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Erinnerungen an Franz Fritz Freiherr von Dücke

Wie ein Bückeburger Politiker fast eine Seilbahn bauen ließ

Franz Fritz Freiherr von Dücker (1827-1892) war nicht nur ein genialer Erfinder, sondern auch ein hochrangiger Politiker. Heute ist er fast in Vergessenheit geraten, dabei wäre er fast als Verwirklicher des Porta-Seilbahn-Projekts in die Geschichte eingegangen. Die Pläne zu diesem Warentransport über die Weser scheiterten jedoch Mitte des 19. Jahrhunderts.

veröffentlicht am 25.03.2018 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 26.03.2018 um 17:43 Uhr

Das letzte Domizil des Freiherrn von Dücker in Bückeburg ist heute Standort der Musikschule „Schaumburg Märchensänger“. Foto: gp

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Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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An der westfälischen Pforte dreht sich derzeit alles ums Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Nach Abschluss der seit Monaten laufenden, mehr als 16 Millionen Euro teuren Rundumerneuerung wird ein weitaus größerer Besucheransturm als bisher (etwa 150 000 im Jahr) erwartet. Vorsorglich sollen mehr Parkplätze angelegt und eine Shuttle-Bus-Verbindung auf den Wittekindsberg hinauf eingerichtet werden. Im Gespräch ist auch ein Vorschlag des Portaner Bürgermeisters Bernd Hedtmann, das Gros der Touristen von Hausberge aus mittels Drahtseilbahn nach oben zu schaffen.

Was viele nicht wissen: Die Idee des örtlichen Stadtoberhaupts ist nicht neu. Um ein Haar wäre an dieser Stelle schon vor gut 150 Jahren eine Schwebebahn gebaut worden. Es wäre das erste Transportmittel dieser Art weltweit gewesen und hätte die Porta nicht nur wegen ihrer landschaftlichen Besonderheit, sondern auch als Premieren-Standort einer sensationellen technischen Neukonstruktion attraktiv gemacht. Und wer weiß – vielleicht würden die heutigen Touristen bei ihrem Besuch nicht nur das 1898 errichtete Standbild eines deutschen Monarchen bestaunen können, sondern auch etwas über den Ingenieur Franz Fritz Freiherr von Dücker (1827-1892) erfahren. Interessant und bedeutsam genug wäre der Nachfahre eines münsterländischen Adelsgeschlechts allemal. Von Dücker war nicht nur ein genialer Erfinder, sondern auch ein hochrangiger Politiker. Nachdem er seinen Job als preußischer Staatsdiener an den Nagel gehängt hatte, verlegte er seinen Wohnsitz nach Bückeburg und zog für das Fürstentum Schaumburg-Lippe in den Deutschen Reichstag ein.

Anlass und Auslöser des 1861 geplanten Porta-Seilbahn-Projekts war der wirtschaftliche Zwang, den Warentransport über die Weser hinweg komfortabler und kostengünstiger zu machen. Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich beiderseits des Flusses Bergwerks- und Hüttenbetriebe angesiedelt. Eine Brücke gab es noch nicht. Mehrere Versuche, dies angesichts des neuen Massentransportaufkommens zu ändern, stießen beim Betreiber der Fähre auf erbitterten Widerstand. Der Traum vom Industriezentrum Porta drohte an einer mittelalterlichen Lizenz („Gerechtsame“) zu scheitern. Da traf es sich gut, dass just zu dieser Zeit im nahe gelegenen Bad Oeynhausen eine neuartige, bis dato unbekannte Transporttechnik ausprobiert wurde. Quer durch den Kurpark war ein 170 Meter langes, umlaufendes und durch Stützmasten gehaltenes Stahlseil gespannt. Darauf fuhr ein an einer Rolle aufgehängter, kabinenförmiger Korb hin und her. In Bewegung gehalten wurde der Seilumlauf durch eine Dampfmaschinenanlage (Lokomobil). Die Kurgäste kamen aus dem Staunen nicht heraus. Einige besonders wagemutige sollen sogar eingestiegen und ein Stück mitgegondelt sein.

Die ersten Pläne des Drahtseilbahn-Erfinders. Foto/Repro: gp
  • Die ersten Pläne des Drahtseilbahn-Erfinders. Foto: Repro/wg
Franz Fritz Freiherr von Dücker (1827-1892). Foto/Repro: gp
  • Franz Fritz Freiherr von Dücker (1827-1892). Foto: Repro/wg

Ausgedacht hatte sich das Ganze ein 30-jähriger, als leidenschaftlicher Tüftler bekannter Beamter der preußischen Bergbauverwaltung. Der junge Mann war von seinen Vorgesetzten zur Leitung und Überwachung der „Königlichen Saline Neusalzwerk“ in der Badestadt abkommandiert worden. In seiner Freizeit gab er sich seiner Lieblingsbeschäftigung hin. Wenn es gelungen sei, Menschen und Waren mittels Kutschen, Kähnen und Dampfzügen über Straßen, Flüsse und Schienen zu transportieren, dann müsse es auch möglich sein, sie durch die Luft schweben zu lassen, so die Ausgangsidee des Oberbergamts-Referendars. An sich selbstständig fortbewegende Kraft- und Luftfahrzeuge dachte damals noch keiner. Die Versuchsanlage in Oeynhausen sorgte weit über die heimische Region hinaus für Aufsehen.

Die Portaner „Gesellschaft für Bergbau und Hüttenbetrieb“ bot von Dücker an, auf ihre Kosten eine „richtige“ Seiltransportbahn zu bauen. 1861 wurden die Planungsunterlagen der königlich-preußischen Provinzialregierung in Minden vorgelegt und nach langem Hin und Her genehmigt. Zur praktischen Ausführung kam es jedoch bekanntermaßen nicht. Hauptgründe für das Scheitern waren die ängstlichen Reaktionen der behördlichen Gutachter und der anhaltende Widerstand des Fährbetreibers.

Nach dem Scheitern des Porta-Projekts wurde es auch um von Dücker zunehmend stiller. Da half es auch nicht, dass der sich längst auch auf anderen technischen und naturwissenschaftlichen Gebieten einen Namen gemacht hatte. Vor allem seine Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Geologie und des Bergfachs und insbesondere die wegweisenden Beiträge „Petroleum und Asphalt in Deutschland“ und „Die Eisperiode in Europa“ fanden europaweit Beachtung. Auch seine Seilbahn-Erfindung wurde wieder aufgegriffen. Immer öfter gingen neue, nach von Dückers in einer Fachzeitschrift vorgestellten Plänen (nach-) gebaute Anlage in Betrieb, ohne dass der Name des Ideengebers genannt wurde. Grund: Der von seinen Zeitgenossen als vornehm und zurückhaltend beschriebene Adlige hatte versäumt, seine Erfindung patentieren zu lassen.

Arbeits- oder gar mutlos wurde der allein schon wegen seiner Erscheinung auffällige Zwei-Meter-Mann deshalb allerdings nicht. Im Gegenteil. Kaum ein europäisches Land, in dem er nicht neuen Studien nachging und/oder als Berater unterwegs war. So war er unter anderem als Mitglied der preußischen Kommission für die Weltausstellung 1855 in Paris im Einsatz. Und 1871/72 half er der griechischen Regierung bei der Erforschung und Förderung der nationalen Bodenschätze.

So war es für viele überraschend, als sich von Dücker im Alter von gerade mal 46 Jahren aus seinem Ingenieurs-Dasein verabschiedete und sich in der damaligen Fürstenresidenz Bückeburg niederließ. Dort wohnte er mit seiner Frau Albertine und seiner verwitweten Schwiegermutter in einer 1873 erworbenen Nobelherberge an der heutigen Georgstraße. Das stattliche Gebäude, heute Heimat der Musikschule „Schaumburger Märchensänger“, war in der Stadt – in Anlehnung an den Namen der Hausherren – als „Villa Tina“ bekannt.

Von Bückeburg aus startete der sprachbegabte und hoch gebildete Frühpensionär eine beeindruckende politische Karriere. Sie führte ihn als Abgeordneten der national-liberalen Partei (NLP) bis nach Berlin. Von 1874 bis 1878 gehörte er über zwei Legislaturperioden hinweg dem deutschen Reichstag an.

Kurz darauf wurde er schwer krank und blieb während der letzten zehn Lebensjahre an den Rollstuhl gefesselt. Von Dücker starb 1892 im Alter von 66 Jahren und wurde auf dem reformierten Friedhof seiner Wahlheimatstadt begraben.




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