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„Menschen im Hotel“ begegnen einander

Abgrundtiefe Einsamkeit

HAMELN. Ein Kolportageroman – und wie Vicki Baum anfügt: mit Hintergründen. „Menschen im Hotel“ wurde ihr erfolgreichster Roman, bereits 1929 erschienen, der ihr 1932 als Jüdin die Emigration nach Amerika erleichterte, wo ein Jahr zuvor die Broadway-Premiere ihres Romans gefeiert wurde. Nun war eine Interpretation des Stückes auf der Hamelner Bühne zu sehen.

veröffentlicht am 27.11.2018 um 16:23 Uhr

Das Rheinische Landestheater Neuss brachte das Schauspiel Menschen im Hotel von Vicky Baum auf die Hamelner Bühne. Foto: Björn Hickmann/ stage picture
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Autor

Richard Peter Reporter
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Eine ebenso pulsierende wie verrückte Zeit, diese „Roaring Twenties“ zwischen den Weltkriegen, in denen das Überleben exzessiv zelebriert wurde. „Von mir aus schlaft euch selber bei“ dichtete Erich Kästner. Der Zeitgeist kreißte und gebar das „Tausendjährige Reich“.

Was den Erfolg des Romans – am Montagabend als Bühnenbearbeitung mit dem Rheinischen Landestheater Neuss auf unserer Bühne – ausmacht: „Die große Welt“, von der Karl Kraus schrieb, dass er sie kannte, als sie noch „ganz klein“ war. Und die Drehtür „immerfort schaufelt diese Drehtür Menschen in das Hotel hinein, aus dem Hotel heraus“. Lebensgier und Resignation. Das Leben in Bruchstücken – und „abgrundtiefer Einsamkeit“. Begegnungen im Berliner „Grand Hotel“, Ende der Zwanzigerjahre. Alles Gestrandete – der junge Baron von Gaigern, der das berühmte Perlenhalsband der Primaballerina Grusinskaja stehlen will und dabei überrascht wird. Und Break: der Baron verliebt sich in den gealterten Star, dem nach einer schwachen, kaum besuchten Vorstellung dämmert, dass ihre große Zeit vorbei ist. Sie genießt die Nacht mit dem Beau, reist verjüngt zum nächsten Engagement.

Von Gaigern stirbt von der Hand des Generaldirektors Preysing, dessen Firma vor dem Ruin steht und angeblich in Notwehr gehandelt hat. Wo er doch gerade „Flämmchen“ für eine Englandreise engagiert hatte – Erotik inklusive. Und die: attraktiv, jung, die ihre Reize pragmatisch und gewinnbringend einsetzt ˜– sich zuletzt mit dem todkranken Kringelein verbindet, der für seine letzten Tage seine Ersparnisse auf den Kopf haut. Schließlich Dr. Otternschlag, von Kriegsverletzungen entstellt, für den sich nichts ändert, wie auch für den Portier Senf.

Romane haben – ganz ähnlich dem Theater – ihre eigene Dramaturgie. Es beginnt reizvoll mit einem eingefrorenen Bild und rhythmisierten Sprachfetzen – bis Kringelein die erstarrten Posen aufbricht - sich die Protagonisten positionieren. Und genau da verliert die Regie von Marlene Anna Schäfer die Kontur, gewinnt Stilisierung ein Eigenleben, aus dem das Stück nicht mehr herausfindet. So faszinierend die Textbausteine, die bei den Figuren, die sich selbst zitieren, quasi in die dritte Person verwandeln - aber auch jeder über jeden Romantexte zitiert. Gewolltes Durcheinander – unterbrochen nur durch Dialogszenen, wie zwischen von Gaigern und der Grusinskaja oder Flämmchen und Preysing. Dazwischen beeindruckende Soli von Stefan Schleue als Kringelein, aber auch Katharina Dalichau als Grusinskaja.

Und schlicht zu bekennen: das Panoptikum der Einsamen zieht sich manchmal, so perfekt Songs und Band mit Harfe, Geige und Schlagzeug eingesetzt werden. Hubertus Brandt als von Gaigern, Typ anständiger Dieb und glaubhaft Verliebter. Teresa Zschernig als Flämmchen, die real auf Sex setzt, Preysing, alias Peter Waros, ein Kotzbrocken, Jan Kämmerer als Dr. Otternschlag, der philosophisch die Hintergründe bedient und Pablo Guaneme Pinilla als Portier Senf.

Der Schluss wie der Anfang – nur umgekehrt: Text-Bruchstücke und das Licht, das sich ausblendet. Ein bisschen viel Konstrukt und zu wenig „Menschen im Hotel“ – wo es doch sonst so menschelt.




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