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Grotesk und leer: Hamburger „König Lear“ mit Edgar Selge

Beifall und Buhrufe

HAMBURG. Zum Start in die neue Spielzeit bietet Hamburgs Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier ein Projekt, dem viele Theaterfreunde entgegengefiebert haben: Shakespeares Machtdrama „König Lear“ mit dem großen Edgar Selge in der Titelrolle.

veröffentlicht am 22.10.2018 um 16:44 Uhr

Die Schauspieler Samuel Weiss (v. li n. re.) als Regan, Maximilian Scheidt als Oswald, Lina Beckmann als Narr, Edgar Selge als König Lear und Carlo Ljubek als Goneril stehen bei einer Fotoprobe zu König Lear auf der Bühne im Schauspielhaus. Foto: Chr

Autor:

Ulrike Cordes

Edgar Selge ist ein Ausnahmedarsteller. Einem Massenpublikum durch das Fernsehen im Bewusstsein, wo der zweifache Grimme-Preisträger mit herber, sich nicht schonender Eindringlichkeit oft Grenzen des Konventionellen überschreitet – so als homosexueller einarmiger Kommissar Tauber in der ARD-Krimireihe „Polizeiruf 110“.

Einen fulminanten Bühnenerfolg feierte der heute 70-Jährige vor gut zwei Jahren am Deutschen Schauspielhaus Hamburg unter Regie der Intendantin Karin Beier: mit seinem dreistündigen Monolog „Unterwerfung“ nach dem Houellebecq-Roman über eine fiktive Islamisierung Europas. Dafür erhielt er den Preis „Faust“ und wurde zum „Schauspieler des Jahres“ ernannt. Kein Wunder, dass Theaterfans der Premiere entgegengefiebert haben, mit der die Schauspielhaus-Saison 2018/19 eröffnet wurde: Shakespeares Drama „König Lear“ über den Zusammenhang von Macht und Wahnsinn, Rache und Zerstörung – mit Selge im Titelpart und in der Inszenierung Beiers. Und wieder schont Selge sich nicht. Entblößt nicht nur seine Seele, sondern auch seinen Körper, wenn er als nach Intrigen seiner Töchter an sich und der Welt verzweifelnder Ex-Herrscher mit wirren dünnen Haaren und splitterfasernackt oder im kurzen weißen Klinik-Hemdchen über die Bühne rast. Und doch bleibt das Ergebnis des Abends zwiespältig – auch ablesbar am Schlussapplaus: Groß ist der Beifall für Selge und seine Kollegen, für Beier gibt es auch etliche Buhrufe.

Grund dafür, dass die in eine groteske, wurzellose Gegenwart geholte, auf gut drei Stunden verknappte und von viel Musik durchtränkte Inszenierung nicht jedem Zuschauer Erlebnis und Geistesfutter bietet, mag das nur schwer erkennbare Regiekonzept sein. Stattdessen sorgen aufgesetzt wirkende Effekte und überdeutliche Symbole eher für Ermüdung. Einen trostlos hellgrau gestrichenen Guckkasten hat dabei der Ausstatter Johannes Schütz auf die Bühne gestellt – Ausdruck einer leeren Welt, der erst einmal keiner entfliehen kann. Doch finden immer wieder Ausflüge und Ansprachen der Akteure in den Zuschauerraum statt – wie ein dicker Appell, nachzudenken über unsere eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Eher unlesbar erscheinen hier denn auch die Motive der handelnden Personen. Ganz langsam, der leptosome Leib in einem längst viel zu weiten grauen Politikeranzug steckend, schleicht Selges Lear zu Anfang sinnierend an der Wand des Guckkastens entlang, um dann unspektakulär die Macht an diejenige seiner drei Töchter abzugeben, die ihn am meisten liebt. Dabei verkennt er die aufrichtige Cordelia – zart und wie immer leicht manieriert gespielt von Lina Beckmann, die später auch seinen Hofnarren verkörpert. Der singt Schlager wie „What A Wonderful World“ und „Ha Ha Said The Clown“ und wird von Lear erwürgt.

„Gibt es eine Ursache in der Natur, die diese harten Herzen macht?“, fragt Lear mit Blick in Richtung eines hier gottverlassenen Himmels. Das Elend der Herrscherfamilie, in der die neuen, intriganten Regentinnen nicht nur ihren Vater entehren und zerstören, sondern auch das Land und am Ende sich selbst, wird gespiegelt von den Zuständen der kurze Hosen tragenden Familie des Grafen Gloucester (Ernst Stötzner), wo der uneheliche Edmund (Sandra Gerling) mit den Worten „Des Jungen Aufstieg ist der Sturz des Alten“ seinen charakterlich noblen Bruder Edgar (Jan-Peter Kampwirth) aus dem Felde schlägt. Und der Vater mit ausgestochenen Augen endet.

Bei alledem bleibt die Geschichte blass und fremd. „Wir sind die Überlebenden, der unrettbare Rest“, ruft als seltsam überflüssiger Nachklapp Edgar ins Publikum – und ermuntert es, über Flüchtlinge und Heimatlosigkeit unserer Tage nachzusinnen.




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