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Smartwatch-Anbieter konkurrieren um Kunden / Google will Android Wear als Standard-System etablieren

Der Kampf ums Handgelenk

Zunächst winkten die Uhren-Hersteller bei Smartwatches ab, jetzt rücken sie immer tiefer ins neue Geschäft vor. Druck machen dabei vor allem die Mode-Marken, die einen Massenmarkt bedienen. Und sie wollen Apple das Business nicht alleine überlassen.

veröffentlicht am 27.03.2017 um 16:16 Uhr

Die Apple Watch ist seit dem Start im Frühjahr 2015 der klare Marktführer. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Autor:

Andrej Sokolow

Computer-Uhren wurden erst als das nächste große Ding nach dem Smartphone gefeiert. Und dann als Flop abgestempelt, nachdem die Verkäufe der ersten Modelle sich in Grenzen hielten. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo dazwischen. Die klassische Uhr ließ sich nicht so leicht durch einen Computer vom Handgelenk verdrängen, wie mancher es prophezeit hat. Doch genauso sind Smartwatches weit davon entfernt, zur Sackgasse der Computer-Evolution zu werden.

Das liegt allein schon daran, dass die beiden großen Tech-Player in dem Bereich – Apple mit seiner Watch und Google mit der für alle Hersteller offenen Plattform Android Wear – ein Gerät am Handgelenk als gute Schnittstelle für ihre Assistenten ausgemacht haben. Siri ist seit der ersten Apple Watch im Frühjahr 2015 über die Uhr ansprechbar, Google baute den Assistant jüngst in Android Wear 2.0 ein.

„Wir sehen großes Potenzial, wie der Assistant hier wirklich nützlich sein kann – wenn er im richtigen Moment auf dem Handgelenk „anklopft“ und sagt: hier ist die Information“, sagt Android-Wear-Manager David Singleton. Und es sei ein natürlicher Platz für ein Mikrofon, um sich mit dem Assistenten zu unterhalten.

Rund 1,2 Milliarden Uhren werden pro Jahr verkauft, nur einige Dutzend Millionen davon sind bisher Smartwatches – und unter ihnen ist die Apple Watch seit dem Start im Frühjahr 2015 der klare Marktführer. Doch Google schaut nach vorn und will Android Wear – ähnlich wie die Smartphone-Version des Systems – als bevorzugte Plattform für die große Masse der anderen Hersteller etablieren. Doch die Smartwatch-Pioniere aus der Tech-Industrie tun sich in dem Marktsegment schwer. So stieg der einstige Google-Partner Motorola zum Beispiel schon wieder aus. Die Uhren-Hersteller hingegen sind empfänglich für die Google-Avancen. Mit TAG Heuer, Montblanc oder Movado setzen auch große Namen der Branche auf Android Wear, zumindest wenn sie das Terrain mit einzelnen Modellen erkunden.

Anbieter von Mode-Marken stürzen sich noch viel mutiger in den neuen Markt. So werden alle Männer-Modelle der Marke „Michael Kors“ künftig einen Chip oder einen Touchscreen haben. Dazu gehören unter anderem Hybrid-Uhren, die zwar ein Zifferblatt mit klassischen Zeigern haben, aber zum Beispiel Schritte zählen oder einen Knopf zum Auslösen der Smartphone-Kamera haben, sagte Michael-Kors-Chef John Idol bei der Uhrenmesse Baselworld. Der Modeuhren-Gigant Fossil, der neben Michael Kors klassische und vernetzte Uhren 18 weiterer Namen wie Skagen, Armani, Marc Jacobs oder Kate Spade produziert, setzt auch auf Android Wear.

Swatch, eine Bastion der Schweizer Branche mit klangvollen Namen wie Tissot, Omega, Longines oder Breguet will ohne Google auskommen. Swatch-Chef Nick Hayek kündigte eine eigene Plattform für vernetzte Uhren an.

In den Hallen der weltgrößten Uhrenmesse, an den „Ständen“, die eigentlich eher Mini-Versionen von Nobel-Boutiquen ähneln, stehen vernetzte Uhren immer noch selten im Mittelpunkt. TAG Heuer ist eine der Ausnahmen und die zweite Version seines Modells Connected dominiert die Präsentation. Firmenchef Jean-Claude Biver versucht, smarte und klassische Uhren im Leben seiner Kunden unterzubringen: Die Modular 45 gibt es ab 1400 Euro – für noch einmal so viel bekommt man auch eine mechanische Version, die man am Armband wechseln kann.

Exquisiter und vor allem sehr selten ist hingegen eine von Ferrari entworfene Uhr mit Schweizer Laufwerk der Firma Hublot, die Biver als Spartenchef des Luxus-Riesen LVMH beaufsichtigt. Von dem Modell wird es nur 70 Exemplare geben – eine Uhr für jedes Jahr, das es Ferrari gibt.

Google-Manager Singleton sieht allerdings auch bei kleinen Stückzahlen einen Ansatzpunkt für die Android-Plattform. „Von jeder Luxus-Uhr werden dramatisch weniger Exemplare verkauft als von günstigen Modellen. Bei diesen Stückzahlen würde sich der Aufwand für einen App-Entwickler nicht lohnen“, argumentiert er.

Und da komme der Vorteil einer einheitlichen Plattform ins Spiel. „Wir werden auch bei vernetzten Uhren große Preisunterschiede sehen“, zeigt sich Singleton sicher. „Denn etwas, was man am Körper trägt, wird man immer dafür nutzen, um seine Persönlichkeit und seinen Stil auszudrücken.“




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