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Tschechows „Onkel Wanja“ mit dem Theater „Poetenpack“

Alles normale Käuze

HAMELN. Vermutlich war es ein idealistisch gesinnter Studienrat, der Senecas „Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir“ ins Gegenteil verkehrte. Wo doch jeder Schüler bekennen wird, dass er nur für die nächste Arbeit büffelt. Genau da liegt das Problem, das wir mit Tschechow haben. Das beginnt damit, dass wir seine Stücke als melodramatische Tragödien begreifen – meist auch so vorgesetzt bekommen – und uns standhaft wehren, in ihnen Komödien zu sehen.

veröffentlicht am 01.04.2019 um 14:37 Uhr

Tschechows Figuren sind allesamt vom Leben verwundet, vereinsamt. Foto: Constanze Henning
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Autor

Richard Peter Reporter
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Sicher eine bittere Art von Comedie humaine, gerade weil Tschechow ein so vernichtendes Urteil über die Gesellschaft fällt. Gnadenlos objektiv ist – uns tief in die menschliche Seele blicken lässt. Kein schöner Blick. Wer lässt sich schon gerne sagen: „Seht Leute, wie schlecht ihr lebt“.

Tschechows Figuren sind allesamt vom Leben verwundet, vereinsamt – und wie es ein Sorin in der „Möwe“ ausdrückt: Er sei ein „L’homme qui a voulu“. Der Mann, der wollte. Und Tschechow, selber Arzt, diagnostiziert „kalt wie ein Chirurg“. Das Schlimmste, was man Wien nachsagen kann, wie Karl Kraus es formulierte: „Wien bleibt Wien“. Genau so endet auch Tschechows „Onkel Wanja“, am Sonntag Nachmittag mit dem „Theater Poetenpack“. „Alles wird wieder sein, wie es war, ehe es begann“. Und: „Finita la commedia!“ „Szenen aus dem Landleben“ nannte Tschechow seine „große Komödie“ die ihre Karriere als „Der Waldschrat“ begonnen hatte – aber beim Publikum durchfiel. Nach sieben Jahren hat er das Stück umgeschrieben – aus dem Waldschrat wurde der Arzt Astrow, ein Raisonneur – vom Leben und der Liebe enttäuscht, der bekennt: „Das Leben ist langweilig, dumm und schmutzig“ und die Menschen für ganz „normale Käuze“ hält. Und dennoch überzeugt ist, „dass Wälder die Welt verschönen, die Menschen lehren, das Schöne zu verstehen.“ Und menetekelhaft: „es ist barbarisch, sie aus kommerziellen Gründen zu roden, denn die Behausungen der Tiere werden mit zerstört, die Flüsse versiegen, das Klima verschlechtert sich und mit jedem Tag wird die Erde ärmer und hässlicher“. Ein Text wie von den aktuellen Freitagsdemonstrationen der Schüler.

Die kleine Welt in der russischen Provinz hat sich verändert, seit der emeritierte Professor Serebrjakow mit seiner ebenso jungen wie hübschen Frau Jelena ins Gutshaus seiner einstigen Schwiegermutter einzog. Das Gut wird von seiner Tochter Sofja und deren Onkel Wanja bewirtschaftet. Jahrzehnte haben sie alle Erträge der Landwirtschaft an den verehrten Professor geschickt, der sich als kalter Egoist erweist und das Leben auf dem Gutshof zerstört. Auch Jelena, in die sich sowohl Wanja wie auch der Arzt verlieben, muss sich von Astrow sagen lassen: „Wohin Sie und Ihr Mann kommen, überall bringen Sie Zerstörung“. Zerstört auch Sofja in ihrer unerwiderten Liebe zu Astrow. Die Lage spitzt sich zu. Als der Pofessor das Gut - das ihm gar nicht gehört - verkaufen will, kommt es zum Eklat. Wanja schießt zwei Mal auf ihn - trifft aber nicht.

Eine beeindruckende Aufführung des Theaters „Poetenpack“ in der Regie von Andreas Hueck, der die Komödie gleichermaßen komödiantisch und ernst nimmt. Ein Höhepunkt, auch in der Dialog-Behandlung, die Szene zwischen Jelena (Simone Kabst) und Sofja (Rike Joeinig). Große Schauspielkunst. Ein verlogener Grandseigneur Wolfram Grüsser als Professor. Johanna Lesch in der Doppelrolle der alte Njanja mit typischem Altersmümmeln und alter Gutsbesitzerin Maria, die dem ehemaligen Schwiegersohn in Treue ergeben ist. André Kudella als Astrow – ein trauriger Zyniker, dessen Anlagen nach und nach verkümmerten. Und schließlich Teo Vadersen als Wanja – ein vom Leben Betrogener, der sich in Arbeit flüchtet. Der seinen Lebenstraum vorzeitig ausgeträumt hat. Ganz nah an Tschechow. Und die Menschen als staunende Zuschauer. Wie bei der Brexit-Farce.




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