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Was Iris Brunotte mit Weihnachten verbindet

Weihnachten nach Bombardierung und Flucht

Weihnachten symbolisiert die Geburt Jesu Christi. Einerseits. Für viele Menschen hat das Fest aber noch eine ganz eigene Bedeutung. Tief in ihrem Herzen ist ein individuelles Stück Weihnachten verborgen, das nur ihnen gehört. Spätestens zu Heiligabend werden sie daran erinnert.

veröffentlicht am 22.12.2018 um 09:00 Uhr

Aus Kindheitstagen: Iris Brunotte (li.) mit ihren drei jüngeren Schwestern. Foto: pr
Stolte Christiane

Autor

Christiane Stolte Reporterin

Wie herrlich war Omas Tannenbaum doch geschmückt – ganz klassisch mit Lametta und Süßigkeiten, die auf geheimnisvolle Weise nach und nach vom Baum verschwanden. Wie lecker hat Omas schlesische „Christtunke“ geschmeckt – herrlich nach Honigkuchen, Malzbier und Dörrfleisch. Auch leuchtende Kinderaugen, der Duft nach frisch gebackenen Plätzchen, nach Kerzen und Tannenzweigen ist ein Stück Weihnachten. Ebenso ein festlich gedeckter Tisch, an dem die ganze Familie bei einem guten Essen behaglich zusammensitzt.

Thomas Mann bringt Weihnachten wie folgt auf den Punkt: „Ich werde die Liebe zu den Zaubern des Weihnachtsfestes nie verlernen. Dieser Tag, dieser heiter geheiligte Abend, der aus Kinderaugen blickt, der die Kruste des Alltags von unserem Herzen löst und ein Lächeln menschlicher Rührung und Freude auf allen Gesichtern hervorruft, er ergreift mich heute, wie er mich als Knabe ergriff und beglückte.“ Mit den Zeilen aus seinen Kindheitserinnerungen von 1945 trifft der 1875 in Lübeck geborene und 1955 in Zürich verstorbene Schriftsteller mitten ins Herz all derer, für die Weihnachten trotz aller Hektik und der immer größer werdenden Kommerzialisierung ein Fest der Besinnlichkeit, des Friedens, eines guten Miteinanders und der Bescheidenheit ist – auch ohne teure Geschenke. Iris Brunotte hat auf die Frage, was das Weihnachtsfest für sie bedeute, nur eine Antwort: „Weihnachten – das ist Quittenbrot, gebratene Pilze und Bucheckerntorte.“ Schreckliche Kindheitserlebnisse lassen die 79-Jährige aus Bessingen bis heute nicht los – sie nagen noch immer an ihr. Der Gedanke an Quittenbrot, gebratene Pilze und Bucheckerntorte zur Weihnachtszeit aber zaubert ihr ein Lächeln auf die Lippen.

Was es mit dem für sie einschneidenden kulinarischen Erlebnis auf sich hat, erzählt Iris Brunotte wie folgt: „Nach der Bombardierung von Dresden, ich war gerade fünf Jahre alt und hatte noch drei jüngere Schwestern, flohen wir aus dem Bombenhagel zu Fuß von einem Auffanglager zum nächsten. Wir stolperten durch brennende Wälder, fuhren immer mal wieder mit dem Zug, der überfüllt war mit Flüchtenden – ohne Ziel, irgendwohin. Immer hatten wir Angst, dass wir in dem Chaos unsere Eltern verlieren könnten. Endlich, nach Monaten des Herumirrens, wurden wir in Rudolstadt (Thüringen) einquartiert. Wir hatten nun ein Zuhause, ein eigenes Zimmer mit vier Betten, alle zusammen. Das war toll! Dann kam die Weihnachtszeit. Weihnachten? Was war das? So wie Geburtstag mit Geschenken? Ein spannendes Erlebnis wartete auf uns.

Für unsere Eltern haben wir im Kindergarten Igel aus Kastanien und andere Dinge gebastelt. Mit unserem Vater gingen wir in den Wald, um Pilze zu suchen – Austernseitlinge, Winterpilze und nebelgraue Trichterlinge. Auch Bucheckern haben wir gesammelt. Zu Hause saßen wir alle am Tisch und popelten die Schalen ab. Mutti verschwand mit der Schüssel in der Küche und Vati mit den Pilzen. Sie flüsterten, dass gleich Weihnachten sei und wir in unseren Zimmern warten sollten. Dann wurden wir in die Stube gerufen. Eine Kerze brannte, eine große Torte aus Bucheckern stand auf dem Tisch, ebenso sechs Teller mit duftenden knusprigen Pilz-Chips und rhombenförmigen Quittenbrot-Stückchen. Sie haben geschmeckt wie fruchtig-süße Bonbons. Wir futterten alles auf und waren satt und glücklich. Jetzt wusste ich – Weihnachten, das ist Quittenbrot, gebratene Pilze und Bucheckerntorte.“ Seit 1974 lebt Iris Brunotte in Bessingen.

In Dresden war sie nie wieder. Zu schrecklich sind die Erinnerungen an die Bombardierung. Noch immer hört sie die Schreie der Kinder, die nach ihren Eltern suchten. Pilze hingegen spielen in ihrem Leben noch immer eine Rolle, sind sie für die Pilzexpertin doch seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil auf dem Speiseplan. Auch am heutigen Heiligen Abend fehlen sie nicht auf de Teller. „Damit die Pilze schön knusprig werden, bestäube ich sie mit Maisstärke und warte, bis sie eingezogen ist“, erklärt die Pilzsammlerin. Dann brät sie die in nicht zu kleine Stücke geschnittenen Pilze in der Pfanne knusprig an – ohne Soße und Eier, damit sie knackig werden wie Chips. Etwas salzen, und fertig ist das leckerste Gericht, dass sich Iris Brunotte vorstellen kann. Schnell zubereitet ist auch ihr Quittenbrot. Quitten waschen, mit der Schale in rhombenförmige Stücke schneiden und mit Hagel- oder anderem Zucker bestreuen. Dann im Backofen bei niedriger Temperatur trocknen lassen. „Es schmeckt himmlisch. Das müssen Sie probieren!“, lädt Iris Brunotte zum Nachahmen ein.




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