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Fido und Maunzi auf Diät

Wenn Haustiere zu dick sind

Comic-Kater Garfields liebste Beschäftigungen: Fressen und Schlafen. Wer seine Katze liebt, sollte allerdings darauf achten, dass Mieze sich auch genügend bewegt. Denn nicht nur viele Menschen werden immer dicker, auch bei Haustieren ist der Trend zum Übergewicht alarmierend. Deshalb gibt es in München derzeit eine spezielle Sprechstunde für besorgte Tierbesitzer. Eine Lektion für sie: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

veröffentlicht am 12.01.2018 um 06:30 Uhr
aktualisiert am 12.01.2018 um 12:20 Uhr

Nicht nur unschön, sondern auch ungesund: Hundehalter sollten dafür sorgen, dass ihre Vierbeiner nicht so dick werden wie dieser. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa/tmn
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Autor

Ortrud Büthe Redaktionsassistentin

Sir Henry weiß schon, was jetzt kommt. Widerstandslos wackelt er durch den Raum, mit seinem runden Leib und dem faltigen Gesicht. Er steigt auf die niedrige Waage und lässt sich dort plumpsen. Auf der digitalen Anzeige erscheint eine Zahl: 9,3 Kilogramm, so viel wiegt der rund zwölf Jahre alte Mops – zu viel für den kleinen Kerl. Sir Henry hat Übergewicht. Und das mag zwar drollig anzusehen sein, ist aber ein ernstes Problem.

Übergewicht schadet Haustieren genauso wie Menschen. Und genau wie beim Menschen sind immer mehr Hunde, Katzen und Kaninchen zu dick. Fast die Hälfte von ihnen hat Übergewicht, schätzt der Bundesverband Praktizierender Tierärzte. Die Tendenz sei steigend.

Nach Angaben des Instituts für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik an der Universität Leipzig werden für die Industrieländer Mitteleuropas mittlerweile rund 40 Prozent der Hunde und Katzen als übergewichtig eingeschätzt. „Man geht davon aus, dass heutzutage von den in Haushalten lebenden Hunden und Katzen circa 20 bis 30 Prozent mehr von Übergewicht betroffen sind als noch vor 50 Jahren“, sagt Cornelia Rückert, Mitarbeiterin am Institut.

Tierärztin Petra Kölle (l.) misst Katze Mausi: Sie ist zu dick. Diät-Futter soll ihr helfen, abzunehmen. Foto: Andreas Gebert/dpa/dpa-tmn
  • Tierärztin Petra Kölle (l.) misst Katze Mausi: Sie ist zu dick. Diät-Futter soll ihr helfen, abzunehmen. Foto: Andreas Gebert/dpa/dpa-tmn

Diese Entwicklung ist gefährlich, denn Übergewicht erhöht das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf- und Gelenkerkrankungen. Katzen, die sich wegen ihres fülligen Körpers nicht mehr putzen können, bekommen häufig Blasenentzündungen. Bis zu zwei Jahre Lebenszeit kann Übergewicht ein Tier kosten.

Die Medizinische Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat deshalb eine spezielle Sprechstunde für besorgte Tierbesitzer eingerichtet. Nach ihren Angaben handelt es sich um Deutschlands erste klinische Sprechstunde zu Fettleibigkeit (Adipositas) von Hunden und Katzen.

Ein Patient ist Sir Henry. Er hatte 2016 schon einmal abgespeckt. Doch dann entdeckte der Zahnarzt einen Tumor in seiner Mundhöhle. Eine langwierige Behandlung begann, und Mops-Mama Uschi Ackermann versuchte, Sir Henry das Leben mit Leckerli so angenehm wie möglich zu machen. „Dann hat er wieder zugenommen“, erzählt sie heute.

Viele Besitzer meinen es gut mit ihren Vierbeinern. Liebe geht eben durch den Magen. Andere versuchten, mit Leckerli ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil Hund oder Katze nicht genug Auslauf bekommen, erklärt Astrid Behr vom Tierärzteverband. „Alle Tiere brauchen Auslauf, auch Wohnungskatzen“, betont sie. Doch wenn Herrchen und Frauchen den ganzen Tag arbeiten und erst abends nach Hause kommen, seien sie häufig zu erschöpft, um noch Jagdspiele mit dem Stubentiger zu veranstalten. Der bekomme dann zu fressen – bewege sich aber nicht und verbrauche keine Energie, sagt Behr.

Auslauf bekommt die schwarz-weiße Katze Mausi schon – im Garten von Petra K., die ihren vollständigen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Sie lässt sich in der Adipositas-Sprechstunde in München von Tiermedizinerin Petra Kölle Tipps geben, wie Mausi Gewicht verlieren kann. Die Katze sei schon mollig gewesen, als sie noch im Tierheim lebte, sagt Petra K. Als dann 2008 Mausis Schwester starb, habe das Tier getrauert und gejammert. Petra K. wollte helfen und fütterte sie mehr, woraufhin Mausi ruhiger wurde. So geriet der Kreislauf in Gang.

Aktuell bringt die Katze rund 6,7 Kilo auf die Waage. „Unser Ziel ist, dass sie unter fünf Kilo kommt“, sagt Ernährungsexpertin Kölle. Sie berechnet mithilfe eines Computerprogramms, wie viele Nährstoffe ein Tier braucht. Dann legt sie gemeinsam mit den Haltern einen Abnehmplan fest. Eine Maßnahme sei, kalorienarmes Futter selbst zu kochen. Eine andere, das gewohnte Futter um die Hälfte zu reduzieren und dann zum Beispiel mit Zellulose-Pulver anzureichern, damit es sättigt. Als dritte Möglichkeit kommen Diätfuttermittel infrage – also sogenannte Light-Produkte. Dabei sei allerdings Vorsicht geboten: Das kalorienarme Futter einer Produktlinie sei nicht zwingend das kalorienärmste Futter auf dem Markt, sagt Kölle.

Im Fall Mausi soll Diät-Futter helfen. Außerdem zeigt Kölle der Katzenhalterin eine Reihe spezieller Näpfe. Denn das Tier neigt zum Schlingen – ungewöhnlich für eine Katze. Die Anti-Schling-Näpfe sind mit Hindernissen ausgestattet, sodass die Katze das Futter mühevoll herausschlecken muss. Sie frisst dann langsamer, und damit bekommen Hormone, die dem Gehirn Sättigung melden, mehr Zeit.

Im Idealfall legt ein Tier gar nicht erst so viel Gewicht zu, dass es besonderer Näpfe oder eines Diät-Futters bedarf. Das heißt, Halter müssen standhaft bleiben, auch wenn die Katze den Türrahmen zerkratzt – wohlwissend, was sie damit erreicht – oder wenn der Hund aus großen, treuen Augen zum Herrchen aufblickt. „Man sollte das Futter rationieren und darf sich nicht erweichen lassen“, sagt Astrid Behr vom Tierärzteverband. Wenn Tiere gehegt und gepflegt werden, sei das natürlich gut – „aber das kann leicht ausufern“.

Im ländlich-niedersächsischen Weserbergland scheint das Problem allerdings nicht so alarmierend zu sein.

Dr. Susanne Wehrmann ist Tierärztin in Hameln. Sie kann die Einschätzung, dass es übermäßig viele zu gut genährte Hunde und Katzen gäbe, für ihren Bereich so nicht teilen. Aus ihrer Sicht häufen sich die Fälle fettleibiger Tiere in den Orten um Hameln oder Schaumburg nicht so sehr wie in Großstädten. „Wir leben auf dem Lande, da füttert man nicht so ausgeprägt.“ Viele ihrer vierbeinigen Patienten begleiten ihre Besitzer mit in den Garten, machen beim Jogging mit, sind ständig in Bewegung.

„Wer zu Hause feststellt, das Tier hat einen dicken Bauch, der sollte zunächst alle anderen Ursachen abklären, bevor er das Tier auf Diät setzt“, rät Wehrmann. „Gerade bei Katzen kann es sein, dass ein dicker Bauch auf die verschiedensten Krankheiten hindeutet, beispielsweise ist Bauchwassersucht nicht selten – oder auch Wurmbefall. „Vor der Diät sollte eine Blutuntersuchung gemacht werden“, erklärt sie. Ihre erste Maßnahme, wenn jemand mit einem übergewichtigen Tier in ihre Praxis kommt: „Erst einmal ein ausführliches Gespräch mit dem Halter führen.“ So erfahre man, ob und wie beispielsweise ein Hund als Freizeitpartner des Besitzers gehalten werde, wie er gefüttert werde, ob er von klein auf dort gelebt habe. All das sei wichtig zu wissen, um eine Entscheidung über eine mögliche Behandlung treffen zu können.

Häufig wird auch Kastration als Ursache ins Feld geführt, wenn es um Dickleibigkeit bei Katzen und Hunden geht. „Das ist unterschiedlich“, meint Wehrmann, „das hängt mit der Agilität der Tiere zusammen, ob sie eben mehr in der Nähe von Herrchen und Frauchen sitzen und damit an der Futterquelle“. Ist Dickleibigkeit erst einmal diagnostiziert, dann ist für Wehrmann „Kooperation“ das wichtigste Stichwort, die verschiedenen Beteiligten wie Besitzer, Hundeschule, Futtermittelhändler, sollten zum Wohl des Tiers zusammenarbeiten.

Die Bückeburger Tierärztin Vera Güldenhaupt sieht die Ursachen für das Übergewicht bei den Tieren in oftmals hoch konzentrierten Futtermitteln, zusätzlich würden dann noch Leckerli dazugegeben. „Die Tendenz ist zunehmend“, meint sie, aber auch sie winkt ab, was die Schärfe des Problems in Bückeburg und Umgebung betreffe, hier sei es noch nicht so gravierend. „In großen Städten“ könne sie sich allerdings vorstellen, dass Fettleibigkeit bei Hunden und Katzen durch zu energiereiches Futter stark zunimmt. Auch sie hält das Gespräch mit dem Tierhalter über das Futter für die erste und wichtigste Maßnahme. Ist eine krankheitsbedingte Zunahme ausgeschlossen, sei Diätkost angesagt.

Auch wenn hierzulande das Problem noch nicht allzu akut erscheint, wegen der möglichen Folgeschäden wie „Gelenkschäden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Kurzatmigkeit“ ist es keinesfalls verkehrt, das eigene Tier regelmäßig zu beobachten.

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