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Einblick in Arbeitsbedingungen des deutschen Löschteams / Politik verstärkt Druck auf soziales Netzwerk

Facebook und die Fake-News

Politiker fordern von Facebook schon lange, härter gegen Hassreden im weltgrößten Online-Netzwerk vorzugehen. Seit etwa einem Jahr sind in Berlin Hunderte Menschen damit beschäftigt, Facebook-Beiträge zu sichten und zu löschen. Es sind Mitarbeiter der Firma Arvato, eines international tätigen Technologie-Dienstleisters, der zu Bertelsmann gehört.

veröffentlicht am 19.12.2016 um 18:48 Uhr

Neben Fake-News sind es vor allem sogenannte Hate-Posts wegen derer Facebook in Handlungszwang gerät. Foto: dpa

Autor:

Tim Braune, Andrej Sokolow und Nicole Trodler

Unter welchen Bedingungen das Löschteam arbeitet und nach welchen Kriterien gelöscht wird, wird unter Verschluss gehalten. Die Mitarbeiter dürfen über ihren Arbeitsalltag nicht reden. Zwei Reportern des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ ist es nach monatelangem Bemühen gelungen, Einblick zu erhalten.

Ihren Recherchen zufolge arbeiten mehr als 600 Menschen aus verschiedenen Ländern in der Berliner Löschzentrale. Sie sind nicht nur für Beiträge zuständig, die auf Deutsch verfasst werden, sondern decken beispielsweise auch die Sprachen Arabisch, Türkisch, Italienisch und Französisch ab. Im arabischen Team arbeiten auch Flüchtlinge aus Syrien.

Die Mitarbeiter, mit denen die beiden Reporter gesprochen haben, zeichnen ein düsteres Bild ihrer Arbeitsbedingungen. Das hat zu einem Großteil mit dem Gegenstand ihrer Arbeit zu tun, denn es müssen Beiträge gesichtet werden, in denen Gewalttaten detailliert gezeigt werden. Bilder und Videos von Mord, Folter, dem Missbrauch von Kindern stellen eine große Belastung dar. „Ich weiß, dass jemand diesen Job machen muss. Aber es sollten Leute sein, die dafür trainiert werden, denen geholfen wird und die man nicht einfach vor die Hunde gehen lässt wie uns“, wird ein Mitarbeiter zitiert.

Die Reporter nennen auch konkrete Zahlen zum Arbeitspensum. Demnach prüfen Mitarbeiter der untersten Hierarchiestufe täglich etwa 2000 Einträge. Die Entscheidung, ob gelöscht wird oder nicht, muss in etwa acht Sekunden getroffen werden.

Eine Stellungnahme zu der Kritik an den Arbeitsbedingungen gibt’s nicht. Die Firma Arvato, die mit Sichtung und Löschung beauftragt ist, verweist auf Facebook. Vom sozialen Netzwerk heißt es: „Dazu machen wir keine Angaben.“

Die deutsche Politik droht Facebook derweil mit hohen Bußgeldern, wenn Hassbotschaften nicht gelöscht werden. „Natürlich müssen wir am Ende auch über Bußgelder nachdenken, wenn andere Maßnahmen nicht greifen“, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) der „Süddeutschen Zeitung“. Dies wäre für das US-Unternehmen ein starker Anreiz zum raschen Handeln. Die Meinungsfreiheit habe eben auch Grenzen: „Beleidigungen, Volksverhetzungen oder Verleumdungen haben bei Facebook nichts zu suchen.“

Zudem wird in Deutschland vor dem Jahr der Bundestagswahl auch der Druck auf das weltweit größte Online-Netz stärker, härter gegen erfundene Nachrichten, sogenannte „Fake News“, vorzugehen. Im US-Wahlkampf hatten die gefälschten Nachrichtenartikel Hochkonjunktur, sie fielen zumeist zugunsten des künftigen Präsidenten Donald Trump aus. Facebook hat in der vergangenen Woche in einem Blog-Beitrag angekündigt, mehrere Maßnahmen im Umgang mit Fake-News treffen zu wollen.

Dazu gehört unter anderemdie Zusammenarbeit mit externen Fakten-Check-Spezialisten aus der Medienbranche. Wenn sich ein Beitrag als Fake herausstellt, soll dieser dann entsprechend gekennzeichnet werden und es soll nicht mehr möglich sein, diesen zu bewerben. Von einer Löschung des Fake-Beitrags ist jedoch keine Rede.

Außerdem soll es den Nutzern einfacher gemacht werden, einen Fake-Beitrag zu melden. Dafür seien mehrere Möglichkeiten im Test.

Auch die Algorithmen, die darüber entscheiden, welche Artikel im Newsfeed der Mitglieder auftauchen, sollen angepasst werden. Wenn ein Beitrag von Nutzern nicht geteilt wird, nachdem sie ihn gelesen haben, könne das als Warnsignal in die Gewichtung einfließen, erläuterte der zuständige Facebook-Manager Adam Mosseri.

Schließlich wolle Facebook konsequenter die Einnahmequellen der Autoren gefälschter Nachrichten austrocknen. Im US-Wahlkampf sollen einige ein gutes Geschäft damit gemacht haben, aufsehenerregende Nachrichten zu erfinden: Sie wurden von Nutzern angesehen und weiterverbreitet – und die dabei angezeigte Werbung ließ bei den Autoren die Kassen klingeln.

Alle angekündigten Maßnahmen sollen zunächst in den USA umgesetzt werden. Es bleibt abzuwarten, wann sie in Deutschland eingeführt werden.




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