weather-image
23°

Ein Keller voller Schätze

Wilfried Ebecke über seine Leidenschaft für Flohmärkte

In diesem Keller ist der Mittsechziger in seinem Element. Vier grau geputzte Räume voll mit Regalen, Kartons, Kleiderstangen, alles vollgestopft mit Hemden, Unterhemden, Hosen, Jacken und Stiefeln – voll mit Sachen eben, die der Graubärtige gerne auf dem Flohmarkt unter die Leute bringt. Wilfried Ebecke ist ein kerniger Typ, witzig, aber auch ein bisschen eigenwillig mit seinem Spleen – und mag drei Dinge: Erstens Uniformen, zweitens jede Menge Militärklamotten und drittens alles, was sich auf Flohmärkten so verkauft wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.

veröffentlicht am 01.04.2019 um 18:10 Uhr

Wilfried Ebecke (66) auf dem Trödelmarkt in Bodenwerder. . Foto: Privat

Autor:

Fenja-Marie Giebel
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Mitten in dem Gewühl, das nur er selbst überschaut, steht, als sei sie aus dem Mittelalter in eben diesen Emmerthaler Keller gefallen, eine Art Schatztruhe. Braunes Holz, schwarze Beschläge, flacher Deckel. Ebecke öffnet das Schätzchen und lüftet eines seiner Geheimnisse: „Das ziehe ich an, wenn ich einmal im Jahr nach England zum Militärtreffen fahre“, sagt der 66-Jährige und zieht ein dunkelrotes Barett aus der Truhe und gibt den Blick auf Kampfanzüge der Bundeswehr frei.

Hier in diesen Kellerräumen lagern viele Dinge in Olivgrün, Regale voll bis unter die Decke, soweit das Auge reicht in dem mit Neonröhren ausgeleuchteten Kellerwinkeln. Nun wühlt Ebecke, der nach nur zwei Jahren, als Gefreiter bei der Bundeswehr, Anfang der 70er Jahre zur Deutschen Bahn ging, im hintersten Kellerraum in drei kleinen Pappkartons, in denen jede Menge Besteck klappert. Die Kartons stehen auf einer Werkbank, die wiederum mit allem möglichen Zeug so vollgestellt ist, dass man den Überblick verlieren könnte. Könnte. Ebecke behält den Überblick. Was er gerade sucht, sind seine gebrauchten Besteck-Sets der Bundeswehr. Und siehe da: „Da sind sie.“ Zum Glück, denn mit dem Frühling fängt der Trubel für den 66-Jährigen erst an. Seine Leidenschaft für Flohmärkte hat er mit seiner Rente Anfang 2017 entdeckt und ist hauptsächlich in Bodenwerder, Barntrup, Springe und Rinteln unterwegs – „nicht weiter als 30, 40 Kilometer“ halt. Das rentiere sich nicht. Aber die Märkte in der Umgebung nehme er alle mit.

Der ehemalige Fallschirmjäger verkauft seine eigene oder auch von anderen gebrauchte Militärkleidung sowie Neues aus dem heutigen Sortiment. Das macht seinen Keller auch so vielseitig. Klar, Olivgrün ist die Farbe, die überwiegt, aber von einfarbig bis zu jeder Menge verschiedener Tarnmuster, ist alles dabei – eine Art Zeitreise durch die Bundeswehr. Die Qualität sei trotz allem immer gut geblieben. „Fass mal an“, meint er mit strahlenden Augen und hält einen dicken Pullover aus Schurwolle hin. Er ist grob gestrickt und im besagten Grün mit einer Deutschlandfahne am Ärmel. Viele seiner Sachen, eben auch die Pullover, haben einen Aufnäher aus Klett, sodass das Dienstabzeichen angeheftet werden könne. „Es wird immer schwieriger, alte und besondere Sachen zu bekommen“, meint Ebecke. Wenn man seine Kellerräume überfliegt, fällt es einem fast schwer, das zu glauben.

2 Bilder
Auch diese Stiefel werden auf dem Flohmarkt angeboten. Foto: fmg

Neben den unzähligen Panzerkombis und Uniformen hat er auch einiges an Zubehör in Regalen und riesigen Kartons verstaut: Klappspaten, Rucksäcke, Tarnnetze, Schlafsäcke, Verbandsmaterial – alles, was das Militärherz begehrt. Vereinzelt erspäht man sogar ein paar Badelatschen oder Hallenturnschuhe zwischen seinen Schätzen. Teilweise hat er noch Kleidungsstücke aus den sechziger Jahren, wie zum Beispiel „ein Fallschirmjäger-Blouson in Splittertarn von 1956“. Dieser hängt in einem kleinen, hellen Raum. Es wurden an beiden Seitenwänden und in der Mitte der Rückwand, in den Raum hinein reichend, jeweils zwei Kleiderstangen übereinander befestigt. Sie sind komplett voll, sodass einen der Raum förmlich erschlägt, wenn man durch die nicht vorhandene Tür tritt. Nebeneinander stehen ist da kaum möglich. Schätzungsweise 200 verschiedene Jacken hängen hier. Dick, dünn, kurz, lang, alt, neu: sämtliche Ausführungen.

Auf seiner eigenen Garderobe im großen Flur hängen mindestens vier Feldmützen der Bundeswehr, und seine Leidenschaft pflegt er bis in die Garage. Neben seinem Pkw besitzt er noch ein altes, kastiges Militärauto von Mercedes. „Das ist mein Wolf.“ Er nimmt die komplette Garage ein, sodass man sich vorbeiquetschen muss, um einen Blick reinwerfen zu können. Vorn eine einfache Fahrerkabine, alles in Schwarz. Dahinter eine große Ladefläche, auf der zwei Holzbretter liegen und hinten, der typische Ersatzreifen. Auch der Wolf hat Tarnmuster. Auf den Flohmärkten fällt Ebecke damit natürlich auf. Der eine oder andere entbiete sogar einen militärischen Gruß, wenn er auf den Platz gefahren kommt. Indem er das sagt, steht er auch schon kerzengerade neben seiner dunklen Couch und salutiert auf dem Wohnzimmerteppich, als wäre es das Normalste der Welt. Im Sommer könne er dann sogar „Cabrio fahren“, prahlt er. Dazu müsse er nur das Verdeck des Wolfs, das wie eine dicke Plane aussieht, abnehmen.

An Wilfried Ebeckes Stand könne man die Sachen auch umtauschen und anprobieren. „So was spricht sich rum.“ Ordnung und Sauberkeit zählen für ihn aber am meisten. Deshalb wasche und sortiere der 66-Jährige alles akribisch. Dann „sitzt er da mit einer Zahnbürste und seinen Stiefeln auf der Terrasse“ und schrubbe bis ins kleinste Detail die gekauften Stiefel, erzählt ein Nachbar. Das sei ihm sehr wichtig und fällt auch direkt auf, wenn man seine weiß geflieste Kellertreppe runtergeht. Am Ende, gegenüber der Treppe, hängt nämlich ganz allein ein dunkelblauer Mantel mit roten Akzenten auf einem Kleiderbügel – ordentlich, nicht eine Falte. Der ehemalige Fallschirmjäger zeigt stolz die Kennung des Mantels in einer Innentasche und erklärt, wie wichtig die einzelnen Zahlen zur Bestimmung des Alters und der Originalität seien.

Doch warum macht der Militärliebhaber sich überhaupt die ganze Mühe und geht auf Flohmärkte? „Kontakt mit Menschen“, so seine Aussage. Die Stimmung sei meistens sehr gut und „es entwickeln sich Gespräche“– „Wo hast du gedient?“ Dann erzähle man sich alte Geschichten aus der eigenen Zeit bei der Bundeswehr. Manchmal käme es sogar zum unterhaltsamen Kaffeetrinken bei Ebecke zu Hause. Mit den Flohmärkten Geld verdienen, sei für ihn nur Nebensache.

Oft erlebe er, dass die Märkte für die Menschen mittlerweile eine „Art Freizeitbeschäftigung“ geworden seien, gerade für Familien. Auch die „jungen Mädels“ reißen sich um Secondhand-Ware, erzählt er. An seinem Stand seien es gerade die alten Unterhemden mit Aufdruck, die die Mädchen haben wollen. Er zieht eins aus einem gefalteten Stapel in einem Schwerlastregal und präsentiert es mit Stolz. Es ist weiß und leicht gerippt. Der Aufdruck ist schwarz und zeigt den typischen Bundesadler. Zu Ebeckes nächsten Zielen gehöre Oberbayern. Dort wolle er jemanden besuchen und die Gelegenheit nutzen, um einen anderen Flohmarkt auszuprobieren. Über Ostern steuere er den Trödelmarkt am Weserufer in Bodenwerder an. „Bodenwerder ist super.“ Da könne man gut verkaufen und die Kunden seien oft sehr aufgeschlossen und für gute Gespräche und den einen oder anderen Witz zu haben. Die Sonne auf dem Flohmarktplatz scheine den ganzen Tag über und mache das Verkaufen umso schöner. Wilfried Ebeckes nächsten Märkte sind also geplant.

Mein Standpunkt

b




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare