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Verkrampftes Anti-Theater: Osnabrücker Bühne mit Haseks Romanhit in neuer Fassung

Den „braven Schwejk“ geschlachtet

HAMELN. Das Theater Osnabrück – am Sonntag Nachmittag mit „Der brave Soldat Schwejk“ auf unserer Bühne zu Gast – hat nach einem neuen Ansatz – einer ganz anderen Geschichte gesucht. Und sich dabei verlaufen. Denn Schwejk zu entzaubern, heißt auch, ihn unkenntlich zu machen.

veröffentlicht am 28.05.2019 um 17:30 Uhr
aktualisiert am 28.05.2019 um 20:40 Uhr

Das Theater Osnabrück brachte den Welthit „Der brave Soldat Schwejk“ auf die Hamelner Theaterbühne. Foto: Kerstin Schomburg/pr
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Autor

Richard Peter Reporter
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Nichts weniger als eine Menschheitsfigur, dieser Josef Schwejk, dessen Witz das Weltreich mit dem Doppeladler so gnadenlos ad absurdum führt. Im intellektuellen, so literarisch geprägten Prag, über das der „Fackel“-Kraus nach Schillers „Taucher“ witzelte: „Wie’s wieder brodelt, werfelt, kafkat und kischt“ – war Jaroslav Hašek mit seinem „Der brave Soldat Schwejk“ alles andere als willkommen. Man schämte sich seiner. Ausgerechnet Prag, die sonst so „Goldene Stadt“, mit einem behördlich anerkannten Deppen auf der Weltbühne vertreten.

Auch wenn es die Reduzierung der Figur auf den liebenswerten, weisen Narren war, die sie, zunächst in Österreich, später weltweit berühmt machte – die Welt liebte den Schwejk, seinen bodenständigen, so entwaffnenden Humor, seinen anarchischen Witz, der alles tradierte Brimborium enttarnte, indem er es bedingungslos anerkannte. Er nimmt den Irrsinn der Zeit wörtlich und macht ihn damit lächerlich.

Während aus dem Schatz der so willkürlich aneinandergefügten Geschichten bislang die liebenswerten Szenen ausgewählt wurden – verniedlicht auch und als versöhnlicher Schluss auf einen unversöhnlichen Weltkrieg: „Nach dem Krieg um sechs im Kelch.“ Wo alles anfängt. Und schon erstaunlich: Schwejk zieht in den Krieg, wo er eigentlich nie ankommt. Kreisverkehr in der Etappe.

Das Theater Osnabrück – am Sonntagnachmittag mit dem Welthit auf unserer Bühne zu Gast – hat sich gegen den Kuschel-Schwejk entschieden, hat nach einer Fassung von David Gieselmann nach einem neuen Ansatz – einer ganz anderen Geschichte – gesucht. Und sich dabei verlaufen. Denn Schwejk zu entzaubern, heißt auch, ihn unkenntlich zu machen.

Dabei: Durchaus legitim, aus der so verwirrenden Geschichten-Sammlung, einer anderen Art von „Untergang des Abendlandes in Anekdoten“, wie wir sie von Friedrich Torberg kennen, etwas ungewohnt Neues zu machen. Eine Entfremdung gewissermaßen. Wenn dann allerdings der Bruch zwangsläufig um jede Form von Charme, auch Witz, gebracht wird, Schwejk nicht mehr gestaltet, sondern gestaltet wird – stellt sich die Frage, was man mit ihm eigentlich noch will. Was Thomas Dannemann dazu einfällt: Flucht in die potenzierte Karikatur, in der nichts mehr vermittelt wird.

Mögen Figuren wie der Kirchenmann Katz (Johannes Bussler mit seiner so interessant gebrochenen Stimme) oder die Generalstäbler von Klaus Fischer, auch Philippe Thelen vor allem als Oberleutnant Lukasch, Grenzbereiche mimen, sie tun es als Karikatur der Karikatur am falschen Objekt. Und Stefan Haschke als Titelfigur hat eigentlich nie die Gelegenheit zu zeigen, dass er Schwejk ist. In Dannemanns Inszenierung mutiert er zum Meinungsträger.

Eine neue Sichtweise – auch dass Hašek (Cornelia Kempers) als Moderator auftritt, kommentiert und das Stück letal beendet. Der Rest versinkt im Chaos. Eine Inszenierung mit einer Art Puppenstube als Drehbühne (Justus Saretz), die sich an sich selbst berauscht – und dabei langweilt. Weil sie weder wirklich unterhält noch den eigenen intellektuellen Anspruch bedient. Ein sinnentleertes Durcheinander, das es schwermacht, nicht vorzeitig nach Hause zu gehen. Keine wie immer gescheiterte Aufführung – einfach nur schlechtes Theater.




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