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Detmolder Landestheater inszeniert den dänischen Kultfilm

„Das Fest“: Warum? warum? warum?

HAMELN. „Warum hast du das getan?“ Die Frage bleibt. Weil sie immer wieder neu gestellt werden muss. Warum werden Kinder missbraucht, gequält, brutal vergewaltigt. Mädchen und Jungen. Auch und vor allem in Familien, die doch Schutz, Geborgenheit bieten sollen. Wie können Väter so viel Leid und Verzweiflung bereiten. Und wie können Mütter mit diesem Wissen weiterleben. „Das Fest“ nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov mit dem Landestheater Detmold am Montagabend als Nachholspiel auf unserer Bühne.

veröffentlicht am 12.06.2018 um 17:05 Uhr
aktualisiert am 12.06.2018 um 20:30 Uhr

Gustav Peter Wöhler als selbstbewusster Patriarch. Foto: Quast
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Richard Peter Reporter
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Ein Stück, das wütend macht – vor allem aber: einen hilflos zurück lässt. Weil es ein Tabu-Thema betrifft, das konsequent verdrängt wird. „Warum hast du das getan?“, fragt der älteste Sohn Christian seinen Vater Helge Klingenfeld-Hansen, der es zu etwas gebracht hat mit Villa und Personal und jetzt zum 60. Geburtstag die Familie und enge Freunde zu einem opulenten Fest eingeladen hat. Und das, obwohl Christians Zwillings-Schwester vor wenigen Monaten Selbstmord begangen hat. Beide Kinder wurden von Papa Helge regelmäßig in seinem Büro vergewaltigt. Und Mutter Else wusste davon – hat es selbst beobachtet. Verdrängt es, singt ihrem Mann zum Fest ein Ständchen, in dem sie ihm beteuert „… that I love you“.

Es beginnt, wie Familienfeiern beginnen: die Kinder reisen an – auch Michael, der Benjamin, mit Frau und Neugeborenem, ein großkotziger Herrenmensch, der gar nicht eingeladen ist und der dem väterlichen Terror nur entkam, weil er in einem Internat aufwuchs. Auch Helene, Studentin noch, kommt nach Hause – bringt ihren Freund Said mit. Begrüßungszeremoniell, Erinnerungen – dann, bei den Toasts auf den Jubilar, der Eklat. Christian macht die Vergewaltigungen seines Vaters öffentlich.

Als wäre nichts passiert, wird auf der festlichen Tafel serviert. Diesmal greift Christian auch seine Mutter an, die von allem wusste – und nicht wissen wollte. So bescheinigt sie ihm eine blühende Fantasie, die er mit der Realität vermische. Michael greift seinen Bruder tätlich an, schlägt ihn brutal nieder und selbst Schwesterchen Helene weist alles ins Reich der Fantasie, bevor ihr Freund ebenfalls von Michael brutal niedergeschlagen wird. Eine gespenstische Szene, in der die „Zehn kleine Negerlein“-Geschichte gegrölt wird. Erst als Helene einen Brief ihrer toten Schwester, den sie zuvor gefunden hat, verliest, in dem sie schreibt, dass sie mit ihren Erinnerungen nicht leben kann, kippt die Stimmung. Erstarrung. Eine Familie hat endgültig aufgehört zu sein.

Gustav Peter Wöhler als Helge – ein selbstbewusster Patriarch, der seine Macht ausübt. Ein zutiefst Schuldiger, der sich schuldlos fühlt. Wöhler spielt die Figur als Unbeteiligter. Keine Regung, als ihm Vergewaltigung der eigenen Kinder vorgeworfen wird, keine, als sein Sohn ihn Mörder nennt – geradezu perfide seine Reaktion auf den Brief seiner toten Tochter, die mit ihm ihren Tod begründet. „Ein schöner Brief“, wie er sagt.

Martin Pfaff lässt sich viel Zeit für seine Inszenierung, die dennoch eine dichte, bedrückende Atmosphäre schafft, weil sie Raum für Zwischentöne lässt.




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