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Jugendstück auf den Brettern im TAB

Etwas grobmotorisch: „Der Junge mit dem längsten Schatten“

HAMELN. So gagig wie reizvoll die Idee, ein Zwillingspärchen zum Jahrtausendwechsel zur Welt kommen zu lassen. Den einen, Adam, genau eine Minute vor Mitternacht 1999, den anderen, Atticus, in der ersten Minute des Jahres 2000. Zwei Minuten, die sie trennen und eine ganze Welt. Ihre Geschichte wurde nun am Hamelner Theater erzählt.

veröffentlicht am 28.01.2019 um 16:42 Uhr
aktualisiert am 28.01.2019 um 21:40 Uhr

Metin Turan als Atticus (li.),und Christian Simon als Adam. Foto: Katrin Schander/PR
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Autor

Richard Peter Reporter
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Die Zwillingsbrüder, mit gleichen Startchancen – und immer zwei Geburtstage gefeiert – entwickeln sich völlig entgegengesetzt. Adam, sportlich, Mädchenschwarm, charming Boy – der andere eher schüchtern, ein „Trauerkloß“, wie es heißt, der lieber in der Schulbibliothek als auf dem Sportplatz ist, einer, der von sich glaubt, dass sein Schatten allemal der kürzere ist. Und immer Opfer.

Dabei wird er von seinem „großen Bruder“ – immerhin zwei Minuten älter – geradezu vergöttert. „Der genialste und unglaublichste Mensch, den ich kenne“, wie er zweimal im Stück bekennt. Leider ahnt Atticus nichts davon. Für ihn will sein Schatten nicht wachsen – auch nicht am Sonntagnachmittag mit dem Hessischen Landestheater Marburg auf den Brettern des Hamelner TAB für das Jugendstück „Der Junge mit dem längsten Schatten“ von Finegan Kruckemeyer. Zwei Namen, die wohl auch zwei Minuten auseinanderliegen und eine Mischung aus irisch und ziemlich treudeutsch sein dürfte. Passt zum Stück.

Atticus ist wild entschlossen, sein Leben neu zu gestalten – immerhin sind die Zwillinge mittlerweile zwölf geworden. Der Junge entwickelt einen „bonfunktionösen“ Plan, jemand anders zu werden, zumindest cooler. Start zu Hause – funktioniert nicht. Auch als Rapper zur Schulanfangsschau – eine Pleite. Am Mittwoch will er den Mobber Mike Tenner mobben – prophezeit ihm, „blöd zu bleiben“ und fühlt sich grässlich. Donnerstag bleibt er lieber unsichtbar in einer Kiste – aber dann: ein Baum mit vielen Blättern, auf denen jeweils etwas geschrieben steht. Plötzlich die Erkenntnis, dass Schatten keine feste Größe sind. Sich verändern, mal länger, mal kürzer werden, auch bei ihm.

Eine hübsche Parabel – allerdings nicht ganz so hübsch vorgeführt. Sagen wir mal: etwas grobmotorisch.

Nun ist es immer problematisch, wenn Erwachsene Kinder spielen – oder Schauspieler Schauspieler – die vom Kindsein nicht nur zwei Minuten entfernt sind. Da wird ziemlich willkürlich drauflosgemimt – sicher: ein paar ganz lustige Gags und Darth Vader kommt immer an, auch wenn über Bänke und Stühle geturnt und durchs Publikum gewuselt wird. Aber alles ein bisschen hingerotzt – wie die hysterische Mutter – und ziemlich lieblos. Auch ungekonnt. Und fast schon symbolisch, dass die Marburger für ihr „Klassenzimmerformat“ nur dreieinhalb Wochen für Proben ansetzten.

Viel an der Inszenierung von Philip Lütgenau ist vermutlich den Aufführungsorten geschuldet, die reale Klassenzimmer und keine Bühne sind. Mit immer anderen Arrangements von Bänken und Stühlen.

Klar, dass da viel improvisiert werden muss. Und Kinder sind ein dankbares Publikum – und darum kein Grund, sie so wenig ernst zu nehmen. Den beiden Schauspielern, Christian Simon als Adam mit ein paar Verwandlungen sowie Metin Turan als Atticus – vor allem aber der Regie hätte man ein bisschen längere Schatten gewünscht. Auch wenn die relativ sind. Kindertheater spielt sich so wenig von alleine wie eine Boulevard-Komödie oder „Hamlet“. Der Rest ist auch hier: Schweigen.




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