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Devise ‚Schützen statt Töten‘: Wespenberater helfen bei Nestern in Haus- oder Gartennähe

Was kann ich tun, wenn Wespen am Haus nisten?

Für Haus- und Wohnungseigentümer ist ein solches Wespennest oftmals ein Ärgernis. Viele fürchten die Aggressivität des Insektenvolks und haben Angst, vermehrt Angriffen ausgesetzt zu sein. Für die meisten Betroffenen ist daher schnell klar: Das Nest muss weg! In solchen Fällen helfen Wespenberater, denn die Tiere stehen unter Natruschutz.

veröffentlicht am 15.08.2018 um 08:00 Uhr

Wespennester können Tausende Wespen beherbergen. Foto: nk

Autor:

Niklas Könner und Lea Drewnitzky
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Ob beim Frühstück auf dem Balkon oder während der Grillparty im Garten: Wespen erscheinen im Sommer häufig als ungebetene Gäste am Esstisch. In manchen Fällen können die unliebsamen Besucher jedoch zum Dauerproblem werden. Nämlich dann, wenn sie ihr Quartier in unmittelbarer Nähe des eigenen Lebensbereichs, beispielsweise an der Hauswand oder im Rollladenkasten, aufschlagen.

Für Haus- und Wohnungseigentümer ist ein solches Wespennest oftmals ein Ärgernis. Viele fürchten die Aggressivität des Insektenvolks und haben Angst, vermehrt Angriffen ausgesetzt zu sein. Für die meisten Betroffenen ist daher schnell klar: Das Nest muss weg!

Dass die naturgeschützten Brut- und Ruhestätten nicht auf eigene Faust entfernt werden dürfen, ist gemeinhin bekannt. Immerhin ist die eigenmächtige Beseitigung nicht nur in höchstem Maße gefährlich, sondern kann mit Geldstrafen von bis zu 5000 Euro auch ziemlich teuer ausfallen. Handelt es sich obendrein noch um eine besonders geschützte Art, sind sogar saftige Bußgelder bis zu 50 000 Euro möglich.

Britta Raabe ist Wespenberatern. Foto: nk
  • Britta Raabe ist Wespenberatern. Foto: nk
Süße Früchte mögen Wespen besonders gern – die Wespenberater wird mittlerweile häufiger gerufen. Foto: dpa
  • Süße Früchte mögen Wespen besonders gern – die Wespenberater wird mittlerweile häufiger gerufen. Foto: dpa

Bleibt folglich nur eine logische Option zur Lösung des Problems: Professionelle Hilfe muss her. Doch wer ist in solchen Angelegenheiten eigentlich der ideale Ansprechpartner? Tatsächlich ist – entgegen zahlreicher Vermutungen – weder die Feuerwehr noch der Imker aus dem Bekanntenkreis prinzipiell optimal geeignet, da es im Regelfall an einer entsprechend notwendigen Aus- respektive Weiterbildung mangelt.

Wer auf der sicheren Seite sein will, der sollte den Kontakt zu den Behörden suchen. Für das Hamelner Stadtgebiet steht Christian Wiemeyer von der Unteren Naturschutzbehörde im städtischen Rathaus mit den ehrenamtlichen Beratern Dr. Thomas Forche und Gerd Hoffmann bereit. Für das sonstige Kreisgebiet steht das Team der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Hameln-Pyrmont unter zur Verfügung.

In Schaumburg sind seit etwa drei Jahren sogenannte Wespenberater auf ehrenamtlicher Basis für genau diese Problematik zuständig. „In erster Linie sollen Tipps zum Verhalten in Nestnähe vermittelt sowie Aufklärungsarbeit über den richtigen Umgang mit den Tieren geleistet werden“, erklärt Martina Engelking, Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) in Schaumburg. Ziel der Beratung sei es, die Betroffenen insoweit zu beruhigen, dass das Nest nicht zwangsläufig umgesiedelt werden müsse. „Im Zweifelsfall entscheiden aber letztendlich die Kollegen vor Ort, ob und wie eine Umsiedlung realisierbar ist“, so Engelking.

Dr. Thomas Forche von der ehrenamtlichen Wespenberatung in Hameln-Pyrmont hat vor allem gute Erfahrungen mit dem Thema Wespenberatung gemacht. Sein Hauptziel ist es, „die Wertschätzung der Menschen für ihre Umgebung wiederherzustellen“. Für ihn ist es ein tolles Gefühl, die Leute über die wahre, friedliche Natur der Wespen aufzuklären. Es „sei verrückt“, zu wie vielen Einsätzen er und die anderen Berater gerufen wurden, sagt Forche auf Nachfrage.

Mein Hauptziel ist es, die Wertschätzung der Menschen für ihre Umgebung wiederherzustellen.

Dr. Thomas Forche, Wespenberater

Das im Jahr 2005 gestartete Team, damals bestehend aus sechs Mitgliedern, vereinbart mit besorgten Anrufern zunächst einen Ortstermin, um sich dort ein Bild von der Lage zu verschaffen und die Wespenart zu bestimmen. Zur jetzigen Zeit handele es sich meist nur noch um Deutsche oder Gemeine Wespen, die anderen Arten haben die Saison bereits hinter sich gebracht. Forche zeigt sich erleichtert, dass dieses Jahr die meisten Nester, wegen denen angerufen wurde, nicht umgesiedelt oder entfernt werden mussten.

Es wurden lediglich Nester, die beispielsweise unter den Trittplatten einer Terrasse lagen, entfernt. Durch das Betreten der Platte wurden die Wespen aggressiv und mussten umgesiedelt werden. Im Vergleich zu den Geretteten sei dies für den Wespenberater aber in Ausnahmefällen in Ordnung. Die meisten Anwohner zeigten sich nach der Aufklärung der Berater verständnisvoll und ließen die Insekten weiter in ihrem Garten oder am Haus wohnen.

Im Landkreis Schaumburg sind aktuell vier Wespenberater im Einsatz. Kommendes Frühjahr soll das sich im Aufbau befindende Beraternetzwerk um 17 weitere Ehrenamtliche aufgestockt werden. Obwohl ein Gros der niedersächsischen Landkreise schon seit einiger Zeit ebenfalls auf ein solches Beratungsmodell setzt, hält sich dessen Bekanntheitsgrad bislang noch in Grenzen. Inzwischen spreche es sich jedoch mehr und mehr herum, sagt Engelking: „Stand jetzt sind bei uns schon über 250 Anrufe diesbezüglich eingegangen. Das sind so viele, wie sonst im gesamten Jahr.“

Diese steigende Tendenz pro Wespenberater sei auf einen „Wandel in den Köpfen“ zurückzuführen. „Immer mehr Leute beginnen, sich für die Tiere zu interessieren und wollen ihnen zumeist nichts tun“, beobachtet Britta Raabe. Die Hohenroderin, die hauptberuflich die Leitung der Regionalgeschäftsstelle des Nabu Weserbergland innehat, war als erste ehrenamtliche Wespenberaterin des Landkreises so etwas wie die Vorreiterin des Projekts. Anfangs sei die Skepsis bei der UNB noch groß gewesen. „Doch mittlerweile sind wir zu einer Art ‚verlängerter Arm‘ der UNB geworden, da wir für unsere Beratungsgespräche auch zu Außeneinsätzen rausgehen“, sagt Raabe.

95 Prozent der Fälle haben zum Ergebnis: Das Wespennest kann bleiben

Wie ein solches Gespräch bei den Betroffenen vor Ort dann verläuft, sei jedes Mal individuell, folge aber trotzdem immer einem ähnlichen Schema. „Anfangs schlägt mir oftmals die Reaktion des ‚Bitte-Sofort-Mitnehmens‘ entgegen“, erzählt Raabe. Als Hauptargument dafür werde zumeist eine Allergie angeführt. Der Unterschied zwischen einer lebensgefährlichen Allergie und einer schmerzhaften, aber keinesfalls bedrohlichen Immunreaktion sei vielen jedoch gar nicht bekannt. „Wenn keinem der Eigentümer bei einem Wespenstich eine allergische Reaktion droht, ist die Dringlichkeit zur Nestentfernung auch deutlich geringer“, entkräftet Raabe die Argumentation.

Im zweiten Schritt versucht die Wespenberaterin, ferner herauszufinden, ob bei den verängstigten Hausbewohnern ein Vorwissen über die schwarz-gelben Insekten herrscht. Überwiegend sei dies jedoch nicht der Fall, beklagt Raabe. So seien viele überrascht, „dass ein Wespennest nur ein temporäres Problem ist, weil der Bau im Folgejahr nicht erneut genutzt wird.“ Auch sei vielfach nicht bekannt, dass die Wespen aus dem nahegelegenen Nest nicht zwangsläufig die Exemplare sein müssen, die um die Kaffeetafel schwirren. „Uns gehen hierzulande lediglich die Deutsche und die Gemeine Wespe auf den Keks. Erdwespen zum Beispiel interessieren sich fast nie für unsere Nahrung“, erläutert Raabe.

Auf dem Fundament der getätigten Wissensaufklärung versuche sie anschließend, ein gewisses Verständnis für die Anwesenheit der Wespen zu wecken. „Ich möchte in den Köpfen einen Paradigmenwechsel erreichen und die Sichtweise der Menschen auf die Tiere um 180 Grad drehen“, betont Raabe, die sich und ihre Beraterkolleginnen und -kollegen selbst als „Anwälte der Tiere“ bezeichnet. Schließlich liege die oberste Priorität ihrer Arbeit darin, „eine Koexistenz zwischen Wespe und Mensch zu schaffen“, stellt Raabe heraus.

Damit dieses Vorhaben gelingt, erarbeiten die Wespenberater zudem effektive Lösungen für die Sicherheit beider Seiten im Alltag. So gebe es beispielsweise die Möglichkeit, mittels baulicher Maßnahmen die Einflugschneise der Wespen zum Nest so zu verändern, dass Kinder beim Spielen im Garten nicht den Flugverkehr stören und Gefahr laufen, durch ungewollte Provokation gestochen zu werden. Des Weiteren rät Raabe, grundsätzlich die Nähe des Nests zu meiden sowie schnelle Bewegungen zu unterlassen, „um die Tiere nicht unnötig aggressiv zu machen.“

Dass dieses Beratungskonzept – bestehend aus Problemermittlung, Beruhigung durch Aufklärung und Lösungsfindung – de facto funktioniert, belegt die Erfolgsquote Raabes: In über 95 Prozent der Fälle könne das Nest nach dem Beratungsgespräch bleiben. Nur selten müsse sie es tatsächlich umsiedeln. „Häufig wandelt sich die Einstellung gegenüber Wespennestern von Angst und Panik hin zu Respekt und Toleranz“, berichtet Raabe. Einige seien hinterher gar stolz, ein solches Kunstwerk an den eigenen vier Wänden zu haben. Diese Wertschätzung gegenüber der Natur gepaart mit Vorsicht im Umgang mit Wespen sei genau der richtige Blickwinkel. Denn, so lautet Raabes Credo, „man kann mit Wespen leben!“




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