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„Fake News“ zwischen Propaganda, politischer Arroganz – und manchmal auch Profit

Wenn Fakten egal sind

Die Presse, der Journalismus – was darf man 2017 darunter verstehen? In Zeiten, in denen Schlagwörter wie „Fake News“ und „Lügenpresse“ ein schlechtes Licht auf Medien werfen, macht unsere Zeitung ihr tägliches Tun in der Serie „Nichts als die Wahrheit“ öffentlich. Hier: „Fake News“.

veröffentlicht am 04.05.2017 um 16:30 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:34 Uhr

Michael Zimmermann

Autor

Gastautor zur Autorenseite

Mehr als drei Millionen Stimmen sollen bei der letzten Präsidentenwahl in den USA illegal abgegeben worden seien. Das behauptete jedenfalls der frisch gewählte US-Präsident Donald Trump. „Alles, was ich darüber weiß, ist das, was im Internet steht“, verteidigte er sich anschließend. Seine Quelle: Wahrscheinlich rechte Verschwörungswebsiten wie „Infowars“, die eine entsprechende Behauptung auf Twitter aufgegriffen hatten. Trump scheint viel im Internet zu lesen, auch, dass Impfungen Schuld seien an Autismus, oder dass ausgerechnet jener FBI-Agent, der Hillary Clintons E-Mails untersuchen sollte, kurz vor der Wahl ums Leben gekommen sei – ziemlich eindeutige Falschmeldungen, die sich schnell widerlegen ließen.

„Fake News“ sind seit dem vergangenen Jahr wieder in der öffentlichen Diskussion, dabei sind Falschmeldungen wie im US-Wahlkampf kein neues Phänomen. Schon vor Jahrhunderten wurde mit Gerüchten und falschen Behauptungen Politik gemacht: Im Jahr 1475 wurde die jüdische Gemeinde im italienischen Trient beschuldigt, den zweieinhalbjährigen Jungen Simon für ein Ritual ermordet zu haben. Die Lüge half ihren Erfindern dabei, Judenpogrome zu rechtfertigen. Bis heute ziehen sich immer gleiche Variationen der Legende durch die Geschichte des Antisemitismus, deren traurigen Höhepunkt wohl das Hetzblatt „Der Stürmer“ mit seinen obskuren Meldungen über Juden darstellte.

Im 19. Jahrhundert kam der Begriff „Fake News“ erstmals im englischen Sprachraum auf. Damals beschrieb er vor allem die frei erfundenen Geschichten wie die der „New York Sun“ von 1835 über neu entdecktes Leben auf dem Mond. Immerhin stieg dadurch die Auflage gewaltig …

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Was genau „Fake News“ aber sind, darüber streiten selbst Experten. Oft wird die Bezeichnung beliebig in den Raum geworfen. Bei Politikern wie Donald Trump wird „Fake News“ zum Kampfbegriff. Für Meldungen, die ihnen nicht gefallen oder für Medien, mit denen sie nicht reden wollen – und denen sie ihre eigenen „alternativen Fakten“ entgegenhalten. Legendär der Satz von Trump zu CNN: „Sie sind Fake-News.“

Richtig ist aber auch, dass es sich bei falscher Berichterstattung auch schlicht und einfach um die unsaubere Arbeit von Journalisten handeln kann. Da wird hier eine Quelle nicht nochmal geprüft, dort ein falscher Schluss gezogen oder ein Zusammenhang falsch verstanden. Erst vor Kurzem verschickten unzählige seriöse Medien in Deutschland die Eilmeldung, das Bundesverfassungsgericht habe die NPD verboten. In Wirklichkeit hatte das Gericht den Verbotsantrag abgelehnt, die Reporter im Gerichtssaal hatten die Begründung des Gerichts allerdings nicht bis zum Schluss abgewartet und produzierten so eine peinliche „Ente“.

In der Regel wird der Begriff jedoch verwendet, wenn falsche Informationen absichtlich produziert und vor allem in den sozialen Medien verbreitet werden, im weiteren Sinne also auch Satire wie beim „Postillon“. Was Satire-Meldungen und auch die klassische „Zeitungsente“ von den „Fake News“ unterscheidet: Die Inhalte wurden nicht erstellt, um bewusst Schaden anzurichten – auch wenn sie irreführend sein können. „Echte Fake News“ bedienen die Reflexe der Leser, greifen reale Ängste oder Ärgernisse auf. Ihr Inhalt kann noch so absurd sein – solange sie in das Weltbild der Nutzer passen, reicht allein die Möglichkeit aus, dass ein Fünkchen Wahrheit in ihnen stecken könnte. Das macht Falschmeldungen zum einen attraktiv für Propagandazwecke. Zum anderen sind sie aber auch ein gutes Geschäft. Nach einer Untersuchung von Buzzfeed verbreiteten sich in den letzten drei Monaten des US-Wahlkampfs die 20 erfolgreichsten Falschmeldungen bei Facebook stärker als die erfolgreichsten 20 Berichte seriöser Medien. Webseitenbetreiber in den USA, aber auch in Ländern wie Georgien und Mazedonien konnten mit komplett erfundenen Nachrichten wie der, dass der Papst Donald Trump unterstütze oder Hillary Clinton im Keller einer Pizzeria einen Kinderpornoring betreibe, viel Geld verdienen. Jeder Klick spülte Werbegelder in die Kassen.

Ob sich die Wähler dadurch in ihrer Entscheidung beeinflussen ließen, ist umstritten. Trotzdem riefen zuletzt Politiker verschiedener Parteien verstärkt nach Maßnahmen gegen die Verbreitung von „Fake News“. Die Debatte birgt einige Gefahren für die Presse- und Meinungsfreiheit. Eine staatliche Regulierung des Internets käme der Zensur zumindest nahe. Was also tun? Zum einen sind wir Journalisten gefragt, unsere Arbeit gut zu machen. Andererseits muss auch jeder Leser, jeder Hörer, jeder Zuschauer Verantwortung übernehmen und eigenständig die Inhalte überprüfen, die er im Internet sieht. Fact-Checking-Projekte wie die „Hoaxmap“, „Mimikama“ oder der „Faktenfinder“ der Tagesschau können dabei helfen.

Die technologische Entwicklung wird deren Arbeit womöglich in Zukunft noch schwerer machen: Heute agieren in Hollywood-Filmen computergenerierte Charaktere täuschend echt neben realen Schauspielern. Bald wird diese Technologie auch für private Computerbesitzer erschwinglich sein, ebenso Programme, die Stimmen imitieren können. Dann könnte die Wirklichkeit kaum noch von der Lüge unterschieden werden, befürchten Pessimisten – und eine wirklich postfaktische Welt wäre ein Stück näher gekommen.

Information

Spektakuläre Fake-News-Fälle

30 Stunden lang war die 13-jährige Lisa Anfang 2016 verschwunden. Das russischstämmige Mädchen hatte anschließend behauptet, von arabischen Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden zu sein. Russische Medien griffen das Thema auf, machten massiv Stimmung gegen Flüchtlinge. Der russische Außenminister Sergej Lawrow unterstellte den deutschen Behörden, die Wahrheit zu vertuschen. Russlanddeutsche protestierten daraufhin in deutschen Städten gegen Kanzlerin Merkel, unterstützt von Rechtsextremen und AfD-Anhängern. Anhand der Mobilfunkdaten ermittelte die Polizei, dass Lisa in der fraglichen Nacht bei einem 19-jährigen Bekannten war. Sie habe sich wegen Problemen in der Schule nicht nach Hause getraut, erklärte sie später. Entführung und Missbrauch gab es nicht.

Die „Protokolle der Weisen von Zion“, die angeblich eine jüdische Weltverschwörung beweisen sollten, erschienen zum ersten Mal 1903 in einer russischen Zeitung. Sie bestehen hauptsächlich aus literarischen Texten. Dennoch werden sie bis heute unter antisemitischen Verschwörungstheoretikern als Beweise für ihre Behauptungen angeführt.

Nachdem Hacker im US-Wahlkampf Zugriff auf Mails von Hillary Clintons Wahlkampfmanager John Podesta erhielten und diese über WikiLeaks veröffentlichten, wurde auf den Internetplattformen 4chan und reddit das Gerücht verbreitet, Clinton sei Kopf eines Kinderpornoringes. Schaltzentrale sei angeblich das Pizzarestaurant Comet Ping Pong in Washington, dessen Besitzer mit Podesta in Kontakt stand. Rechte Seiten wie Infowars und „The New Nationalist“ verbreiteten die falschen Meldungen genauso wie Mitarbeiter aus Donald Trumps Wahlkampfteam. Obwohl die Polizei das Gerücht schnell dementierte, stürmte ein 28-jähriger Mann im Dezember das Lokal und schoss um sich. Verletzt wurde niemand, der Mann wurde nach einer Dreiviertelstunde verhaftet. In seiner Vernehmung gab er an, er habe „Pizzagate“ persönlich untersuchen wollen.

Im Dezember tauchte auf der Seite „AWD-News“ die (frei erfundene) Nachricht auf, dass der ehemalige israelische Verteidigungsminister Maoshe Yaalon Pakistan mit einem Nuklearangriff gedroht habe, falls das Land mit Bodentruppen in den Syrienkrieg eingreift. Auf diese Meldung reagierte der pakistanische Verteidigungsminister per Twitter mit dem Hinweis, dass auch sein Land eine Nuklearmacht sei. Das israelische Verteidigungsministerium dementierte eilig den Bericht.



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