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Aufführung im Theater Hameln

„Extrem laut und unglaublich nah“: Den Nerv getroffen

HAMELN. Ein Albtraum-Szenario, das von der Realität geschrieben wurde. Nicht nur für Oskar, den Neunjährigen, der so viele Alter besitzt. Denker ist, Astronom, Erfinder, Pazifist – und noch so vieles andere, was man als Kind so ist und sein kann. Seine Geschichte wurde nun im Hamelner Theater Hameln aufgeführt.

veröffentlicht am 02.04.2019 um 13:40 Uhr
aktualisiert am 02.04.2019 um 16:50 Uhr

Besonders Hauptdarstellerin Julia Sylvester (re.) überzeugte in der Inszenierung der Burghofbühne Dinslaken. Foto: Martin Büttner
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Autor

Richard Peter Reporter
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Ein Parsifal und reiner Tor, dieser Oskar. Kunstfigur eines Autors, die eine seltsame Odyssee erlebt, wie sie Kinder immer wieder und millionenfach bereitet wird. Auch als die Twin Tower in New York in sich zusammen brachen und Oskars Vater unter sich begruben. Fünf Botschaften sind dem Jungen geblieben - Anrufe aus dem World Trade Center. Eine Art Vermächtnis - und noch etwas, was ihm sein Vater hinterlässt: einen Briefumschlag, auf dem nur „Black“ steht mit einem Schlüssel.

Ein einziger Schlüssel für rund 162 Millionen New Yorker Schlösser, die sich hier mit einem Namen verbinden: „Black“. Oskar macht sich auf die Suche - auch wenn sie nur vordergründig dem Schlüssel gilt. Es geht um die Suche nach dem Vater und sich selbst, seine eigene Geschichte für sein „Was-ich-schon-alles-erlebt-habe-Album“. Eine unglaublich nah und auch extrem laute Geschichte, die Jonathan Safran Foer nur wenige Jahre nach der so bildträchtigen Katastrophe herausbrachte, die am Montagabend mit der Burghofbühne Dinslaken auf unsere Bühne fand.

Ein Roman – der sicher vor allem als Roman berührt. Sich nicht zwingend für die Bühne anbietet. Und dennoch – um es so zu sagen: Wer eine Julia Sylvester als Oskar im Ensemble hat, sollte – muss – diese unglaubliche Story auf die Bühne bringen. Diese so unendlich tragische Figur – naiv, gewitzt, stur, bockig, beharrlich – die ihre Lügen numeriert. Pathetisch manchmal und von entwaffnender Einfachheit. Wenn er – eigentlich sie – das Publikum aufstehen lässt und nach einer Fünfpunkte-Skala wieder setzen. Im selben Publikum nach Namen fragt. Berührend und seltsam faszinierend ihre Klappsatz-Dialoge mit Oma, die stereotyp mit „over“ enden. Fantasievolle Erfindungen, wie das eingefärbte Duschwasser, das farblich die jeweilige Verfassung sichtbar macht.

Foto: Martin Büttner

Eine bezaubernde Schauspielerin, die diese Figur nicht nur in der Fantasie erlebbar macht– ganz real, selbst noch via Applausordnung. Christiane Wilke als Mama Linda und Oma, Jan Exner als rührend besorgter Papa und Opa, der das Dresden-Bombardement überlebte. Oskar in zwei weiteren Versionen, Philip Pelzer und Malte Sachtleben, die in viele zusätzliche Episoden-Rollen schlüpfen. Dazu blendende Musiker sind – denn auch das ist „Extrem laut und unglaublich nah“: Gekonnt untermalte und übertönte Begegnungen mit Menschen, wie sie eigenwilliger nicht sein könnten im Moloch New York.

Zuletzt zwei Mal aktuelle Literatur auf unserer Bühne – zwei Bestseller, der eine eine Art Totentanz, der bewusst Chaos erzeugt – der andere, dem das Chaos sozusagen innewohnt. Zwei unterschiedliche Welten. Wenn es eine Möglichkeit gibt, nationales Schicksal privat umzusetzen: Die Burghofbühne könnte den Nerv getroffen haben.




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