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Reisen mit Hindernissen im Reich von Pachamama

Wenn Kokabauern streiken

Die 27-jährige Rintelnerin Kristin Häfemeier ist freie Journalistin und seit Monaten mit ihrem Rucksack in der Welt unterwegs. Für unsere Zeitung berichtet Häfemeier unregelmäßig über ihre schönsten Stationen. Jetzt ist sie in Bolivien auf Achse.

veröffentlicht am 13.03.2018 um 17:18 Uhr

Riesige Berge bestimmen das Bild. Kristin Häfemeier scheint die Höhenluft nichts auszumachen. Foto: KH

Autor:

Kristin Häfemeier
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Ich stehe am Busbahnhof der Stadt Cochabamba und stecke fest. Mitten in Bolivien. Seit fast einer Woche fahren von hier aus keine Busse mehr weiter in Richtung Westen. Doch genau dort muss ich hin, um in wenigen Tagen meinen Flug für einen zweiwöchigen Zwischenstopp in Deutschland zu erwischen. „Die Kokabauern blockieren die einzige Route nach Santa Cruz“, höre ich, egal, an welchem Fahrkartenschalter ich nachfrage. Kokabauern sind Menschen, die vom Anbau des Koka-Strauchs leben. Warum oder wie lange sie die Straße nach Santa Cruz blockieren, kann mir niemand sagen. Zusammengefasst heißt das also: Ich hänge wegen einer Pflanze auf unbestimmte Zeit mitten in Bolivien fest.

Die Kokablätter sind mir schon zuvor auf meiner Reise durch Peru und Bolivien begegnet. Koka wird traditionell in mehreren Anden-Ländern angebaut und hilft unter anderem gut gegen Höhenkrankheit. In Peru und Bolivien gibt es Orte, die auf mehr als 3000 Metern über dem Meeresspiegel liegen und immer noch zu 6000er Berggipfeln aufblicken können.

Die getrockneten Kokablätter sind in diesen beiden Ländern allgegenwärtig. Auf der Straße sehe ich viele Menschen Kokablätter wie Kaugummi kauen und in Hostels oder am Flughafen liegen lose Blätter zum Mitnehmen aus. „Steck das Blatt einfach in die Backentasche und spuck es nach einer Stunde wieder aus“, hat mir zwei Wochen zuvor ein Fahrer in der Salzwüste Uyuni geraten. Neben dem Schaltknüppel steht ein riesiger Sack getrockneter Kokablätter. Er schiebt sich alle paar Minuten ein Blatt in den Mund und schwört, dass es die Konzentration fördert und dich wach hält.

Südamerika bietet viele magische Momente, hier der Sonnenuntergang bei Salar de Uyuni. Foto: kh
  • Südamerika bietet viele magische Momente, hier der Sonnenuntergang bei Salar de Uyuni. Foto: kh
Begegnung mit einer Patchworkfamilie: Der Vater ist Bolivianer, die Mutter Österreicherin. Foto: KH
  • Begegnung mit einer Patchworkfamilie: Der Vater ist Bolivianer, die Mutter Österreicherin. Foto: KH
Impressionen vom Titicacasee. Der See liegt 3812 Meter über dem Meeresspiegel und gehört halb zu Peru und halb zu Bolivien. Foto: kh
  • Impressionen vom Titicacasee. Der See liegt 3812 Meter über dem Meeresspiegel und gehört halb zu Peru und halb zu Bolivien. Foto: kh

Auf einem Spaziergang durch mein unfreiwilliges Ziel Cochabamba grübele ich über mögliche Lösungen nach, als ich auf eine große Ansammlung von Polizisten treffe. Vielleicht kann mir ja mein Freund und Helfer ein paar mehr Informationen geben. Doch alles, was ich aus einem verschlossenen Polizisten herausbekomme, ist, dass es ein neues Koka-Gesetz gibt, mit dem die Bauern nicht einverstanden sind. Nun bin ich erst recht neugierig, was hier eigentlich los ist. Mit einem Blick auf den Stadtplan beschließe ich, mir selbst Antworten zu suchen. Auf zur Uni! Vielleicht kann mir dort jemand weiterhelfen.

Wir sind alle über Pachamama (Mutter Erde) miteinander verbunden.

Rogelio, Musiker

Auf dem Unigelände in Cochabamba halten sich tatsächlich gerade recht viele Menschen auf. Mit suchendem Blick nach einer Informationsquelle laufe ich an Handyzombies, Pärchen und halbstarken Proleten vorbei. Wer könnte mir wohl etwas erzählen wollen? Im Teil der Humanwissenschaften blickt schließlich ein Typ mit Dreadlocks vom Bau seiner Tüte auf. Unsere Blicke treffen sich. Er lächelt. Perfekt! Ich habe meine Informationsquelle gefunden. Er ist tatsächlich sehr auskunftsfreudig und erzählt mir, dass bei der Kokapflanze der Bezug zum Kokain das Problem ist. „Die getrockneten Blätter sind ungefährlich, aber in einer chemischen Reaktion kann man aus den Kokablättern Kokain gewinnen“, erklärt mir der Politikstudent. In Bolivien leben sehr viele Menschen vom Anbau der Kokapflanze. Um den Kokaanbau zu beschränken, darf nur in bestimmten Gebieten Boliviens Koka angebaut werden. Selbst in diesen legalen Anbaugebieten darf ein Bauer nicht mehr als fünf Hektar Koka anbauen. Nun wird seit 30 Jahren das erste Mal das Kokagesetz geändert. Mit dem Gesetz werden die legalen Anbauflächen von 12 000 auf 22 000 Hektar erhöht – das aber nur in bestimmten Regionen. Die Bauern aus den benachbarten, dann illegalen Regionen, würden auch gern legal Koka anbauen. Deshalb gäbe es die Blockade.

Während mein neuer Dreadlock-Freund in Seelenruhe den Joint fertigdreht, erzählt er mir, dass viel vom angebauten Koka selbstverständlich zu Kokain weiterverarbeitet würde. „Das meiste Kokain wird aber exportiert. In der Bevölkerung gibt es nicht wirklich ein Drogenproblem.“ Welch Situationskomik!

Nur wenige Stunden später lerne ich, dass ich aufhören sollte nach Antworten zu suchen. Das Leben lässt mir sowieso viel bessere Gesprächspartner zufliegen, als ich sie mir selber suchen könnte. Es ist 6 Uhr morgens, ich löse mein Problem mit einem Inlandsflug und sitze im Flieger nach Santa Cruz neben Carlos, einem sehr gesprächigen Polizisten aus der Abteilung Drogenfahndung.

„Streik hin oder her – die Bauern aus den illegalen Gebieten werden auch in Zukunft Koka anbauen, aber legal ist es natürlich besser.“ Denn die fünf Hektar bringen den Bauern auf ganz legale Weise viel Geld: Viermal im Jahr können sie ernten. Von fünf Hektar bekommen sie in etwa zehn Säcke Kokablätter à 20 Kilogramm. Ein Sack bringt ihnen umgerechnet knapp 150 Euro. Sprich: Im Jahr verdient ein legaler Kokabauer fast 6000 Euro. In Bolivien ist das viel Geld.

Von dem angebauten Koka in Bolivien werden laut Carlos aber nur zehn Prozent für die ungefährlichen Kaublätter genutzt, 90 Prozent werde zu Kokain weiterverarbeitet. Dass in den illegalen Gebieten, in denen jetzt gestreikt wird, trotzdem Koka angebaut werden kann, schreibt Carlos der Regierung zu. Ihm und seinen Kollegen aus der Drogenfahndung fehlten Geld und die richtigen Konzepte. Seine Arbeit sei oft ein Tropfen auf den heißen Stein. Auf seinem Handy zeigt er mir Fotos von legalen Säcken mit Stempel und Papieren, Fotos von illegalen Säcken, versteckt in der unteren Etage von Langstreckenbussen oder in bis unters Dach vollgestopften Jeeps. Schließlich zeigt mir Carlos Fotos von einem großen Feuer irgendwo mitten im Dschungel. „Wenn wir eine Kokainfabrik finden, dokumentieren wir alles und verbrennen sie.“ Eine „Fabrik“ das seien lediglich ein paar Fässer mit Chemikalien und Säcke mit Kokablättern. „Die zu finden, ist im Dschungel fast unmöglich“, sagt Carlos. Ich blicke aus dem Flugzeugfenster – so weit das Auge reicht, erstreckt sich unter uns der Amazonas-Regenwald.

Ich habe die streikenden Koka-Bauern erfolgreich hinter mir gelassen und verbringe die letzten Tage in Bolivien im Dorf Samaipata. Beim Frühstück treffe ich eine österreichisch-bolivianische Patchworkfamilie, die in den Sommerferien Papas Familie in Bolivien besucht. Sie haben ein Problem: Der Umschlag mit dem getauschten Geld liegt zu Hause in Österreich. Sie haben lediglich Euro dabei. Mit ihrer Masterkarte können sie in diesem Dorf aber kein Geld abheben – da funktioniert nur die Visakarte.

Ich habe eine Visakarte und brauche ab übermorgen sowieso erstmal Euro. Also biete ich meine Hilfe an. Sie freuen sich wahnsinnig und würden mich vor lauter Dankbarkeit am liebsten mit zur Familie nach Cochabamba einladen. Wir unterhalten uns weiter. Rogelio, der bolivianische Vater, ist vor 28 Jahren wegen der Musik nach Österreich gekommen. Was nicht heißen soll, dass er unbedingt mal ein Jodelkonzert live hören wollte. Nein, Rogelio kam mit traditioneller Andenmusik im Gepäck. Er war Schüler der Musikgruppe Kjarkas – der berühmtesten Gruppe andinischer Folklore – und kam auf Einladung einer Band, die bereits in Österreich spielte. Rogelio fragt nach meinem Beruf und ich umreiße kurz meine Situation: gerade fertig mit der Journalistenschule, will erstmal reisen. „Mal schauen, wie gut es danach mit der Jobsuche klappt.“

„Du wirst keine Probleme haben“, versichert er mir. Naja, so ganz blauäugig bin ich dann doch nicht. „Abwarten. Einfach wird der Einstieg auf keinen Fall“, antworte ich ihm. „Nein, nein. Du verstehst mich nicht. Du wirst keine Probleme haben. Weißt du, meine Mama ist vom Volk der Quechua und sie hat mir als Kind beigebracht: ‚Wenn dir jemand ganz uneigennützig hilft, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, musst du fest an diese Person denken. Denn wir sind alle über Pachamama (Mutter Erde) miteinander verbunden und egal, wo auf der Welt sich diese Person befindet, werden ihr dadurch die Probleme und Hindernisse im Leben aus dem Weg geräumt.‘ Und weißt du Kristin – ich werde ganz fest an dich denken.“

Ich habe keine Ahnung, wie groß meine Probleme und Hindernisse bei der Rückkehr sein werden. Aber für Begegnungen wie diese werde ich sie gern in Kauf nehmen.




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