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Ein sperriges Erbe

Alexander Solschenizyn wurde vor 100 Jahren geboren

MOSKAU. Russland ehrt einen seiner großen Söhne. Doch leicht ist es nicht mit Alexander Solschenizyn: Der unerschütterliche Wahrheitssucher bleibt suspekt, andere Teile seines Denkens passen zu gut zur Kreml-Linie.

veröffentlicht am 05.12.2018 um 16:57 Uhr

Der russische Präsident Wladimir Putin (re.) zeichnet Alexander Solschenizyn für sein gesellschaftliches Engagement mit dem Staatspreis aus. Foto: epa Tass Mikhail Klimentyev/Po/RIA_NOVOSTI_POOL/dpa

Autor:

Friedemann Kohler

Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn (1918–2008) war eine Jahrhundertfigur. Ein unerschrockener Streiter für Wahrheit und Freiheit, dessen Werk die Sowjetunion in ihren Grundfesten erschütterte. Ein orthodoxer Denker mit dem Gebaren eines alttestamentarischen Propheten. Ein großrussisch-nationalistischer Philosoph und Kritiker westlicher Demokratie und Lebensweise.

Dieses sperrige Erbe macht das Gedenken an den Träger des Literaturnobelpreises von 1970 schwierig. Vom Solschenizyn-Jahr 2018 in Russland, verfügt von Präsident Wladimir Putin, ist bis zum 100. Geburtstag des Geehrten am 11. Dezember wenig zu spüren gewesen.

„Er ist anerkannt und nicht anerkannt“, sagte Viktor Jerofejew der Deutschen Presse-Agentur zu dem Jubiläum. Der Autor von „Die Moskauer Schönheit“ gehört einer anderen Generation an, ist westlich orientiert, aber er sagt: „Solschenizyn ist eine große Figur der russischen Literatur.“

Alexander Solschenizyn (l.) mit Heinrich Böll, nach seiner Ausweisung. Foto: dpa
  • Alexander Solschenizyn (l.) mit Heinrich Böll, nach seiner Ausweisung. Foto: dpa
Alexander Solschenizyn (li.) bedankt sich für den Literaturnobelpreis. Rechts applaudiert der schwedische König Carl Gustaf. Foto: UPI/A0001/dpa
  • Alexander Solschenizyn (li.) bedankt sich für den Literaturnobelpreis. Rechts applaudiert der schwedische König Carl Gustaf. Foto: UPI/A0001/dpa

Mit dem Roman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ wurde Solschenizyn 1962 berühmt. Der Lehrer und ehemalige Lagerhäftling erzählte erstmals offen von einer Erfahrung, die Millionen Russen teilten: vom Leben und Überleben im Straflager. Erscheinen konnte das Buch nur, weil politisch Tauwetter herrschte. Parteichef Nikita Chruschtschow wollte sich vom Erbe des Diktators Josef Stalin absetzen.

Schon die nächsten Romane „Krebsstation“ und „Im ersten Kreis der Hölle“ wurden in der Sowjetunion nicht gedruckt. Als Solschenizyn den Nobelpreis bekommen sollte, ließ Moskau ihn nicht ausreisen.

Ebenfalls im Westen erschien ab 1974 sein Hauptwerk, die monumentale Chronik „Archipel Gulag“ über Stalins Terror und das Lagersystem. Solschenizyn schrieb mit Empathie, heiligem Zorn und bitterer Ironie über das millionenfache Leiden.

Zugleich erkannte der Moralist eine tiefe Wahrheit: „Allmählich wurde mir offenbar, dass die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz.“ Die Moskauer Führung tobte. Im Westen wandten sich viele wohlmeinende Linke von der Sowjetunion ab. 1974 wurde Solschenizyn verhaftet und ausgebürgert. Sein Freund Heinrich Böll empfing ihn in Köln. Weiter führte der Weg durchs Exil über die Schweiz und die USA, ehe der Autor 1994 in seine Heimat zurückkehrte.

„Was er damals gemacht hat für die Aufarbeitung unserer Geschichte, ist nach wie vor von großer Bedeutung“, sagte die Menschenrechtlerin und Historikerin Irina Schtscherbakowa der dpa. Im neuen Russland ist die Widerständigkeit des Dissidenten Solschenizyn trotzdem wenig gefragt. Die Untaten des Stalinismus werden wieder verharmlost. Putin setze im Umgang mit Geschichte auf eine zweifelhafte Versöhnung, sagt Jerofejew: zwischen Roten und Weißen im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution, zwischen Opfern und Henkern im Stalin-Terror.

Dazu passt, dass der Präsident aus dem Geheimdienst den ehemaligen Lagerhäftling mehrfach getroffen und ausgezeichnet hat. Und der nationalistische Publizist Jegor Cholmogorow listet in einem Essay auf, wieviel Putin politisch von Solschenizyn übernommen habe: die Betonung der Orthodoxie, das Beharren auf einem eigenen russischen Weg, den Anspruch auf ein großes Russland, zu dem die Ukraine gehört.

„Russland tritt gerade – zur Freude und zum Ärger vieler - in eine neue Ära seiner politischen Entwicklung ein, die durch Solschenizyns Werke und Ideen vorgeprägt ist“, schrieb Cholmogorow.

Solschenizyns Witwe Natalja lobte den Kremlchef ausgerechnet für seine Politik gegenüber der Ukraine. „Russland hat in Putins Zeiten wieder zu militärischer, internationaler Macht gefunden“, sagte sie. Ihr Mann habe immer vor einem Abfall der Ukraine gewarnt. Sie warf dem Westen vor, „einen Keil in diesen Spalt getrieben zu haben“.

Zum Solschenizyn-Jahr hat die UN-Kulturorganisation Unesco einen runden Tisch in Paris veranstaltet. In Moskau soll seine Wohnung noch im Dezember als Museum eröffnet werden. Russische Theater zeigen Stücke nach seinen Romanen, darunter erstmals das große, aber langatmige „Rote Rad“, Solschenizyns Geschichte der russischen Revolution und ihrer Folgen. Bei einer Aufführung der Oper „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ am Moskauer Bolschoi-Theater wird der mittlere Solschenizyn-Sohn Ignat am Dirigentenpult stehen.

Was bleibt noch? Ein altmodischer Satz Solschenizyns, der quer zur modernen Kommunikation mit Fake News, Trolling und Propaganda steht. Er schrieb ihn in seiner verspäteten Nobelpreisrede von 1974: „Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt“.

Information

Die wichtigsten Werke

Alexander Solschenizyn gilt als prägende Figur der russischen Literatur und Geschichte des 20. Jahrhunderts. Von der Sowjetunion ausgebürgert, kehrte er 1994 in seine Heimat zurück. Seine wichtigsten Bücher:

  • Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch.
  • Matrjonas Hof.
  • Der erste Kreis der Hölle.
  • Krebsstation.
  • Der Archipel Gulag – 3 Bände 1973–1976
  • Das Rote Rad. Erster Knoten. August vierzehn.
  • Das Rote Rad. Zweiter Knoten. November sechzehn.
  • Das Rote Rad. Dritter Knoten. März siebzehn.
  • Russland im Absturz.
  • Zweihundert Jahre gemeinsam.dpa



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