weather-image
23°

Jugendstück „Mongos“ mit dem Theater Osnabrück im TAB

Der Dunkelheit entgegen

HAMELN. Als gegenseitige Selbsteinschätzung – Ikarus: impulsiv, patent, loyal – Francis: klug, nervig, mein bester Freund. Zwei Teenies mit Behinderungen. Ikarus querschnittgelähmt, der nur noch Arme und Kopf bewegen kann, für immer an den Rollstuhl gefesselt und Francis, bei dem früh multiple Sklerose diagnostiziert wurde und über eine Zeit an Krücken ebenfalls in den Rollstuhl gezwungen.

veröffentlicht am 21.05.2019 um 16:51 Uhr
aktualisiert am 21.05.2019 um 18:40 Uhr

Beeindruckend: Soheil Emanuel Boroumand als „Ikarus“ und David Krzysteczko als „Francis“. Foto: Uwe Lewandowski
pe

Autor

Richard Peter Reporter

„Mongos“, ein Jugendstück von Sergej Gößner am Dienstagvormittag im Theater auf der Bühne, dem TAB. Als sich der Einlass verzögerte, die Frage einer Schülerin, die im Foyer wartete, ob denn die Schauspieler noch nicht da seien. Die intuitiv richtige Frage – denn „Mongos“, ein Stück für zwei junge Schauspieler braucht nicht mehr. Schwarzes Kabinett – eine Halfpipe, die nur scheinbar für sportliche Bewegung steht. Zwei Schauspieler, Soheil Emanuel Boroumand als „Ikarus“ und David Krzysteczko als „Francis“ – und zusätzlich als Psychologe, das Mädchen Jasmin und als Chefarzt. Es ist ihre so bittere Geschichte, die sie schlaglichtartig in der Inszenierung von Philipp Moschitz mit dem Theater Osnabrück auf die Bühne bringen.

Immer wieder: Ikarus, der sich laufen sieht, wie in einem Traum gefangen. Auf Francis trifft, der sich mühsam auf Krücken fortbewegt, aber immer wieder auch aus seiner Rolle aussteigt, die Szenen moderiert, auch kommentiert, in andere Rollen schlüpft und beim „nächsten Schub“ ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen ist. Dann zusätzlich sprechbehindert. Zwei junge Männer, die nicht – und nie mehr – so werden leben können, dürfen, wie sie eigentlich leben müssten. Die sich ihre eigene Welt erschaffen. Eine sarkastisch geprägte Wohngemeinschaft. Eine Gemeinsamkeit, die eher wortlos funktioniert über unbestimmte, uneingestandene Gefühle. Weil jedes Wort eine Realität bedeutet, die es nicht mehr gibt.

Lass uns reden als Angebot – aber Reden eben auch als sinnloses Gelaber, das nichts ändert. Zwei Pubertierende, auf denen zu allen Problemen noch ein zusätzliches lastet – ein sexuelles, das allein mit Kuscheln nicht wirklich zu lösen ist. Unlösbar bleibt und die Benennungen nur Worte sind für etwas, was endgültig verloren bleibt als eine Art Stachel im Fleisch. Und auch „ficken“, neben allen anderen, nur eine Worthülse, die keine Erfüllung findet. Zwei Hilfsbedürftige, denen nicht wirklich zu helfen ist. Francis wird entlassen, Jasmin bleibt eine Illusion – Ikarus bleibt zurück. Wie so oft in diesem Stück, das mit Realitäten und Fiktionen spielt – auch hier der Bruch, wie ihn nur die Bühne kennt. Ikarus will noch einmal an den Anfang, will eine zweite Chance – die es hier nicht gibt.

Francis fällt nach Anfällen ins Koma. Zurück bleiben seine Gedichte, die er aufgezeichnet hat. Und für Ikarus bleibt der Weg „Der Dunkelheit entgegen“. Eine beeindruckende Inszenierung, die, bei aller Verspieltheit, nie die Tragik vergisst. Denn auf der Bühne stehen zwei junge Menschen, deren Leben im Wortsinn behindert ist. Zwei blendende Schauspieler mit dem nicht ganz einfachen Balanceakt zwischen sarkastischer Lebensbewältigung und dem Bewusstsein der Vergeblichkeit. Und dennoch – was Theater allemal auszeichnet: spielerisch unterhält.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare