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Biker werden als Gäste umworben

Weserbergland legt sich in die Kurve

WESERBERGLAND. Auf den beliebten Routen im Harz und Weserbergland legen sich die Motorradfahrer jetzt wieder in die Kurven. Die Hoteliers und Gastronomen im südlichen Niedersachsen umwerben die Biker zunehmend als Gästegruppe. Was ist wichtig in einem motorradfreundlichen Betrieb?

veröffentlicht am 15.04.2019 um 17:02 Uhr
aktualisiert am 15.04.2019 um 20:00 Uhr

Die Straße über den Ith und andere Gebirgsrouten sind bei Motorrad-Reisenden beliebt. Der Tourismus im Weserbergland und im Harz möchte davon verstärkt profitieren – auch wenn manche Biker durch Raserei und Lärmbelästigung in der Kritik stehen. Foto:

Autor:

Michael Evers
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Zum Beginn des Frühlings und bei sonnigem Wetter starten viele Motorradfahrer in Niedersachsen in diesen Tagen wieder in die Saison. Beliebt sind die kurven- und bergreichen Strecken im Harz und im Weserbergland. Auch wenn die Biker mancherorts mit rasantem Fahrstil und lärmender Maschine als Belästigung gesehen werden, haben etliche Tourismusbetriebe die Ausflügler mit Montur und Helm inzwischen als Kundschaft entdeckt. Der ADAC sowie der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) haben in Niedersachsen mit der Zertifizierung motorradfreundlicher Hotels begonnen. Obwohl das Hobby kostspieliger wird, ist die Zahl der zugelassenen Maschinen in Niedersachsen leicht gestiegen.

„Wir sind im Bereich Weser-Ems gestartet und weiten das jetzt auf ganz Niedersachsen aus“, berichtet Dehoga-Sprecherin Sarah Schulz. Demnächst wird in Altenau im Harz ein weiteres Hotel zertifiziert. „Bett-und-Bike“-Angebote für Fahrradtouristen gebe es seit langem, nun würden die Hotels ermuntert, sich auch auf Motorradtouristen als besondere Gästegruppe einzurichten. Die wünschen sich abschließbare Unterstände für die Maschinen sowie die Möglichkeit, am Ende des Tages die regennasse Kleidung zum Trocknen aufzuhängen. Auch Hinweise auf den nächsten Werkstattservice, wenn es etwas zu schrauben gibt, seien für die Biker-Kundschaft hilfreich.

Landesweit hat die Tourismus Marketing Niedersachsen die Biker noch nicht als Zielgruppe auf dem Radar, wie eine Sprecherin sagt. Anders ist das in den von den Motorradfahrern bevorzugten Regionen. „Das ist ein touristischer Faktor, die Motorradfahrer sind uns lieb und teuer“, betont in Goslar die Geschäftsführerin des Harzer Tourismusverbandes, Carola Schmidt. „Wir haben Hoteliers, die sich auf die Gruppe spezialisiert haben.“ Auch entlang der Routen, die die Biker als Tagesausflügler absolvieren, profitiere die Gastronomie. Sowohl über Quartiere als auch über Routen informiert der Tourismusverband im Netz. Und zum Saisonstart gibt es den Appell, vorsichtig zu fahren. Auch wenn im Tal bereits die Sonne scheine, könne es auf den Bergstrecken nassfeucht sein, weiß Schmidt.

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Vor dem Start den Stecker ziehen … Elektrische Motorräder haben noch Exotenstatus. Foto: Zero Motorcycles/dpa

„Es gibt Motorradhotels“, berichtet auch die Geschäftsführerin der Weserbergland Tourismus, Petra Wegener, in Hameln. Motorradgruppen, die zu Touren in die Region kämen, übernachteten oft auch gerne. Tagesausflügler, die der Gastronomie Umsatz bescherten, steuerten besonders Attraktionen wie den Köterberg oder die von Serpentinenrouten geprägte Gegend um Bodenwerder an. Manche Orte sehen sich am Wochenende dann durch den Lärm der Maschinen belästigt.

Nach ADAC-Kenntnis liegt das Durchschnittsalter der Motorradfahrer inzwischen bei über 45 Jahren. Es gebe viele Wiedereinsteiger, junge Leute könnten sich das kostspielige Hobby inzwischen viel seltener leisten. Die heutigen Maschinen mit einem technisch sehr hohen Standard kosten entsprechend. Schon der Führerschein, für den auch einiges zu zahlen sei, liege bei jüngeren Fahrern nicht mehr so im Trend wie früher, sagt ADAC-Sprecherin Alexandra Kruse. Die klassischen Motorradclubs seien auch dünner gesät als in der Vergangenheit. Weiterhin ist der Anteil der Männer am Lenker noch deutlich höher als der der Frauen. Die Zahl der zugelassenen Maschinen nimmt dennoch leicht zu, wie aus Daten des Kraftfahrtbundesamtes hervorgeht. Anfang 2019 waren in Niedersachsen 423 125 Krafträder zugelassen, ein Prozent mehr als im Jahr zuvor. Bundesweit lag der Anteil der weiblichen Halter von Motorrädern bei 13,3 Prozent.

Gleich zum Saisonauftakt gab es wieder erste typische Motorradunfälle. Etwa in Wolfenbüttel, wo ein 18-Jähriger nach einem Wheelie – das leichtsinnige Fahren nur auf dem Hinterrad – gegen ein Auto knallte. Bei Drage starb ein Motorradfahrer bei einem Überholunfall. In einer Kurve bei Menslage schleuderte ein 64-Jähriger in den Gegenverkehr und wurde tödlich verletzt. ADAC und Polizei rufen die Motorradfahrer und auch die anderen Verkehrsteilnehmer deshalb – wie schon so oft – zu besonderer Vorsicht und Rücksicht auf.

Information

Fahrräder, Roller und Autos fahren mittlerweile immer öfter elektrisch. Doch wie ist das bei Motorrädern? Ein Antrieb ohne das in Bikerkreisen offensichtlich so beliebte Knattern und Aufheulen könnte die Akzeptanz bei Anwohnern von typischen Motorradstrecken erhöhen – im Sinne des Tourismus. Doch auf dem Motorradsektor scheint die Elektrifizierung nur schleppend voranzukommen. „Es gibt zwar eine größere Anzahl von Herstellern, die kleinere Elektroroller auf dem deutschen Markt anbieten“, sagt Michael Lenzen. „Das Angebot elektrisch angetriebener Motorräder bleibt bisher aber sehr überschaubar“. Mit der US-Marke Zero gebe es aktuell nur einen Hersteller, der alltagstaugliche und bezahlbare Elektromotorräder in Deutschland anbiete und in nennenswerten Stückzahlen verkaufe, so der Vorsitzende des Bundesverbands der Motorradfahrer.

„Die Marke wurde 2006 in Kalifornien von einem ehemaligen Nasa-Ingenieur gegründet und führt im Portfolio Modelle für verschiedene Einsatzgebiete, wie Straße oder Gelände“, erklärt Rainer Gurke, Motorradtrainer beim Auto Club Europa (ACE). Er verweist darauf, dass die Motoren aus deutscher Fertigung stammen. Der Einstiegspreis für eine Zero liegt bei etwa 12 000, der für das Topmodell SR/F bei 26 000 Euro. Im Luxussegment bietet der italienische Hersteller Energica mit den Modellen Eva und Ego zwei Bikes an, „die auch ambitionierte Sportfahrer zufriedenstellen können“, meint Gurke. Das gelte auch für die LS-218 der US-Marke Lightning, ein Supersportler mit 150 kW/204 PS. Damit sind laut Hersteller im speziellen Renntrimm knapp 351 km/h drin. Mit dem größten Akku sollen Biker bis zu 290 Kilometer weit kommen. Die Kosten: je nach Akku zwischen umgerechnet ab 34 421 und 41 502 Euro.

Der erste, bisher aber auch einzige namhafte Motorradhersteller, der sich in Sachen Elektromobilität vorwage, sei Harley Davidson, verweist Lenzen auf das Modell LiveWire, „das die Amerikaner noch in diesem Jahr auf den deutschen und europäischen Markt bringen wollen, zu einem Preis von über 30 000 Euro“. Dafür, dass sich andere zurückhalten, sieht Wulf Weis gute Gründe: „Gerne werden E-Mobile, ob nun Autos oder Motorräder, mit verlockenden Reichweitenangaben in Kilometer beworben. Diese sind aber ungefähr so glaubhaft wie die Verbrauchsangaben von Verbrenner-Autos“, sagt der Leiter des Test- und Technik-Ressorts der Zeitschrift „Motorrad News“. Auch Gurke sieht in der Kapazität der Lithium-Ionen-Akkus den größten Spielverderber beim elektrischen Motorradfahren. „Bei zügiger Gangart hat man eine Reichweite zwischen 90 und 150 Kilometer – Wochenendtouren fallen damit schon einmal weg“.

Längerfristig sind Hoteliers und Betreiber von Ausflugsgaststätten aber wohl gut beraten, ihren Auto, Motor- und Fahrradkunden Lademöglichkeiten zu bieten. dpa/mafi




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