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Spannende Funde halten Archäologen in Atem: Gräberfeld bei Kirchplatzsanierung geborgen

Wo kommen diese Skelette her?

Unter dem wachsamen Blick von Tobias Poremba gehen die Mitarbeiter der archäologischen Grabungsfirma konzentriert und behutsam vor. Überall dort, wo wieder alte Skelette auftauchen, wird geschabt und gekratzt, mit Handfegern und Pinseln freigelegt, was die Erde an der St.-Alexandri-Kirche in Eldagsen offenbart. Metalldetektoren kommen zum Einsatz, Messinstrumente, Fotoapparate. In dieser Dimension völlig unerwartet hat sich die Umgestaltung des Marktplatzes zu einem sensationellen wissenschaftlichen Projekt entwickelt.

veröffentlicht am 10.04.2013 um 09:40 Uhr

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Autor:

Markus Richter

Susan Demelius wirkt gespannt und gleichzeitig etwas beunruhigt. Die städtische Chefplanerin sieht die jahrelangen Ideen zur Umgestaltung des Marktplatzes – dem zentralen öffentlichen Projekt der Stadtsanierung – in ihrer jetzigen Form gefährdet. Es muss abgewogen werden, neue Fachleute sind vor Ort, die ihre Interessen vertreten. So wurden im Bereich der Apsis am rückwärtigen Ende vier Gruften entdeckt. Die lagen zum Teil nur zehn Zentimeter unter der Erde. Eigentlich soll dort alles bepflastert werden. Doch die Archäologen regen an, stattdessen einen Friedhof für die geborgenen Skelette einzurichten. Die Überreste von 30 Menschen – darunter auch zahlreiche Kinder – sind aus Schutz vor Hobby-Schatzjägern und Trophäensammlern sicher in der Kirche aufbewahrt. „Wir haben alles in Kisten verpackt“, sagt Grabungsleiter Poremba. Die Entdeckungen auf dem Kirchplatz in Eldagsen sind deutlich umfangreicher als erwartet: Archäologen haben bereits 30 Skelette geborgen, die die Archäologen momentan fachmännisch freilegen, untersuchen und katalogisieren – und das ist offenbar erst der Anfang. Die Beteiligten schätzen, dass „insgesamt bestimmt 50 Skelette freigelegt werden“ dürften. Sichtbar werden zudem auch Reste früherer Siedlungen.

Von wann genau die Funde stammen, ist noch unklar. Weder das Archäologen-Team noch die Stadt Eldagsen wollen dazu momentan etwas sagen. Unerwartet für die Experten, die ihr Team von anfangs zwei auf mittlerweile neun Leute aufgestockt haben, ist vor allem die niedrige Lage der alten Grabstätten. „Dass wir schon 20 Zentimeter unter der Grasnarbe menschliche Überreste gefunden haben, ist ungewöhnlich“, sagt Poremba. Einige bislang geborgene Knochen sind gut 300 Jahre alt – vermutlich werden die Arbeiten auch Skelette zutage fördern, die auf die Zeit vor 1000 Jahren datieren. Der lehmhaltige Boden sorgte dafür, dass die Knochen hervorragend erhalten sind.

Dass es rund um die historische Kirche, die urkundlich erstmals 775 erwähnt wird, entsprechende Funde geben könnte, war schon vor Beginn der Arbeiten vermutet worden. Auch deshalb hatten sich die Verantwortlichen für eine archäologische Begleitung des Stadtsanierungsprojekts entschieden. Vor Beginn der Grabungen hatten die Experten das Gelände mit speziellem Gerät untersucht. Nachdem die Baufirma dann ihre Arbeiten vorsichtig begonnen hatte, stieß man schnell auf die ersten Skelette, die nur 20 bis 30 Zentimeter und damit ungewöhnlich dicht unter der Erdöberfläche lagen. Zusätzlich stießen die Forscher auf mittelalterliche Fundamente und vier Gruften.

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  • Archäologin Jenny Wiese dokumentiert Ausgrabungsstellen. Hier im Südosten des Kirchturms wurden Fundamente alter Siedlungsstrukturen ausgemacht – darunter ein Brunnen, ein Keller und Keramikscherben.
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  • Grabungsleiter Tobias Poremba von der Grabungsfirma aus Isernhagen zeigt eine der vier entdeckten Gruften. Die Funde werfen eine Frage auf: Was wird nun aus der geplanten Umgestaltung werden? ric (2)

„Wie an einem Tatort“ sei die Situation in Eldagsen, sagt Friedrich-Wilhelm Wulf, dessen Landesamt für Denkmalpflege sich eingeschaltet hat. Er hatte mit einem Friedhof im Kirchumfeld gerechnet: „So etwas gab es bei jeder mittelalterlichen Kirche.“ Dafür, dass es sich um ein außergewöhnlich altes Gotteshaus handelt, spreche allein schon der Name: St. Alexandri ist einem Schutzheiligen gewidmet – ein Patrozinium aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts.

Wer die mysteriösen Toten sind, weiß zurzeit niemand. Möglich, dass alte Kirchenbücher Indizien liefern. Während Würdenträger – kirchliche Oberhäupter und andere angesehene Personen – üblicherweise direkt unter dem Gotteshaus beigesetzt wurden, galt der Bereich im Kirchumfeld als letzte Ruhestätte einfacher Leute.

Die Stadt fürchtet nun, dass in Eldagsen eine regelrechte Goldgräberstimmung ausbricht. Die Polizei fährt seit Auftauchen der ersten Funde zusätzlich Streife – wer das Gelände unerlaubt betritt, macht sich strafbar. Dabei sind gar keine Schätze zu erwarten, erklärt Wulf. „Christliche Grabstätten sind üblicherweise arm an Beigaben.“ Entdeckt wurde allerdings eine filigrane Totenkrone, ein bronzener Kopfschmuck, der vermutlich einer jung gestorbenen Frau zur Beerdigung aufgesetzt wurde. Außerdem bergen die Archäologen Überreste von Särgen – Beschläge, Griffe, Nägel.

Ihre Pläne zur Stadtsanierung sieht Eldagsen jedenfalls auf den Kopf gestellt. Fest steht schon jetzt, dass sich die Fertigstellung des Platzes verzögern wird – und den Steuerzahler zusätzlich kostet. Nach dem Denkmalschutzgesetz ist der Verursacher der Fundstelle in der Pflicht, die Ausgrabungen zu bezahlen. In diesem Fall die Stadt Eldagsen. Schon jetzt ahnt Demelius, dass das ursprüngliche Budget gesprengt wird. „Immerhin können wir Fördergelder für die Grabung beantragen.“ Beim ersten Spatenstich am 19. März hatte Bürgermeister Jörg-Roger Hische die Zuschauer noch zum Lachen gebracht: „Hoffentlich machen wir keine archäologischen Funde …“

Besichtigung: Zusammen mit den Archäologen lädt die Stadt Eldagsen für heute um 17 Uhr zu einer öffentlichen Führung über die Baustelle ein. Treffpunkt ist auf dem Parkplatz der Sparkasse in Eldagsen.

Eigentlich sollte der Kirchplatz in Eldagsen nur saniert werden. Doch es kam ganz anders: Aus der baulichen Sanierung wurde eine archäologische Überraschung und aus dem Kirchplatz ein Gräberfeld. Denn bei den Sanierungsarbeiten rund um die St.-Alexandri-Kirche sind Arbeiter auf 30 Gräber mit mehreren Jahrhunderte alten Skeletten gestoßen. Archäologen legen sie jetzt frei.




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