht hat er sich erhängt. „Mein Leben liegt in Trümmern“, schreibt er in seinem Abschiedsbrief, „bitte verzeiht mir.“

Hilfe in ihrer Trauer hat die Mutter in der Burghofklinik gefunden, dem Vater hat diese Möglichkeit nicht geholfen. Er hat sich angewöhnt, seinem Sohn Briefe zu schreiben und lenkt sich durch Arbeit ab. Seit zwei Jahren ist das Ehepaar in der Trauergruppe, eine Ärztin der Klinik hatte ihnen den Tipp gegeben. Der Schicksalsschlag hat sie nicht auseinandergebracht. „Aber jeder ist einen anderen Weg gegangen, jeder hat seine eigene Trauer“, sagen beide. Einen Hund haben sie sich angeschafft. Das war zwar unabhängig von den Ereignissen sowieso geplant, jetzt hilft er aber doch. Inzwischen, nach zweieinhalb Jahren, gehen sie auch wieder auf Feiern, wenn sie eingeladen werden. „Das ist einfacher, als wenn zu Hause gefeiert wird“, sagt Renate M. (Name geändert), „weil man wieder gehen kann, wenn man die Fröhlichkeit nicht mehr aushält.“ „Im Laufe der zwei Jahre ist manches inzwischen besser geworden, der Drang zum Friedhof zu gehen, ist nicht mehr ganz so stark“, berichtet Hubert M., er könne sich inzwischen wieder besser konzentrieren und sich dem Tagesgeschäft widmen. Am Geburtstag und am Todestag des Sohnes kommen Familie und Freunde zusammen, ein Erinnerungstreffen bei Kaffee und Kuchen.

Im Gespräch

Die Trauerbegleiterin kann vor allem eines: Zuhören. Auch dann, wenn die Umwelt der Betroffenen nichts mehr mit dem Thema zu tun haben möchte und auch dann, wenn immer wieder dasselbe wiederholt wird. Die eigenen Schuldgefühle können nach und nach vermindert oder aufgelöst werden. Gespräche in der Gruppe mit anderen Betroffenen vermitteln das Gefühl, nicht allein zu sein mit dieser schweren Last. Ganz wichtig ist, dass Angehörige von Suizidopfern lernen, deren Entscheidung, aus dem Leben zu gehen, zu akzeptieren. „Wer gehen will, geht“, sagt Marjanne Griffioen-Besselsen, „man kann nicht jeden Suizid verhindern.“ Sie ist dankbar für ihre selbst gewählte Aufgabe und für das Vertrauen, das ihr von den Gruppenmitgliedern entgegengebracht wird.


Teil 2 folgt in der Dienstagsausgabe.


Wer unter Depressionen leidet oder Selbstmordgedanken hat, bekommt Hilfe von der Telefonseelsorge. Diese ist erreichbar unter 0800/111-0-1 11 und 0800/111-0-222 sowie im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei.




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