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Gefunden, gehoben und ausgehorcht

Was geschieht mit den Holzpfählen vom Werder?

Gebaggert wird auf der südlichen Werderspitze schon länger. Der Hamelner Unternehmer Christoph Kerstein hat das Gelände von den Stadtwerken gekauft, um in bester Lage ein Bürogebäude mit Wohnungen zu errichten. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Weser ein herausforderndes Unterfangen, spätestens wenn es um das Fundament geht. Diese Erfahrung haben die Menschen vor über 600 Jahren auch gemacht – als sie zum Gründen einer Brücke schwere Eichenpfähle in die Erde rammten. Genau die wurden gefunden und haben Archäologen auf den Plan gerufen.

veröffentlicht am 31.01.2019 um 17:03 Uhr
aktualisiert am 04.02.2019 um 17:15 Uhr

Foto: Jens Berthold
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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HAMELN. Als jemand, der Geschichte liebt, studiert hat und aktiv im Verein für Regionale Kultur- und Zeitgeschichte ist, hat Edward Menking einen anderen Blick auf Altes. Und wird stutzig, wenn es verschwindet. So geschehen, bei der „schönen alten verblendeten Mauer – die, war auf einmal weg“, erzählt der Hamelner von einem seiner Spaziergänge aus dem Klütviertel Richtung Innenstadt, der ihn über die Münsterbrücke führt.

Die Mauer war Teil der letzten Mühle, die an dieser Stelle an der Weser stand, eine mit Bogenfenstern aus Eisen, weiter unten noch ein alter Auslass. Und nach dem Verschwinden der Mauer traten plötzlich in einer Baugrube die Pfähle zutage. Menking beobachtete, wie ein Bagger „dort Pfähle rauszog“, einen nach dem anderen und auch „so’n Riesending“. Menking war es auch, der den Stein zu weiteren Untersuchungen ins Rollen brachte und am 15. Oktober Fotos an den Kommunalarchäologen Dr. Jens Berthold schickte. Hamelns Denkmalschützer Dirk Diekmann-Tirre wurde mit ins Boot geholt.

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Ausstellen oder nicht?

Was für den einen ein Schatz ist, kann für den anderen ein echtes Ärgernis sein. Uralte Holzpfähle auf einer Baustelle zum Beispiel. Doch der Eigentümer des Grundstücks an der Inselstraße 1 und Bauherr, Christoph Kerstein, sieht den Fund gelassen. Es sei zu erwarten gewesen, „dass da was drunter ist“, sagt er und spielt auf die Gründung der Wesermühle an dieser Stelle an. Jetzt sind die Holzpfähle da – und wohin sollen sie jetzt? In ersten Gesprächen mit dem Kommunalarchäologen Dr. Jens Berthold hatte Kerstein signalisiert, einen Teil der Pfähle im künftigen Foyer des Neubaus auszustellen. Doch die Frage „geht das?“ scheint noch unbeantwortet zu sein. Kersteins Priorisierung ist klar, er benutzt den englischen Design-Leitsatz: „Form follows function“, erst muss das Funktionale samt Inneneinrichtung des Raumes klar sein, dann „können wir gucken, ob das geht“. Grundsätzlich finde er die Idee gut, „das Historische des Grundstücks einzubauen“, doch die Optik der verschiedenen Hölzer sei zum Teil „usselig“, sagt Kerstein.

Grundsätzliches Interesse an dem Bewahren solcher Funde haben von Natur aus die Historiker des Museums Hameln. „Das wäre sehr spannend für uns“, sagt der Leiter Stefan Daberkow. Doch sie seien zu groß, um in den Räumen ausgestellt zu werden. Immerhin: Ein Pfahl aus alten Hamelner Zeiten ist dort zu sehen, aus dem Jahr 1586. Er war Teil der Stadtmauer und war beim Bau des Tunnels Grüner Reiter 1977 entdeckt worden.

Verzögerungen am Bau hat der jüngste Fund auf dem Werder nicht nach sich gezogen, weil es an dieser Stelle keinen Baustopp gab, um den Archäologen die Möglichkeit einzuräumen, den Fund vor Ort zu dokumentieren. „Zu gefährlich“ wäre der Einsatz dort gewesen, führt Berthold aus. Die Grube, in die sie hätten hinabsteigen müssen, sei um die vier Meter tief gewesen – unmittelbar neben der Weser, das wäre nicht ohne riesigen Aufwand zu stützen gewesen.bha

Etwa eine Arbeitswoche habe er den Pfählen gewidmet erzählt Berthold. Zur Baustelle fahren, zum Betriebshof des Abrissunternehmens Otto, zeichnen, fotografieren, beschreiben, dokumentieren, Proben von 34 gefundenen Hölzern nach Berlin ins Deutsche Archäologische Institut bringen. Dort wurden sie von Dr. Karl-Uwe Heußner und seinem Team unter dem Mikroskop untersucht. Anfang Dezember kamen die Ergebnisse in Hameln an: Für sechs Hölzer haben die Berliner das genaue Fälljahr ermitteln können, weil an ihnen tatsächlich noch die sogenannte „Waldkante“ vorhanden war – der letzte Jahrring unter der Baumrinde. Für die anderen wurden Circa-Angaben geliefert: Fälldatum „plusminus zehn Jahre“, oder „nach“ oder „um/nach“. Sechs Pfähle ließen sich nicht datieren.

Die Skizze veranschaulicht das Überlappungsverfahren. Quelle: Universität Hohenheim, Institut für Botanik | Grafik: mib

Die Holzpfähle seien in gutem Zustand gewesen, stellt Archäologe Joachim Schween fest, weil sie über Jahre im Schlamm, Schotter, von Wasser umgeben steckten, vom Sauerstoff abgeschlossen, so dass sie sich bis heute kaum zersetzt haben. „Besser als jede Scherbe“ seien Holzfunde, eben weil sich ihr Alter unter guten Umständen so gut mittels der Dendrochronologie bestimmen lässt (siehe weiterführenden Text). Der Fund bestätigte eine noch vergleichsweise junge Erkenntnis der Archäologie, über die unter Experten immer mal gestritten werde, wie Dirk Diekmann-Tirre erzählt: Neben schwerem Eichenholz kam auch früher schon Buche zum Einsatz, was vor allem für den Außenbereich als ungewöhnlich galt. Doch offenbar sei sie gut geeignet für feuchte Gegenden. An dieser Stelle des Werders wurde Buchenholz für die Spundwände gesetzt.

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Wem gehören archäologische Funde?

Das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz regelt, wie mit archäologischen Funden umzugehen ist. „Wer in der Erde oder im Wasser Sachen oder Spuren findet, bei denen es sich um archäologische Funde oder Befunde handelt, hat dies nach Paragraf 14 NDSchG unverzüglich einer Denkmalschutzbehörde zu melden“, heißt es. Ansprechpartner ist die Untere Denkmalschutzbehörde (so in Hameln) oder das Landesamt für Denkmalpflege in Hannover mit Stützpunkten in Braunschweig, Lüneburg und Oldenburg. Innerhalb von maximal vier Werktagen soll die Untere Denkmalschutzbehörde die notwendigen Maßnahmen einleiten. Bis zum Eintreffen von Fachpersonal sollte der betroffene Bereich nicht angetastet werden, da sonst unwiederbringlicher Schaden an den archäologischen Hinterlassenschaften entstehen kann. Den Verbleib von archäologischen Objekten regelt das so genannte Schatzregal. Dieser Rechtsbegriff aus dem Mittelalter (Regalien = Königliche Rechte) beschränkt sich nicht etwa auf Goldschätze, sondern regelt den Umgang mit archäologischen Funden generell: Objekte, die bei Nachforschungen durch eine Landesbehörde oder in Grabungsschutzgebieten entdeckt wurden, sind Eigentum des Landes Niedersachsen. Gleiches gilt für Funde mit einem herausragenden wissenschaftlichen Wert, die von Privatpersonen zufällig entdeckt und unverzüglich gemeldet werden. In diesem Fall kann der Finder mit einem Finderlohn entschädigt werden. Alle anderen Funde, die an der Oberfläche entdeckt wurden, gehören nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch zur Hälfte dem Finder und zur anderen Hälfte dem Eigentümer des Grundstücks, auf dem sie entdeckt wurden. Davon unberührt ist die Meldepflicht von Bodenfunden. Funde, die nicht gelagert werden, verbleiben zumindest in Form einer Dokumentation im Archiv des Landesamtes.Aus: „Denkmalschutz und Denkmalpflege in Niedersachsen“

Nachdem aus Berlin die Fälldaten vorlagen, konnte Schween in den Archivalien der Stadt nach Antworten suchen auf die Frage, welche Bauwerke die Pfähle einst gestützt haben. Vor allem eine detailreiche Zeichnung von Ernst Natermann aus dem Jahr 1937 liefert Hinweise. Darauf dokumentiert: der Verlauf der Weserbrücken, die zwischen 1390 und 1932 das Hamelner West- mit dem Ostufer verbunden haben und deren Pfeiler auf der südlichen Werderspitze standen. Auch der unter Historikern viel zitierte Kupferstich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1654 dient als Beleg für die Herkunft der Pfähle: Erst standen an dieser Stelle des Werders Brücken, später ab 1635 zwei Mühlen. Was heute mit Beton gegossen wird, sei früher eine noch schwierigere Aufgabe gewesen, so Berthold über das Fundamentieren von Bauwerken. Mit großen Rammen aus Holz mit Seilen und daran befestigten Steinen wurde der gespitzte Pfahl Stück für Stück in die Erde gehauen, zu Zeiten, in denen die Weser wenig Wasser geführt hat.

Die Vergangenheit der Pfähle ist geklärt, in der Gegenwart liegen sie bei „Otto“, und was geschieht in der Zukunft mit ihnen? Was muss getan werden, um sie zu erhalten? Für Berthold stellt sich „eher die Frage: Wer will es denn? Wir Archäologen haben unsere Schuld getan und gezeigt, wie alt sie sind“. Seine Prognose für das Jahrhunderte alte Holz auf dem Betriebshof, so es nicht noch irgendwo ausgestellt wird: „Irgendwann kommt es weg.“ Menking jedenfalls würde sich wünschen, wenn er einige Pfähle irgendwann an einem anderen Ort, der groß genug ist, wiedersehen könnte – „in Tiefgaragen zum Beispiel“.




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