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Landesbühne Tübingen mit Kaurismäkis „Der Mann ohne Vergangenheit“

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HAMELN. Theater kann alles, soll alles, darf (fast) alles –- nur eines nicht: langweilen. So sehr Kaurismäkis Filme längst Kult sind, sie eignen sich nur wenig fürs Theater.

veröffentlicht am 11.01.2018 um 15:56 Uhr

Ohne Gedächtnis: Rolf Kindermann als „Der Mann“. Foto: pr/METZ LTT
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Autor

Richard Peter Reporter
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Am ehesten noch sein „I hired a contract killer“ – zuletzt ebenfalls auf unserer Bühne. Was die Filme des Finnen so kultig macht: die suggestiven Bilder, aus denen Christoph Roos, am Mittwochabend mit dem Landestheater Tübingen zu Gast, eine Art Kasperle-Theater inszenierte, das nichts erzählt, auch wenn es immer wieder mit exzentrischen Einfällen überrascht. Langweilig die Saufszene auf den beiden Leitern und die Stahlrohre, die von Mal zu Mal als Bierbehälter länger werden. Und die Rohre schon zuvor als Transportrollen. Gags, die sich schnell verbrauchen.

Schlicht nervig das Chaosspiel mit Wellblech-Teilen, die verschoben und geräuschvoll verschoben werden in immer neue Kombinationen und allemal auf die Bretter krachen dürfen. Warum eigentlich? Und wozu?

Slapsticks – wenn sie’s denn wären, denn die würden eine gewisse Perfektion verlangen um sie wenigstens bewundern zu können. Vor allem im ersten Teil: Laien-Gewusel – eines sonst durchaus professionellen Ensembles, das hier sein Können konsequent verleugnet. So ein Hunde-Gag – ungekonnt dazu – ist zwar ganz lustig, hält aber nicht. Schon eher der Einstieg mit einer Art Bauarbeiter-Ballett, dem in Akkord-Manier die Drehzahl angezogen wird – sozusagen Sozialkritik über die Hinterbühne.

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Dann der Mann, der keinen Namen erinnert, kein Geburtsdatum, keinen Ort; der sein Zuhause wäre. Wie bei Zuckmayers Schuster Voigt – ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit kein Pass – heißt es hier: kein Name, keine Arbeit, kein Geld, kein Bankkonto. Kein Mensch also. Das Fatale: Fragebogen wollen ausgefüllt werden – egal ob mit erfundenem Namen, ausgedachter Biografie. Hauptsache bedient, was bürokratisch vorgegeben ist. Darum geht es Kaurismäki.

Natürlich ist diese Geschichte, die ein Märchen ist, wenn auch nicht märchenhaft und sicher kein Rührstück. Diese Geschichte wird bewusst ausgestellt. Vorgeführt: „Der Mann“, ein märchenhafter Heilsbringer. Für die Musiker der Heilsarmee, denen er neue Töne und Rhythmen verordnet – eine der besten Szenen, wenn die vier Musiker eng beieinander auf der Matratze im „Mann-Container“ sich zum neuen Sound wiegen. Dann ein Bankräuber und eine Bankerin, der eine Bank als Metapher dient. Und eine Menge Personal in unterschiedlichsten Besetzungen.

Rolf Kindermann als „Der Mann“ – vom Arzt für tot erklärt, der dann, höchst lebendig, Freunde findet. Ein liebenswerter Namenloser – ein Kind, das noch staunen kann und die Welt nimmt, wie sie ist. Selbst die Liebe erlebt er quasi stumm mit Susanne Weckerle als Irma. In zig Rollen: Andreas Guglielmetti, Raphael Westermeier – großes Kompliment, weil er in rund acht Rollen eingesprungen war, was keiner gemerkt hätte, wenn es nicht Theaterchef Wolfgang Haendeler angekündigt hätte. Bravissimo! Und allemal gute Schauspieler: Daniel Tille, Robin Walter Dörnemann, Mattea Cavic und Sabine Weithöner.

Einigermaßen versöhnlicher Schluss, weil da überraschend ein paar Menschen auf der Bühne stehen.

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