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Strahlenkreise und Parallelen

„arche“ zeigt meditative Arbeiten von Eugenia Gortchakova

HAMELN. Sie strahlen Ruhe aus – konzentrierte Stille. Wer die „arche“-Galerie am Freitagabend für die „Kleine Retrospektive“ von Eugenia Gortchakova betrat, sprach unbewusst leiser. An den Wänden: lichtdurchstrahlte Gebilde von kosmischer Tiefe. Eine ebenso fremde wie seltsam vertraute Welt. Zeitgenössische Ikonen aus Licht und Mystik. Kultobjekte – Kreise als gemalte Symbole, die für Unendlichkeit stehen, Sonnenscheiben ohne Anfang und Ende.

veröffentlicht am 21.01.2019 um 09:28 Uhr

Faszination Strahlenkreise: Ausstellung in der „arche“. Foto: geb
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Autor

Richard Peter Reporter
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Eugenia Gortchakova, 1950 in Kirow geboren, rund 800 Kilometer östlich von Moskau entfernt, wo sie studierte und als Fremdenführerin arbeitete. 1991 Aufenthalt in Paris, wo sie mit dem Existenzialismus in Berührung kam. Ein Jahr später wechselte sie nach Oldenburg, wo sie 2016 starb. Ihr Lebensgefährte Jürgen Weichardt, in Hameln noch bestens bekannt für seine früheren Einführungen im Kunstkreis, eröffnete diese Ausstellung – seinerseits gewürdigt vom kommissarischen „arche“-Chef Prof. Wulf Schomer, und an rund 250 kuratierte Ausstellungen erinnert und über 1100 Ausstellungen, die von ihm eröffnet wurden.

Was hier gezeigt wird, ist ein kleiner Ausschnitt aus dem Werk der Künstlerin, für die, wie Weichardt sagte, die biografischen Aspekte für ihre Entwicklung als Künstlerin besonders wichtig waren. Dazu gehört auch ihre Beziehung zu ihrer Zwillingsschwester, die für Begriffe wie „die Andere“ und Dialog stehen. Als Malerin war sie dem abstrakten Expressionismus verbunden. Ein Workshop im niederländischen Lerdam hatte ein Stipendium in Paris zur Folge – eine „Befreiung“, wie Weichardt es ausdrückt – und: „Der Westen wurde ihr zum Geschenk gemacht“. Hier suchte sie nach neuen Ausdrucksformen, fühlte sich vom Existenzialismus angezogen, las Sartre und Simone de Beauvoir. Tiefen Eindruck hinterließ Roman Opalka, der seine Bildflächen fortlaufend zählte. „In Paris“, so Gortchakova, „habe sie sich dem Fluss der Zeit geöffnet und den Zustand gefunden, in dem Bewusstsein dauert“. Sie entwickelte ihre Technik, kurze Pinselstriche als Ausdrucksmittel auf die Leinwand zu bannen.

Von Paris nach Oldenburg übersiedelt, wurde, wie Weichardt es formuliert, „das dialektische Prinzip der Gegenüberstellung von Strahlenkreisen und Parallelen zur Grundform ihrer Kompositionen“. Später kamen Schrift und Figuren hinzu, die ihr aus der Literatur vertraut waren. Um an Grafik-Biennalen teilnehmen zu können, erarbeitete sie sich neue Techniken wie Siebdruck und Radierungen – blieb aber auch hier ihrem Stil treu. Zuletzt eröffnete sie sich auch Video und Fotografie, mit denen sie neue Formen und Inhalte erprobte.

Der meditative Charakter ihrer Bild-Schöpfungen erinnert nicht nur an Ikonostasen, wie sie ihr aus ihrer Heimat vertraut waren. Erstaunlich, wie die so kulthaften Tafelbilder auf den jeweiligen Standort reagieren. Die aus der Distanz als metallen wahrgenommenen Arbeiten, verwandeln sich, je näher man kommt, in feinstrukturierter Flächen und abstrakte Muster. Gortchakova verfolgt damit konsequent eine Strategie der permanenten Wiederholung.

Die so individualistisch gestalteten Arbeiten, bei denen sich Strahlen konzentrisch von einem Mittelpunkt ausbreiten, werden im jeweils unteren Teil von parallelen Flächen aufgefangen. Was ihnen allen gemein ist: ein inneres Leuchten, trotz der eher gedämpften Farben. Ein wichtiges Werk auf der Galerie der Galerie, in dunklen Farben aber konsequent dual gemalt, wird durch ein „Memento Mori“ zum eigentlichen Gedankenträger von Eugenia Gortchakova.




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