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Künstler zeigen vermehrt Flagge

Die Kultur, der Osten und Chemnitz

DRESDEN. Seit den ausländerfeindlichen Demos in Chemnitz wird wieder diskutiert: Wie tickt der Osten? Die Kulturszene zeigt nach der rechten Hetze Flagge. Und ob Film, Bücher, Theater oder Musik: So viel Osten war lange nicht.

veröffentlicht am 25.09.2018 um 13:33 Uhr

Bildhauer Rainer Opolka steht neben einem Bronze-Wolf mit Hitlergruß vor dem Karl-Marx-Monument in Chemnitz. Mit der Kunstaktion will der Künstler gegen rechten Hass und Gewalt protestieren. Foto: Jan Woitas/ZB/dpa

Autor:

Caroline Bock

Die Wölfe zeigen Zähne und den Hitlergruß. Gerade hat der Künstler Rainer Opolka in Chemnitz seine Bronzewölfe vor das Karl-Marx-Monument gestellt. Damit reagierte Opolka auf die zum Teil ausländerfeindlichen Demos, die vor vier Wochen durch die Stadt zogen, weil ein Deutscher umgebracht wurde und Flüchtlinge unter Verdacht stehen.

Seitdem wird wieder einmal über Sachsen als Hochburg der rechten Hetze diskutiert. Auch wenn die Pegida-Demos in Dresden keine Massen mehr anziehen und sich viele von der AfD distanzieren – Rechtsextremismus ist ein Problem. Die Debatte um Ost und West, die DDR-Vergangenheit und die Fehler der Nachwendezeit – sie ist seit Chemnitz mit Macht zurück. Und das fast 30 Jahre nach demMauerfall.

Auch ohne Chemnitz ist gerade in der Kultur so viel Osten wie lange nicht. Im Kino läuft mit beachtlichem Erfolg und fast 200 000 Besuchern Andreas Dresens Spielfilm über den DDR-Liedermacher Gerhard Gundermann. Bei der Freiluftpremiere in Berlin sangen Zuschauer bei den Liedern mit.

Eine Kino-Doku erzählt den Weg der „Familie Brasch“, zu der der Schriftsteller Thomas Brasch gehörte. Angepriesen wird die Geschichte als „Buddenbrooks in DDR-Ausgabe“ – wahrscheinlich, damit auch Westpublikum anspringt. Die Autoren Jana Hensel und Wolfgang Engler sprechen im Buch „Wer wir sind“ über die Erfahrungen von Ostdeutschen. Lukas Rietzschel schrieb mit „Mit der Faust in die Welt schlagen“ einen Roman über Rechte in Sachsen.

Ich mag das Sachsen-Bashing nicht, da ich sehr viele vernünftige Sachsen kenne, die ausgesprochen freundlich zu Ausländern sind.

Jörg Schüttauf, Schauspieler

Viele wehren sich gegen Häme und pauschale Urteile, Stichwort „Sachsen-Bashing“. Auch der Schauspieler Jörg Schüttauf ist da kritisch. Er stammt aus Chemnitz, das zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt hieß. Er sagt: „Erst waren es die Rostocker, dann die Mecklenburger, jetzt sind es die Sachsen. Ich mag das Sachsen-Bashing nicht, da ich sehr viele vernünftige Sachsen kenne, die ausgesprochen freundlich zu Ausländern sind.“

Ein Film der Stunde: „Wildes Herz“. Darin geht es um Jan „Monchi“ Gorkow. Er ist der Frontmann der Punkband Feine Sahne Fischfilet, die sich nicht nur in ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern gegen Rassismus engagiert. „Monchi“ war auch beim großen „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz dabei und wetterte dort vor Zehntausenden gegen das „Abhitlern“.

Auf einmal klingt vieles aktuell, was schon ein paar Jahre alt ist. Etwa, wenn die Chemnitzer Band Kraftklub einen Hit von 2012 singt: „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, original Ostler“. Auch im Theater gibt es solche Erlebnisse. „Wohin brechen wir auf nach dem, was geschehen ist?“, heißt es in Roland Schimmelpfennigs Fassung der „Odyssee“ am Staatsschauspiel Dresden – Antike, aktuell erzählt.

Die Chemnitzer haben aufwühlende Wochen hinter sich. Das erzählt auch der Generalintendant der Städtischen Theater, Christoph Dittrich. Hooligans, Übergriffe, Hitlergrüße – erst sei da ein Schock gewesen, erzählt er. Dann habe man sich gesammelt, mit dem Gedanken „Nein, das sind wir nicht“. Die Bühnen organisierten ein Konzert mit Beethovens 9. unter freiem Himmel. Für viele ein Gänsehautmoment, bei dem sich unter Tränen die Anspannung löste – für Dittrich ein „unglaublich bewegender Moment“. Es gab auch viel Nachdenken – was war denn eigentlich los? Dittrich sah Angst, Sorge, Rassismus und Hetze. „Für Angst muss sich niemand entschuldigen, aber man muss sich darum kümmern.“ Dass Chemnitz ins Rennen um die Europäische Kulturhauptstadt 2025 geht, steht für Dittrich außer Frage: „Jetzt erst recht.“ Er weiß, dass die Chemnitzer Nachrichten vom hässlichen Deutschland um die Welt gingen. Aber er sagt, es komme darauf an, wie man mit solchen Ereignissen umgehe. Die Bühne will Flagge zeigen. So soll die Oper „Die weiße Rose“ über die Nazi-Widerstandsgruppe gezeigt werden – als Protest dagegen, dass fremdenfeindliche Demonstranten weiße Rosen trugen.




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