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Nichts als die Wahrheit: Sind wir alle süchtig?

Und ewig lockt das Smartphone

Nichts als die Wahrheit lautet die neue Serie der Dewezet. Warum dies nicht zum Anlass nehmen, um sich mal selbst zu fragen: Geht das eigentlich noch — nicht mehr im Minutentakt aufs Smartphone zu starren und zu checken, ob vielleicht gerade in dieser Sekunde irgendwer geschrieben oder seinen Status geändert hat? Volontärin Franziska Winkler hat es getan.

veröffentlicht am 08.05.2017 um 10:59 Uhr
aktualisiert am 08.05.2017 um 17:29 Uhr

(Fast) unumgänglich: Der Blick aufs Smartphone. Foto: pixabay
Franziska Winkler

Autor

Franziska Winkler Redakteurin / Pressereferentin zur Autorenseite

In einer noch nicht allzu fernen Zeit — um genau zu sagen vor eineinhalb Jahren — besaß ich noch ein Sony Ericsson Handy, also ein richtiges Handy so ganz ohne Internet. Ich schrieb SMS und keine WhatsApp und ich war zufrieden. Ja, sogar glücklich, denn es machte super Fotos. Wenn das Ende einer Auktion bei eBay nahte, ich mich aber noch auf einer Wiese sonnte, schwang ich mich auf mein Rad und raste ins Studentenwohnheim, warf das Notebook an und loggte mich ein. Was war das für ein Kribbeln. Schaffe ich es noch rechtzeitig? Meistens habe ich das, manchmal aber auch nicht. Überlebt habe ich es immer.

Doch nach und nach hatten es auf einmal immer mehr meiner Freunde: das sogenannte Smartphone. Während sie mit geschmeidigen Fingern unzählige gratis WhatsApp auf ihrer digitalen Tastatur hin- und herschickten, musste jedes Wort meiner 19 Cent teuren und nur 160 Zeichen langen SMS wohlüberlegt sein. Das förderte zwar die Kreativität, war aber für den schmalen Geldbeutel nicht sehr zuträglich. Und so traf das Unvermeidliche ein: Ich kaufte mir ein Smartphone und das Drama unserer Kultur nahm seinen Lauf.

Jetzt frage ich mich regelmäßig: Warum ist am Ende des Datenvolumens noch so viel Monat übrig. Das Display des Telefons übt eine magische Anziehungskraft auf mich und Millionen meiner Zeitgenossen aus. „Du musst noch mal ganz kurz deine Mails/WhatsApp/Facebook/eBay/Kleiderkreisel und natürlich die Dewezet-Homepage checken“, sagt der kleine fiese Teufel zur Rechten, während das Engelchen links haucht: „Schonmal überlegt, dass du süchtig sein könntest? Ein Sklave der sozialen Medien bist?“ Tatsächlich — Krankheiten wie der Handy-Nacken, der durch den 45-Grad-Winkel, in dem wir den Kopf halten, wenn wir mit unserem Smartphone arbeiten, schmerzhafte Verspannungen bewirkt oder das „Phantom Vibration Syndrome“, das Gefühl, das Telefon würde vibrieren, obwohl dies nicht der Fall ist, kommen mir gar nicht mehr so lachhaft vor. Das Smartphone scheint uns auf viele Arten krank machen zu können.

Zu den eben aufgeführten Krankheiten gesellen sich noch Schlaflosigkeit, Smartphone-Akne oder -Ellbogen, WhatsAppitis (die starke Beanspruchung der Gelenke im Handbereich) und „Tangstgefühle“, die Angst keine Textnachrichten von seinen Freunden mehr zu bekommen. Nach einer aktuellen Studie von 2017 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) leiden 270000 Kinder und Jugendliche und damit jedes achte an Computerspiel- oder Internet-bezogenen Störungen. Das Hamburger Abendblatt stellte sogar die Frage in den Raum, ob Smartphones die Fixernadeln des 21. Jahrhunderts seien. Doch im Gegensatz zu Drogen wie Heroin oder Kokain würden sie zu keiner körperlichen Abhängigkeit führen, so Prof. Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen.

Eine psychische Abhängigkeit könne jedoch sehrwohl auftreten. Ernüchternd. Andere Studien, wie die, die unter der Leitung von James A. Roberts an der Baylor University in Texas /USA an 346 Studenten durchgeführt wurde, haben offenbart, dass besonders emotional instabile Menschen häufig ihr Smartphone checken, da es als eine Art Gute-Laune-Kick diene. Will man da wirklich dazugehören? Oder wie wär’s mit der Gruppe von Nutzern, die in Unterhaltungen lieber auf das Telefon schaut als in das Gesicht ihres Gegenübers — in der Populärsprache als „Phubbing“ (ein Kunstwort aus den Worten „phone“ und „stubbing“ = vor den Kopf stoßen) verpönt.

Manchmal vermisse ich tatsächlich diese Ungebundenheit. Während einer langen Zugfahrt einfach mal nur die Landschaft an einem vorbeisausen lassen, ohne den Blick zu Boden zu richten. Irgendjemand im Radio sagte einmal: „Vielleicht sitzt dir die große Liebe im Bus gegenüber, aber du merkst es nicht, weil du nicht in die Gesichter, sondern auf dein Smartphone schaust.“ Weise, dachte ich mir.

Also wage ich den Selbsttest und trenne für ein Wochenende das Internet in meinem Smartphone — nur anrufen soll man mich können. Ich habe geputzt, war einkaufen, bin Spazieren gegangen. Es geht also noch ohne. Erleichternd. Auch, wenn es am Montag hieß: Du hast 148 ungelesene Nachrichten. Die werde ich mal eben noch kurz checken.




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